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Buschmann-«Kaugummi»: Fettleibigen
den Appetit verderben
Der Viagra-Hersteller Pfizer
entwickelt einen neuen Appetitzügler und nutzt dafür
das traditionelle Wissen der Kalahari-Buschmänner. Eine Beteiligung
am Erfolg soll den Vorwurf der «Biopiraterie» ausräumen.
Von Ralf E. Krüger, dpa
Johannesburg (dpa) - Der kniehohe
Kaktus wirkt stachelig, unscheinbar und wenig nahrhaft. Hoodia
heißt die Pflanze, die am Rande der Kalahari-Wüste
gedeiht und den Buschmännern auf ihren langen Jagdausflügen
den Appetit verdirbt. Seit Jahrtausenden schon schieben sie sich
ein Stück Kaktus in den Mund, kauen darauf herum und unterdrücken
so für lange Zeit Hunger- und Durstgefühle.
Diesen Erfahrungsschatz will der
durch die Potenzpille Viagra bekannt gewordene Pharmakonzern Pfizer
nun heben und als Appetitzügler für Fettleibige auf
den Markt bringen. Allein in den USA wird sein Volumen auf 3 Milliarden
Dollar (rund 3 Milliarden Euro) geschätzt. Die klinische
Erforschung der P57 genannten Substanz geht bereits ins dritte
Jahr.
Ein als wegweisend gewertetes
Abkommen mit den Buschleuten machte nun auch ethisch den Weg für
die erfolgreiche Vermarktung des künftigen Schlankheitsmittels
frei. Der vergangenen Montag am Rande der Kalahari unterzeichnete
Vertrag sieht die finanzielle Beteiligung der San an der Vermarktung
des neuen Wunderpräparats vor.
Denn die San - so der korrekte
Name der südafrikanischen Ureinwohner - fühlten sich
buchstäblich übers Ohr gehauen, als der fragliche Wirkstoff
1996 patentiert wurde. Südafrikas Rat für Wissenschaftliche
und Industrielle Forschung (CSIR) hatte ihn isoliert und dann
die Rechte für die Entwicklung an die britische Firma Phytopharm
plc verkauft, die sie wiederum für 21 Millionen Dollar an
den Pfizer-Konzern verkaufte.
Über die Grenzen des Nach-Apartheid-Staates
hinaus erscholl damals der Vorwurf der «Biopiraterie».
Westliche Konzerne bedienten sich des Wissens der Ureinwohner,
zahlten ihnen aber nichts - ein Phänomen, das auch im vergangenen
Jahr den Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg
beschäftigte.
Im Falle des Hoodia-Kaktus entdeckten
beide Seiten jedoch recht schnell, dass sie im Gegeneinander nur
verlieren konnten. Den weit über den Süden Afrikas verstreut
lebenden San fehlte das Geld für die auf 500 Millionen Dollar
geschätzte Entwicklung der Substanz. Der Pharmaindustrie
dagegen drohten gerichtliche Auseinandersetzung und Imageverlust.
Nach dem nun ausgehandelten Modell
erhält der San-Rat - er repräsentiert die rund 100.000
Mitglieder der verschiedenen Stämme - über vier Jahre
eine Anzahlung von 1,5 Millionen Euro, wenn aus dem Kaktus ein
erfolgreiches Schlankheitspräparat wird. Außerdem werden
bei der für frühestens 2008 erwarteten P-57-Markteinführung
von den an die CSIR zu zahlenden Lizenzgebühren 6 Prozent
für den Fonds des San-Rates fällig.
Weiter hat sich Pfizer nach CSIR-Angaben
verpflichtet, Hoodia-Pflanzen in Südafrika zu kultivieren,
sollte es natürliche Substanzen zur Grundlage seines künftigen
Schlankheitsmittels machen. «Wir respektieren den Reichtum
und den Wert eures traditionellen Wissens», erklärte
CSIR-Chef Sibusiso Sibisi bei der Vertragsunterzeichnung.
Die Wirkung der auch als Fitmacher
von den Ureinwohnern genutzten Pflanze war bereits auch Südafrikas
Militärs aufgefallen, die San- Jäger als Späher
und Fährtenleser einsetzten. Sie hatten sich gewundert, wieso
die schmächtigen Buschleute so lange und ausdauernd ohne
Essen und Trinken in einer feindlichen Umgebung auskommen können.
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