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Klimawandel:
"Gorbatschow-Effekt" erwärmt
Europa
Seit dem Ende des Kalten Krieges
steigen die Temperaturen in Mitteleuropa besonders rasch, haben
zwei Hamburger Meteorologen herausgefunden. Ursache dafür
ist ausgerechnet der Rückgang der Schadstoffemissionen aus
dem berüchtigten "Schwarzen Dreieck" zwischen Tschechien,
Polen und Deutschland.
(jkm) - Als "Gorbatschow-Effekt"
bezeichnen Hartmut Graßl vom Max-Planck-Institut für
Meteorologie und Olaf Krüger von der Universität Hamburg
das Phänomen und erklären es wie folgt: "Nach 1989
sind die Wolken über Mitteleuropa vom Weltraum aus gesehen
dunkler geworden", so Graßl. Die Wolken streuen nicht
mehr so viel Sonnenlicht in den Weltraum zurück und lassen
mehr Strahlung zum Erdboden durch. "Und deshalb wird es jetzt
unter den Wolken wärmer", berichten die Forscher im
Fachblatt "Geophysical Research Letters".
Dass die Wolken "dunkler"
geworden sind, ist Folge einer umweltpolitischen Säuberungswelle
nach dem Ende des Eisernen Vorhangs. Vor allem im "Schwarzen
Dreieck" wurden zahlreiche Industrieanlagen und Kraftwerke
stillgelegt oder saniert, die bis dahin große Mengen von
Schadstoffen in die untere Atmosphäre gepumpt hatten. Für
die Meteorologen stellte dieser Wandel ein einzigartiges Großexperiment
dar, um endlich an konkrete Daten über einen schwer fassbaren
Klimaeffekt zu kommen.
Dieser so genannte indirekte Aerosol-Effekt
beschreibt den Einfluss winziger Schwebeteilchen auf die Bildung,
Lebensdauer und die optischen Eigenschaften von Wolken. Auf diese
Weise werden die Hunderstel bis Zehntausendstel Millimeter kleinen
Aerosolteilchen zu einem wichtigen Faktor im Klimasystem. Unglücklicherweise
ließ sich ihr Einfluss bislang aber nur anhand theoretischer
Berechnungen abschätzen. Indem Graßl und Krüger
zwei Sätze von Satellitendaten analysierten, die mehrere
Jahre vor und nach der Wende abdeckten, konnten sie den indirekten
Aerosol-Effekt nun zahlenmäßig erfassen.
Bislang ging man davon aus, dass
der indirekte Aerosol-Effekt insgesamt kühlend wirkt und
so den vom Menschen verursachten Treibhauseffekt bremst. Im Gegensatz
dazu fanden die Forscher, dass der Effekt die Erwärmung beschleunigt.
Im Mittel sank nach der Wende das Rückstrahlvermögen
der Wolken über Mitteleuropa um 2,8 Prozent. Der Strahlungsfluss
am Erdboden stieg dadurch um rund 1,5 Watt pro Quadratmeter, etwa
die Hälfte des mit rund 3 Watt pro Quadratmeter veranschlagten
anthropogenen Treibhauseffekts.
Dass Maßnahmen zur Luftreinhaltung
derartige Folgen haben könnten, hatte Graßl bereits
vor zwei Jahrzehnten vorhergesagt und sieht sich nun vollständig
bestätigt: "Nur wer alle Ursachen der Klimaerwärmung
gemeinsam anpackt, nämlich Emissionsminderungen beim langlebigen
Kohlendioxid und den kurzlebigen Gasen wie Schwefeldioxid sowie
beim Ruß durchsetzt, dämpft den raschen Klimawandel
ohne erneute Schräglage."
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