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Mehr Tierkeime: Die Welt ändert
sich und mit ihr die Mikroben
Vogelgrippe und Sars, Aids
und BSE. Die meisten neuen gefährlichen Erreger stammen aus
dem Tierreich.
Von Simone Humml, dpa
Hamburg (dpa) - Ihre Zahl scheint
anzusteigen, sagt Klaus Stöhr, Leiter des Grippe-Programms
der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ein Grund sei der weltweite
Wandel in vielen Bereichen. Die Kultur ändere sich ebenso
wie die sozialen Verbindungen und die Transportmittel. Auch die
Tierzucht wandele sich und die Art, Nahrungsmittel zu produzieren.
«All das wird ohne jeden Zweifel einen Einfluss auf den
Weg haben, wie Mikroorganismen uns erreichen können.»
Und ebenso darauf, wie die Erreger sich verhalten und entwickeln.
Jedes Jahr eine neue Infektionskrankheit
Im Durchschnitt komme jedes Jahr
eine neue Infektionskrankheit hinzu, erläutert der Infektionsbiologe
Prof. Jörg Hacker von der Universität Würzburg.
Der Anstieg von registrierten Keimen verschiedener Herkunft liege
unter anderem an der besseren Diagnostik, insbesondere per Gentechnik.
Hacker verweist jedoch auch auf das Bevölkerungswachstum
- im 20. Jahrhundert hat sich die Zahl der Menschen auf rund sechs
Milliarden vervierfacht. «Die Menschen rücken immer
dichter zusammen.» Die Riesenansammlungen von Blechhütten
ohne Kanalisation in Städten wie Bombay unterstützen
die Verbreitung von Krankheiten. Die Riesenfarmen und Riesenschlachthallen
in Südostasien fördern Geflügelkrankheiten.
Besonders beim engen Kontakt
von Menschen und Tieren müssten laut Hacker bestimmte Hygieneregeln
eingehalten werden. Solche Traditionen aus Gesellschaft und Religion
würden jedoch zuweilen vergessen oder nicht mehr gelebt.
Früher habe es etwa in Afrika Regeln gegeben, Wildtiere zu
achten. «Sie wurden nur im Zusammenhang mit gewissen Ritualen
getötet und gegessen», betont Hacker. «Es scheint
so, dass Ebola und Aids durch das Jagen von Wildtieren zum Menschen
kamen.»
Ausbreitung des Menschen fördert
Kontakte
Der Leiter des Berliner Robert
Koch-Instituts, Prof. Reinhard Kurth, sieht auch in der Ausbreitung
des Menschen einen Grund für den Ausbruch neuer Krankheiten:
«Mittlerweile ist der Mensch in so ziemlich jeden Winkel
der Erde vorgedrungen.» Er sei daher mit fast allen Tieren
und Pflanzen in Kontakt gekommen und somit auch mit neuen Erregern.
«Die Affenpocken zum Beispiel traten in Zentralafrika praktisch
nur dort auf, wo umfangreiche Waldrodungen vorgenommen worden
waren.» Der erste Ausbruch außerhalb Afrikas geschah
im Juni 2003 in den USA, weil Menschen dort Präriehunde,
die den Erreger der Affenpocken übertragen können, als
Haustiere hielten.
Als weiteres Beispiel für
den Eingriff in die Natur nennt Kurth die starke Ausweitung des
Kakaoabbaus in Mittel- und Südamerika in den 60er Jahren.
Dort breitete sich das mit Blutungen einhergehende Oropouche-
Fieber aus, da die Viren übertragenden Stechmücken in
zahllosen mit Regenwasser gefüllten Kakaoschalen ideale Brutbedingungen
fanden.
Reisende verbreiten Erreger
rund um den Globus
Die Verbreitung der Erreger unterstützt
der Mensch zuweilen tatkräftig. «Schon Cholera, Pest
und Pocken breiteten sich früher entlang der Handelsstraßen
aus», sagt der Direktor des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts
für Tropenmedizin, Bernhard Fleischer. «Heute geht
alles viel schneller.» Aids sei wahrscheinlich schon viele
Jahrzehnte in Afrika gewesen, erläutert Fleischer mit Verweis
auf neue Tests von alten Blutproben. Isolierte Ausbrüche
gab es vermutlich immer wieder, erst mit Reisenden jedoch gelangte
HIV rund um den Globus. In Asien und Afrika werde Aids von Lkw-Fahrern
entlang der Straßen weitergetragen. Nach Auskunft von Prof.
Kurth erfuhr das Aidsvirus Anfang der 80er Jahre seine schnellste
Ausbreitung entlang der Fernstraße von Kampala (Uganda)
nach Mombasa (Kenia).
Anderen Erregern bietet erst
die Technik optimale Lebensbedingungen. So können sich Legionellen
hervorragend in Warmwasser- und Klimaanlagen ausbreiten. Der Rinderwahnsinn
BSE entstand nach derzeitigem Wissen, weil Rinder zu Tiermehl
verarbeitete Schafe fressen mussten.
Aber: Lebenserwartung nahezu
verdoppelt
Doch es gibt auch einen positiven
Wandel: Vor allem dank besserer Hygiene und Ernährung hat
sich die Lebenserwartung der Menschen im 20. Jahrhundert weltweit
von 35 auf 66 Jahre nahezu verdoppelt. Mit Hilfe von Impfstoffen
wurden die Pocken ausgerottet, Kinderlähmung und Masern zurückgedrängt.
Noch vor wenigen Jahrzehnten schien es, als könne der Mensch
die Erreger besiegen. Hacker verweist jedoch darauf, dass sich
einige Infektionskrankheiten wie Aids oder auch der Durchfallerreger
Campylobacter heute stärker ausbreiten: «Die Erreger
sind doch cleverer als wir dachten. Die ändern ständig
ihr Gesicht.»
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