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- 07.10.2002 -

 

 

 

 

 


 

Nobelpreis für Arbeit zu Zelltod: Zellsterben ist lebensnotwendig

Für die Erforschung des programmierten Zelltods - Grundlage zum Verständnis von Krebs, Aids und anderen Krankheiten - erhalten zwei Briten und ein Amerikaner den Medizin-Nobelpreis 2002.

Von Simone Humml und Gisela Ostwald, dpa

Hamburg (dpa) - Der Tod ist lebensnotwendig - kaum ein anderes Beispiel aus der Biologie beweist diesen Satz besser als das programmierte Zellsterben. Werden defekte Zellen nicht schnell genug vernichtet, können Krebs und andere Krankheiten entstehen. Für ihre Arbeiten zur Organentwicklung und zum programmierten Zelltod (Apoptose) erhalten die Briten John Sulston (60) und Sydney Brenner sowie der US-Biologe Robert Horvitz (55) in diesem Jahr den Nobelpreis für Medizin.

Bereits ein Embryo entwickelt viel mehr Zellen, als das Baby bei der Geburt benötigt. Ein erwachsener Mensch bildet pro Tag mehr als tausend Milliarden neue Zellen. Für ihr Zusammenspiel ist eine feine Kommunikation aber auch die Zerstörung von Zellen nötig. Abwehrzellen des Immunsystems vernichten sich nach getaner Arbeit selbst. Bei Krebs können sich einige Zellen nicht mehr zerstören. Aber auch der umgekehrte Fall ist denkbar: So sterben bei einigen Nervenleiden zu viele Zellen ab, etwa bei der amyotrophischen Lateralsklerose (ALS), an der auch Horvitzs Vater starb. Die tückische Krankheit zwingt auch den britischen Astrophysiker Stephen Hawking in den Rollstuhl.

Der Biologe Carl Vogt aus Gießen hatte bereits im Jahr 1842 das Absterben von Zellen während der Entwicklung von Lebewesen beschrieben. Mehr als ein Jahrhundert später entwickelte der Brite Sulston vom Sanger Centre im britischen Cambridge moderne Techniken, um Zellentwicklung und -sterben zu beobachten. Er entdeckte, dass bestimmte Zellen in der Entwicklung eines Fadenwurms immer zu Grunde gehen. Der US-Biologe Horvitz vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (USA) fand schließlich wesentliche Gene, die zum gezielten Absterben von Zellen führen.

Die Grundlage für diese Experimente hatte Brenner gelegt: Er hatte den einen Millimeter langen Fadenwurm Caenorhabditis elegans als Versuchstier der Genetiker etabliert. Der Wurm vermehrt sich gut und ist durchsichtig, so dass sich die Zellteilungen und -entwicklungen gut beobachten lassen. Daher wurde er schnell zu einem der Lieblingtiere der Genetiker. Besonders wichtig ist der Winzling, weil der Mensch ähnliche Gene für den Zelltod besitzt.

«Die drei Preisträger sind wirklich gut ausgewählt. Brenner hat den Wurm für die Entwicklungsbiologie entdeckt, Horvitz und Sulston in seinem Labor darauf aufgebaut», sagt Ralf Sommer, einer der Direktoren am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Helmut Blöcker, Abteilungsleiter bei der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung in Braunschweig, glaubt, dass aus den Arbeiten innerhalb von Jahrzehnten neuartige Therapien entstehen könnten. «Wenn man die Mechanismen der Zellentwicklung versteht, kann man bei Krankheiten die Wurzel des Übels angreifen und muss nicht an Symptomen kurieren.»

Insbesondere bei Krebs, bei dem das Selbstmordprogramm der Zellen gestört ist, forschen Mediziner intensiv am Zelltod. Bereits jetzt gibt es für eine bestimmte Form von Blutkrebs, die chronische myeloische Leukämie ein Medikament, das mit Hilfe der Grundlagenforschung entwickelt wurde. Es beruht laut Blöcker auf dem Wissen, dass Stücke von Erbgutträgern bei dieser Krankheit vertauscht sind.

Für Horvitz ist es fast ebenso wichtig, seine Erkenntnisse in der Öffentlichkeit zu verbreiten wie im Labor zu arbeiten. «Es ist die Verantwortung jedes Wissenschaftlers, Nicht-Wissenschaftlern den Nutzen seiner Forschung klar zu machen», sagt er. Dabei scheut er selbst den Weg zum US-Kongress nicht. 1998 klärte Horvitz Abgeordnete in Washington darüber auf, wie Studien an winzigen Organismen das Verständnis, die Vorbeugung und Heilung von Krankheiten vorantreiben.

Im März 2000 wurde Horvitz für seine Erkenntnisse über die Apoptose mit dem Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis in Frankfurt ausgezeichnet. Die Vielzahl der Bereiche, bei der Apoptose eine Rolle spielt, machte damals der Laudator Rino Rappuoli deutlich: Im Jahr 1999 seien 8045 wissenschaftliche Arbeiten zu dem Gebiet veröffentlicht worden - mehr als über das Aidsvirus im selben Jahr.

 

 Mehr Informationen:

The Nobel Foundation

Die Preisträger:
- Sydney Brenner
- Robert Horvitz
- John Sulston

Ein Wurm macht Karriere: Über C. elegans

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