Sex hält das Erbgut in Schuss
Biologen glauben jetzt zu wissen, was Organismen
zu dieser aufwändigen Art der Fortpflanzung treibt.
(jkm) - Für Sex gibt es einen guten Grund, glauben kanadische
und amerikanische Biologen. Ihrer Ansicht nach ist es jedoch weniger
die Neukombination als vielmehr die Wartung der Erbanlagen, die
Organismen zu dieser aufwändigen Art der Fortpflanzung treibt.
Als Kronzeugen führen sie kugelförmige Algenkolonien
an, die sich umso häufiger für Sex entscheiden, je stärker
sie Stress und damit aggressiven Sauerstoffmolekülen ausgesetzt
sind.
"Wir zeigen erstmals, dass Oxidantien bei diesen Organismen
der Grund für Sex sind", erläutert Richard Michod
von der University of Arizona in Tucson. Der Forscher und seine
Kolleginnen studierten Grünalgen der Gattung Volvox - im
Wasser schwebenden Hohlkugeln, die sowohl die geschlechtliche
Fortpflanzung als auch die ungeschlechtliche Vermehrung beherrschen.
Auch viele Tiere, von Einzellern bis zu Wirbeltieren, haben die
Wahl und gehen mitunter erst dann zur geschlechtlichen Fortpflanzung
über, wenn sich die Umweltbedingungen verschlechtern. Bereits
vor 15 Jahren hatte Michod daher vermutet, Sex könnte als
reine Stressreaktion entstanden sein.

Foto: Aurora Nedelcu
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Grünalge Volvox carteri
Die großen Punkte sind asexuelle Fortpflanzungszellen.
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Sex als Methode, mit Stress zurechtzukommen
Seine Kollegin Aurora Nedelcu von der University of New Brunswick
machte nun die Probe aufs Exempel: Die Forscherin setzte Kulturschalen
mit Volvox carteri in gut 42 Grad Celsius warmes Wasser. Frühere
Experimente hatten gezeigt, dass die Algen als Folge dieser Behandlung
auf sexuelle Fortpflanzung umschalten. Nun fand Nedelcu, dass
der Hitzestress die Konzentration aggressiver Sauerstoffmoleküle
in den Kolonien um 100 Prozent ansteigen ließ. Gleichzeitig
wurden zwei Gene namens "sexual inducer" und "clone
B" aktiviert, die die Algen auf Sex einstimmen.
Versuchsweise verhinderten die Biologen die Anhäufung aggressiver
Sauerstoffmoleküle, indem sie das Enzym Katalase zu den gestressten
Algen gaben. Nun blieben beide Gene stumm, berichten die Forscher
in den "Proceedings of the Royal Society". Diese Resultate
sprächen für die Hypothese, die Bildung und Verschmelzung
von Keimzellen seien ursprünglich entwickelt worden, um oxidative
Schäden im Erbgut zu beheben. "Sex entstand als Methode,
mit Stress und seinen Folgen zurechtzukommen - den DNA schädigenden
Oxidantien", ist Nedelcu überzeugt.
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