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Nur grünes Mäntelchen?
Chemie-Industrie im Imagewandel
Grüne Chemie? Selbst Umweltschützer
attestieren der chemischen Industrie große Erfolge im Umweltbereich,
wenn auch noch kein Bewusstseinswandel zu verzeichnen sei.
Von Sandra Trauner und Simone
Humml, dpa
Frankfurt/Main (dpa) - Grüne
Chemie? In den meisten Ohren dürfte das noch immer ein Gegensatz
sein. «Chemie» ist schmutzig und stinkt, «grün»
klingt natürlich und gesund. Doch so klar sind die Fronten
im «Jahr der Chemie» 2003 nicht mehr, das die Bundesregierung
zusammen mit Chemieorganisationen nach dem «Jahr der Geowissenschaften»
initiiert hat. Selbst Umweltschützer attestieren große
Erfolge im Umweltbereich, wenn auch noch kein Bewusstseinswandel
der chemischen Industrie zu verzeichnen sei. In den angelsächsischen
Ländern hat sich der Begriff «green chemistry»
durchgesetzt für Verfahren, in denen die Chemie der Umwelt
hilft, statt sie zu belasten.
Noch bis in die 80er Jahre hinein
waren Chemieunternehmen Garanten für negative Schlagzeilen.
Lokalzeitungen berichteten über grüne Wolken und gelben
Schnee aus den Anlagen nebenan, die Weltpresse über die Katastrophen
von Seveso, Bhopal oder Basel. Dioxin, PCB, DDT und andere Abkürzungen
wurden zu Synonymen des Schreckens.
In den 80er und 90er Jahren zwang
die Politik mit massiven Umweltschutzauflagen die Chemie-Industrie
zum Handeln. Die jüngste Maßnahme ist das «Weißbuch»
der EU für eine neue Chemikalienpolitik, das als Grundlage
für neue EU-Richtlinien dienen soll. EU-Politiker möchten
Unternehmen künftig gesetzlich verpflichten, neue chemische
Produkte genauestens zu klassifizieren und die Risiken abzuschätzen
für Mensch und Umwelt. Ein Mammutvorhaben, das die Industrie
Zeit und Geld kostet und damit - Branchenvertretern zufolge -
möglicherweise auch Arbeitsplätze.
Monika von Zedlitz vom Verband
der Chemischen Industrie (VCI) in Frankfurt verweist auf eine
ganze Reihe von umweltpolitischen Selbstverpflichtungen, die VCI-Mitglieder
seit Beginn der 80er Jahre verabschiedet haben. «Da hat
im Management schon ein Umdenken stattgefunden», sagt von
Zedlitz.
«Grüne» Chemie
meint natürlich mehr als die Vermeidung von Unfällen.
Ziel ist es, den Schadstoffausstoß zu minimieren, den Rohstoffverbrauch
zu senken, die Prozesse zu verbessern und die Abfallmenge zu reduzieren.
Beispiel Abfall: Zwischen 1995 und 2000 haben die Mitgliedsunternehmen
des VCI die Gesamtabfallmenge von rund vier auf etwa zwei Millionen
Tonnen halbiert. Das nutzt nicht nur der Umwelt: Die Kosten für
die Abfallbeseitigung sanken gleichzeitig von 110 auf 45 Millionen
Euro.
Auch die Forschung hat viel zu
umweltfreundlichen Produkten beigetragen. Und einiges davon ist
schon beim Verbraucher angekommen, sagt Holger Bengs von der Gesellschaft
Deutscher Chemiker (GDCh) in Frankfurt am Main. Als Beispiele
nennt er Lackfarben auf Wasserbasis und neue Waschmittel, die
dank Enzymen mit geringeren Temperaturen auskommen. Nicht nur
die Vermeidung gefährlicher Stoffe, auch bessere Analysemethoden
rechnet Bengs zur grünen Chemie: «Dass man heute Acrylamid
in Chips nachweisen kann, ist auch ein Verdienst der Chemie.»
Ganz selbstlos ist das Bestreben
der Industrie natürlich nicht: Abfallbeseitigung kostet viel
Geld, und die Abgasnormen sind eng. Insofern ist der Umwelt-Gedanke
unter anderem dem Selbsterhaltungstrieb zu schulden. Viele Umweltschützer
sehen keinen wirklichen Bewusstseinswandel in der Industrie. «Wir
sind weit davon weg, dass die Chemieindustrie grundsätzlich
auf TBT oder andere gefährliche Chemikalien verzichtet»,
meint Greenpeace-Chemieexperte Manfred Krautter. So sei beispielsweise
der EU-weit in Schiffsanstrichen verbotene Tributylzinn (TBT)
als Kunststoffzusatz weiterhin erlaubt.
Armin Basler vom Bundesumweltministerium
sieht ein Einlenken der chemischen Industrie vor allem direkt
nach größeren Chemie- Störfällen. Derzeit
jedoch mache die Industrie beispielsweise auf allen politischen
Ebenen ganz massiv mobil gegen das «Weißbuch»
Chemie der EU. Auf die Unterstützung der Bevölkerung
könne die Natur derzeit nicht zählen: «Wenn es
der Wirtschaft nicht gut geht, interessiert sich auch die Bevölkerung
weniger für die Umwelt. Dann hat die Umwelt keine Lobby hinter
sich.»
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