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- 28.01.2003 -

 

 

 

 

 

 


 

Nur grünes Mäntelchen?

Chemie-Industrie im Imagewandel

Grüne Chemie? Selbst Umweltschützer attestieren der chemischen Industrie große Erfolge im Umweltbereich, wenn auch noch kein Bewusstseinswandel zu verzeichnen sei.

Von Sandra Trauner und Simone Humml, dpa

Frankfurt/Main (dpa) - Grüne Chemie? In den meisten Ohren dürfte das noch immer ein Gegensatz sein. «Chemie» ist schmutzig und stinkt, «grün» klingt natürlich und gesund. Doch so klar sind die Fronten im «Jahr der Chemie» 2003 nicht mehr, das die Bundesregierung zusammen mit Chemieorganisationen nach dem «Jahr der Geowissenschaften» initiiert hat. Selbst Umweltschützer attestieren große Erfolge im Umweltbereich, wenn auch noch kein Bewusstseinswandel der chemischen Industrie zu verzeichnen sei. In den angelsächsischen Ländern hat sich der Begriff «green chemistry» durchgesetzt für Verfahren, in denen die Chemie der Umwelt hilft, statt sie zu belasten.

Noch bis in die 80er Jahre hinein waren Chemieunternehmen Garanten für negative Schlagzeilen. Lokalzeitungen berichteten über grüne Wolken und gelben Schnee aus den Anlagen nebenan, die Weltpresse über die Katastrophen von Seveso, Bhopal oder Basel. Dioxin, PCB, DDT und andere Abkürzungen wurden zu Synonymen des Schreckens.

In den 80er und 90er Jahren zwang die Politik mit massiven Umweltschutzauflagen die Chemie-Industrie zum Handeln. Die jüngste Maßnahme ist das «Weißbuch» der EU für eine neue Chemikalienpolitik, das als Grundlage für neue EU-Richtlinien dienen soll. EU-Politiker möchten Unternehmen künftig gesetzlich verpflichten, neue chemische Produkte genauestens zu klassifizieren und die Risiken abzuschätzen für Mensch und Umwelt. Ein Mammutvorhaben, das die Industrie Zeit und Geld kostet und damit - Branchenvertretern zufolge - möglicherweise auch Arbeitsplätze.

Monika von Zedlitz vom Verband der Chemischen Industrie (VCI) in Frankfurt verweist auf eine ganze Reihe von umweltpolitischen Selbstverpflichtungen, die VCI-Mitglieder seit Beginn der 80er Jahre verabschiedet haben. «Da hat im Management schon ein Umdenken stattgefunden», sagt von Zedlitz.

«Grüne» Chemie meint natürlich mehr als die Vermeidung von Unfällen. Ziel ist es, den Schadstoffausstoß zu minimieren, den Rohstoffverbrauch zu senken, die Prozesse zu verbessern und die Abfallmenge zu reduzieren. Beispiel Abfall: Zwischen 1995 und 2000 haben die Mitgliedsunternehmen des VCI die Gesamtabfallmenge von rund vier auf etwa zwei Millionen Tonnen halbiert. Das nutzt nicht nur der Umwelt: Die Kosten für die Abfallbeseitigung sanken gleichzeitig von 110 auf 45 Millionen Euro.

Auch die Forschung hat viel zu umweltfreundlichen Produkten beigetragen. Und einiges davon ist schon beim Verbraucher angekommen, sagt Holger Bengs von der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) in Frankfurt am Main. Als Beispiele nennt er Lackfarben auf Wasserbasis und neue Waschmittel, die dank Enzymen mit geringeren Temperaturen auskommen. Nicht nur die Vermeidung gefährlicher Stoffe, auch bessere Analysemethoden rechnet Bengs zur grünen Chemie: «Dass man heute Acrylamid in Chips nachweisen kann, ist auch ein Verdienst der Chemie.»

Ganz selbstlos ist das Bestreben der Industrie natürlich nicht: Abfallbeseitigung kostet viel Geld, und die Abgasnormen sind eng. Insofern ist der Umwelt-Gedanke unter anderem dem Selbsterhaltungstrieb zu schulden. Viele Umweltschützer sehen keinen wirklichen Bewusstseinswandel in der Industrie. «Wir sind weit davon weg, dass die Chemieindustrie grundsätzlich auf TBT oder andere gefährliche Chemikalien verzichtet», meint Greenpeace-Chemieexperte Manfred Krautter. So sei beispielsweise der EU-weit in Schiffsanstrichen verbotene Tributylzinn (TBT) als Kunststoffzusatz weiterhin erlaubt.

Armin Basler vom Bundesumweltministerium sieht ein Einlenken der chemischen Industrie vor allem direkt nach größeren Chemie- Störfällen. Derzeit jedoch mache die Industrie beispielsweise auf allen politischen Ebenen ganz massiv mobil gegen das «Weißbuch» Chemie der EU. Auf die Unterstützung der Bevölkerung könne die Natur derzeit nicht zählen: «Wenn es der Wirtschaft nicht gut geht, interessiert sich auch die Bevölkerung weniger für die Umwelt. Dann hat die Umwelt keine Lobby hinter sich.»

 

 Mehr Informationen:

Das Jahr der Chemie

Weißbuch der EU für eine zukünftige Chemikalienpolitik (pdf)

Greenpeace: Chemie

GDCh- Fachgruppe Umweltchemie und Ökotoxikologie

VCI

vista verde: Chemie

 

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