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- 23.06.2003 -

 

 

 

 


 

Spiegelsäle und Männergene: Y-Chromosom sequenziert

Ein großer weißer Fleck im menschlichen Genom ist erkundet: Forschern ist es gelungen, das männliche Geschlechtschromosom zu sequenzieren.

(jkm) - Im Magazin "Nature" berichten die amerikanischen und niederländischen Wissenschaftlern von genetischen Spiegelsälen, wahren Männergenen und rettungslos verlorenen Sequenzen. Der erstaunlichste Befund: Mangels eines Partners hat das kleine Y-Chromosom gelernt, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Mutation zu ziehen.

Das Y-Chromosom kommt - zusammen mit einem X-Chromosom - nur bei Männern vor, Frauen besitzen zwei X-Chromosomen. Lediglich zwei kurze Abschnitte an seinen Enden können sich bei der Bildung von Spermien noch mit entsprechenden Abschnitten des X-Chromosoms austauschen und so auf herkömmliche Art und Weise für die Intaktheit ihrer Gene sorgen. Bei den restlichen 95 Prozent des Chromosoms, bestehend aus rund 23 Millionen DNA-Basenpaaren, scheint es sich um eine genetische Einsiedelei zu handeln, in der eine Handvoll Gene schutzlos dem Zahn der Zeit ausgeliefert ist.

Dieser Eindruck trügt, fanden David Page vom Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, und seine Kollegen. Sie arbeiteten sich durch zahlreiche Wiederholungen unsinniger DNA-Abschnitte, vor denen andere Forschergruppen bislang zurückgeschreckt waren. "Der Versuch, das Y-Chromosom zu sequenzieren, ist wie das Betreten eines Spiegelsaals, in dem man sich um sich selbst dreht, und von dem man nach dem Verlassen eine Karte zeichnen soll", so Page.

 


© 2003 Howard Hughes Medical Institute

Jede menschliche Zelle enthält 46 Chromosomen: 2 Geschlechts- chromosomen (r. u.) und 22 Paare anderer Chromosomen.

 

Page und seine Kollegen machten sich dennoch ans Werk und wurden reich belohnt - unter anderem durch die Entdeckung von 78 Genen. Einige davon liegen in rund 300 Millionen Jahre alten Abschnitten des Y-Chromosoms und stammen damit aus einer Zeit, als X- und Y-Chromosom sich aus einem gemeinsamen Vorläufer entwickelten. Andere sind erst drei bis vier Millionen Jahren alt und wechselten vom X- auf das Y-Chromosom über, nachdem Schimpanse und Mensch getrennte Wege eingeschlagen hatten. Viele dieser Gene sind mittlerweile stark mutiert und nicht mehr funktionstüchtig.

Ganz anders dagegen zwei Gruppen von Genen, die offenbar nur in den Hoden abgelesen werden und vermutlich eine zentrale Rolle bei der Spermienbildung spielen. Mehrere Kopien dieser Gene liegen in Abschnitten des Chromosoms, die sich zueinander wie Bild und Spiegelbild verhalten. Wenn sich das Y-Chromosom auf sich selbst faltet, können diese Kopien nebeneinander zu liegen kommen - ähnlich gegenüberliegenden Buchseiten beim Zuklappen des Buches. Dabei können die Kopien sich untereinander austauschen und so der Anhäufung von Mutationen entgegenwirken.

"Ich denke, diese Y-Y-Genkonversion ist unsere wichtigste Entdeckung", sagt Page. "Die Sequenzierung des menschlichen Genoms war zwar extrem wertvoll, unsere Arbeit zeigt meiner Meinung nach aber, dass die schwierigsten, noch zu sequenzierenden Teile des Genoms ganz besondere Juwelen bergen."

 

 Mehr Informationen:

Howard Hughes Medical Institute

Chromosomen

 

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