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Japan setzt aufs Sonnenfeuer: Bewerbung
um Kernfusionsreaktor ITER
Während die deutsche Regierung
die Bewerbung um den Bau des geplanten internationalen Kernfusions-Testreaktors
ablehnte, ist Japan umso eifriger um den Zuschlag für ITER
bemüht.
Von Lars Nicolaysen, dpa
Rokkasho (dpa) - Toshihide Tsunematsu
zeigt mit der Hand in die Ferne. «Stellen Sie sich vor,
dort drüben befindet sich das Gebäude mit der Reaktionskammer,
da hinten die Kühlwassertürme.» Wo sich derzeit
unter dem Himmel der nordjapanischen Gemeinde Rokkasho noch grüne
Wiesen und Bäume im Wind wiegen, erstreckt sich in der Vorstellung
des japanischen Atom-Wissenschaftlers schon bald das Gelände
für eines der größten und ehrgeizigsten Forschungsprojekte
der Welt: den geplanten internationalen Kernfusions-Testreaktor
ITER.
Während die deutsche Regierung
die Bewerbung um den Bau des Testreaktors ablehnte und die Grünen
gar auf den Rückzug Deutschlands aus der milliardenschweren
Kernfusions-Forschung drängen, ist Japan umso eifriger um
den Zuschlag für ITER bemüht. «Für uns als
rohstoffarmes Land hat das Projekt allerhöchste Bedeutung»,
sagt Satoru Ohtake, Direktor für Fusionsenergie in Japans
Wissenschafts- und Technologieministerium.

© dpa
Detail des
japanischen Kernfusion-Forschungszentrums Naka in der
Provinz Ibaraki
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Bei der Kernfusion wird nach
dem Vorbild der Sonne Wasserstoff zu Helium verschmolzen. Bei
der Fusion von einem Gramm Wasserstoff werde so viel Energie frei
wie bei der Verbrennung von acht Tonnen Erdöl, erläutert
Ohtake. Damit ist die Ausbeute rund vier mal so hoch wie bei der
Spaltung von Urankernen in herkömmlichen Kernkraftwerken.
Das Sonnenfeuer zündet allerdings erst bei einer Temperatur
von mehreren hundert Millionen Grad Celsius. ITER (Internationaler
Thermonuklearer Experimental-Reaktor) soll als erster Fusionsreaktor
netto Energie liefern, also - zumindest kurzzeitig - mehr Leistung
freisetzen als hineingepumpt werden muss.
Bereits 1985 hatten die USA und
die Sowjetunion eine Zusammenarbeit auf diesem Gebiet beschlossen.
Heute sind die USA, Russland, Japan, die EU, China, Kanada und
Südkorea an dem Projekt beteiligt. Um den ITER-Standort konkurrieren
Kanada, Frankreich, Spanien und Japan. Nachdem eine Entscheidung
zwei Mal verschoben wurde, soll sie nun zum Ende dieses Jahres
fallen.
Insgesamt werden die Kosten für
das ITER-Projekt auf umgerechnet 10 Milliarden Euro veranschlagt.
Davon entfallen auf den zehn Jahre dauernden Bau laut Ohtake rund
500 Milliarden Yen (4 Milliarden Euro). Sollte Japan den Zuschlag
erhalten, müsste das Land ein Viertel der Baukosten tragen,
den Rest teilen sich die Partner. Die auf rund 20 Jahre angelegte
Betriebsdauer für den Testreaktor verschlingt noch einmal
4,5 Milliarden Euro, zuzüglich der Entwicklungs- und Nebenkosten.
Ein erstes Kraftwerk sei dann hoffentlich in 25 bis 35 Jahren
zu realisieren, erklärt Ohtake.
Japan rechnet sich gute Chancen
aus, den Zuschlag zum Bau von ITER zu bekommen. Das dafür
vorgesehene Gelände in Rokkasho in der nördlichen Provinz
Aomori biete von der Logistik bis zur Versorgung mit Strom und
Kühlwasser beste Voraussetzungen, sagt Toshihide Tsunematsu,
für ITER mit zuständiger Direktor am Fusionsforschungsinstitut
Naka. Der Bürgermeister des von idyllischer Natur umgebenen
Rokkasho, Kenji Furukawa, frohlockt bereits und will sein Dorf
zu einem «dynamischen» Standort für internationale
Forschung und Entwicklung machen. Derzeit befindet sich dort eine
umstrittene Wiederaufbereitungsanlage für Atombrennstäbe
im Bau.
Auch in anderer Hinsicht bietet
Japan gute Bedingungen für das ITER-Projekt. Anders als Deutschland
setzt die zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt wesentlich
mehr Hoffnungen in die Kerntechnik. Japan verfügt über
52 Atommeiler, die ein Drittel des Stroms liefern. Ein Skandal
um die Vertuschung von Reparaturen in Meilern des größten
Atombetreibers des Landes, TEPCO, sowie der schwerste Atomunfall
in der Geschichte Japans in einer Uranverarbeitungsanlage in Tokaimura
mit zwei Toten 1999 haben jedoch das Vertrauen der Bevölkerung
in die Sicherheit der atomaren Anlagen des Landes schwer erschüttert.
Eine Alternative soll in Zukunft
die Kernfusion bieten. «Fusionsenergie ist eine umweltfreundliche
Energiequelle des 21. Jahrhunderts», zeigt sich Ohtake überzeugt.
Außerdem sei sie deutlich sicherer als die Kernspaltung.
Zwar falle auch dabei schwach radioaktiver Müll an, der jedoch
leicht zu beseitigen sei. In Rokkasho lagert bereits schwach strahlender
Müll - versiegelt und vergraben in der grünen Natur.
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