|
Gefahr aus dem Kat: Pflanzen droht die Überdüngung
Autos mit Katalysator sind längst
nicht so sauber wie bislang gedacht: Sie produzieren unerwartet
große Mengen Ammoniak und schädigen damit die Pflanzenwelt.
(vv) - Autos mit 3-Wege-Kat sind längst nicht so sauber wie
bislang gedacht. Das zeigt eine Studie von Botanikern der Universität
Bonn. Demnach pusten die "entgifteten" Fahrzeuge große
Mengen Ammoniak in die Luft - ein Gas, das beispielsweise bei
der Viehhaltung entsteht und für den stechenden Geruch von
Mist und Gülle verantwortlich ist.
Dass Katalysatoren überhaupt nennenswerte Mengen Ammoniak
produzieren, war bislang nahezu unbekannt. Selbst Experten gingen
davon aus, dass es sich dabei allenfalls um eine zu vernachlässigende
Nebenreaktion handelt - eine Fehleinschätzung, wie die Messungen
der Bonner Forscher und des TÜV zeigen. Gefahren für
die Gesundheit gehen von den gemessenen Konzentrationen zwar nicht
aus.
In der Pflanzenwelt kann das Gas jedoch starke Schäden
anrichten, so die Forscher. Schon heute wachsen an viel befahrenen
Straßen Moose und Flechten, die früher vorzugsweise
an den Betoneinfassungen von Misthaufen vorkamen. Andere Arten
wurden dagegen weitgehend verdrängt, berichten die Bonner
Wissenschaftler.
Schon vor mehr als 10 Jahren war es den Botanikern komisch vorgekommen:
Da wuchs plötzlich in Städten an Mauern und Bäumen
ein Moos namens Orthotrichum diaphanum, das dort zuvor nie gefunden
worden war. Typischerweise kommt es auf dem Land an den Betoneinfassungen
von Misthaufen vor. Dort enthält die Luft viel Ammoniak,
und der dient dem Moos als Stickstoff-Quelle: Eine Art Dünger
aus der Luft.
Flechten aus dem "Güllegürtel"
Einige Jahre später breiteten sich in den Städten plötzlich
stickstoffliebende Flechtenarten wie die Gelbflechte aus. Auch
diese Arten lieben eigentlich die Landluft: Normalerweise wachsen
sie beispielsweise auf Dächern von Viehställen. "In
den Städten gibt es aber keine Kühe und Schweine",
erklärt Professor Dr. Jan-Peter Frahm vom Bonner Nees-Institut
für Biodiversität der Pflanzen. "Was bewog also
die Flechten, in die Städte zu ziehen?" Dass Ammoniak
der Verantwortliche sein könnte, vermutete damals niemand
- woher sollte er auch stammen? Außerdem wird die Ammoniak-Konzentrationen
bei Schadstoffbestimmungen normalerweise nicht mitgemessen.
Noch undurchsichtiger wurde die Geschichte, als im Jahr 2000
der Monheimer Biologe Norbert Stapper feststellte, dass die stickstoffliebenden
Flechtenarten besonders gerne an stark befahrenen Straßen
wachsen - je stärker der Verkehr, desto besser. "Eigentlich
gelten Flechten als Indikatoren für Luftgüte",
erklärt Frahm; "man sollte meinen, dass sie empfindlich
auf die Auspuffgase reagieren."
Ammoniak statt Saurer Regen
Die Frage nach dem Grund ließ Frahm keine Ruhe. Im vergangenen
Sommer setzte er schließlich zwei Doktoranden auf das Thema
an. Experimente und Literaturrecherchen lenkten den Verdacht schnell
auf die Stickstoff-Quelle Ammoniak - eine Substanz, die im Autoabgas
jedoch allenfalls in minimalen Konzentrationen vorkommen sollte.
"Mit Unterstützung des TÜV in Bonn haben wir dann
bei 30 Fahrzeugen mit Katalysator das Abgas untersucht",
erläutert Professor Frahm. Das Ergebnis überraschte
selbst die Experten: "Alle Pkw pusteten Ammoniak in die Luft
- und das in Konzentrationen, die man zum Teil bereits mit der
Nase wahrnehmen konnte." Bis zu 25 ppm (parts per million)
erreichten die Werte bereits im Leerlauf; bei höheren Drehzahlen
stiegen sie gar auf das drei- bis zehnfache - die Grenze dessen,
was das Messgerät nachweisen konnte.
Keine Gefahr für menschliche Gesundheit
Gefahr für die menschliche Gesundheit geht von den gemessenen
Mengen dennoch nicht aus, da sich das Gas schnell verdünnt.
Gefährlicher ist da schon der "Düngeeffekt"
von Ammoniak: "Die Düngung ist so hoch, dass sie nur
von wenigen Moos- und Flechtenarten toleriert wird", betont
Frahm. "Die anderen halten das gar nicht aus." Auch
Blütenpflanzen, die Stickstoff anders als Moose und Flechten
nicht aus der Luft aufnehmen, sind gefährdet: Ammoniak verbindet
sich nämlich mit den Stickoxiden in der Luft zu Ammoniumnitrat
- das ist der Dünger, den man in jedem Gartencenter kaufen
kann.
Mit dem Regen gelangt der Dünger dann in den Boden. Folge:
Seltene Arten sterben aus und werden durch Stickstoffanzeiger
wie Brennessel oder Brombeere ersetzt. "Anders als beim Sauren
Regen sterben wegen des Ammoniaks keine Bäume", sagt
Frahm. Er fürchtet jedoch die schleichenden Veränderungen:
"Das langfristige Resultat ist eine zunehmende Verarmung
der Natur - wir leben bald in einer Güllewüste."
Seite
drucken
Hinweis
versenden
|