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Fülle von Möglichkeiten? Künstliches
Virus in Rekordzeit erzeugt
Forscher um den Gen-Pionier
Craig Venter haben in nur 14 Tagen ein künstliches Virus
geschaffen.
Von Gisela Ostwald, dpa
Rockville (dpa) - US-Forscher
um den Gen-Pionier Craig Venter haben in der Rekordzeit von 14
Tagen ein Virus aus der Retorte geschaffen. Bei dem künstlichen
Organismus handelt es sich um einen für Menschen und Tiere
unschädlichen Erreger. Phi-X174, wie das seit Jahren bekannte
Virus heißt, kann nur Bakterien infizieren. Im vergangenen
Jahr hatte bereits ein anderes US-Team ein künstliches Virus
präsentiert, dafür aber jahrelang experimentiert.
Wichtiger als Phi-X174 selbst
ist das Verfahren, welches das Virus aus winzigen DNA-Schnipseln
erzeugen half. Es verspricht nach Erwartung von Experten, einmal
Mikroorganismen mit den unterschiedlichsten Aufgaben in Medizin,
Umweltschutz und Energiegewinnung maßschneidern zu können.
«Venter ist schnell. Er
hat sich wieder einmal als der Michael Schumacher der Genforschung
erwiesen», sagte der Leiter des Instituts für Bioethik
an der Universität von Pennsylvania, Arthur Kaplan, der dpa.
Um die Bedeutung von Venters jüngster Arbeit deutlich zu
machen, griff Kaplan zu einem weiteren Vergleich: Jene Forscher
in Stony Brook (US-Staat New York), die 2002 nach dreijährigem
Experimentieren das erste Virus künstlich geschaffen hatten,
seien sozusagen die Gebrüder Wright - die Pioniere der Luftfahrt.
«Venter aber ist der, der uns jetzt das erste Flugzeug geschenkt
hat», erläuterte Kaplan.
Venter hatte vor einigen Jahren
weltweit Aufsehen erregt, als er das internationale staatsfinanzierte
Humangenom-Projekt mit seiner Firma überrundete und als erster
eine grobe Blaupause vom Erbgut des Menschen vorlegte.
Nach dem Phi-X174-Muster dürften
in einigen Jahren Mikroorganismen vom Fließband kommen,
die die Giftstoffe im Atommüll abbauen, sagte Venter bei
einer Pressekonferenz mit US-Energieminister Spencer Abraham am
Donnerstagabend (Ortszeit). Das Ministerium hatte die Forschung
mit finanziert. Denkbar sind dem Genforscher zufolge auch eigens
entwickelte Bakterien, die Abwässer reinigen. Und Kohlekraftwerke
könnten Mikroben in der Emissionskontrolle verwenden, um
klimaschädliches Kohlendioxid zu zerstören, bevor es
in die Atmosphäre gelangt, zählte Venter vor Journalisten
auf.
In der Medizin könnten künstliche
Viren Krankheitserreger bekämpfen, die gegen Antibiotika
resistent sind. Andere Organismen aus dem Labor dürften helfen,
biologische Kampfstoffe zu entdecken oder vor ihnen zu schützen,
meint Venter. Impfstoffe auf DNA-Basis ließen sich verbessern
und ihre Produktion beschleunigen. Nicht zuletzt könnten
existierende Mirkoorganismen mit bestimmten Genen gespickt werden,
die sie für die Pharmakologie, Plastikherstellung, Textilindustrie
oder Petrochemie nützlich machten.
Das in Venters Labor in Rockville
(US-Staat Maryland) entwickelte Verfahren, das so genannte Polymerase
Cycle Assembly (PCA), stellt das Team in den «Proceedings»
der US-Akademie der Wissenschaften vor. Die Technik ist eine erweiterte
Version der Polymerase Kettenreaktion (PCR), mit der Genforscher
seit Jahren DNA-Schnipsel kopieren. Wie die PCR liefert Venters
neue Methode Zweifachkopien von Einfach- Vorlagen bestimmter Gensequenzen.
Diese werden überlappend zu Abschnitten des Erbguts zusammengefügt.
Aus ihnen konstruiert das PCA-Gerät schließlich ein
Viren-Genom. Der synthetisch hergestellte Partikel war in der
Lage, Bakterien zu infizieren und zu töten - genau wie ein
natürliches Phi-X174.
Der Genforscher und Philosophieprofessor
Kaplan in Philadelphia befürwortet das neue Verfahren zwar
im Prinzip, äußerte aber auch Bedenken. Um Venters
Technik sinnvoll und gefahrlos anwenden zu können, müssten
das Besitzrecht (Patent) und der Zugang geklärt werden, die
Risiken ihrer Veröffentlichung eingeschlossen. Sodann sei
sicherzustellen, dass die neuen Organismen nicht in falsche Hände
geraten und der Menschheit schaden können.
Auch die Erzeugung des künstlichen
Kinderlähmungsvirus in New York war im vergangenen Jahr auf
Kritik gestoßen. «Es ist schon ernüchternd zu
sehen, dass Laboranten ein Virus aus dem Nichts schaffen können»,
kommentiert damals der Direktor für virale Krankheiten bei
den Gesundheitsforschungsinstituten (CDC) in Atlanta, James LeDuc
im Fachjournal «Science».
Kaplan rechnet nun auch mit dem
Protest einiger Kirchen gegen die künstliche Produktion lebender
Organismen. Noch mehr aber fürchtet er die ernüchterte
Einsicht der Menschheit sein, dass «Leben kein Zauber ist»,
sondern sich mit ausgefeilten Methoden mechanisch erzeugen lässt,
sagt der Bioethiker.
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