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Genchronik:
Als die Störe ostwärts schwammen
Im Mittelalter wanderten nordamerikanische
Störe über den Atlantik bis in die Ostsee, haben Forscher
anhand von DNA-Vergleichen entdeckt. Der Befund könnte Konsequenzen
für die Versuche zu Wiederansiedlung des Störs an Europas
Küsten haben.
(jkm) - Hinweise auf eine ungewöhnliche
Fischwanderung hat ein deutsch-amerikanisches Forscherteam gefunden.
Vor etwa zwölf Jahrhunderten machten nordamerikanische Störe
demnach die Reise in die Ostsee. Dort lebten sie Seite an Seite
mit ihren europäischen Vettern, bis diese schließlich
aus dem baltischen Raum verschwanden. Der Befund könnte Konsequenzen
für die Versuche zu Wiederansiedlung des Störs an Europas
Küsten haben, schreibt die Gruppe in "Nature".
Beiderseits des Atlantiks leben
zwei Arten des Atlantischen Störs. Die europäische Art
Acipenser sturio lebte einst in Meeren und Flüssen vom Schwarzen
Meer bis ins Baltikum. Heute gibt es von den bis zu 3,5 Meter
langen, urtümlichen Fischen nur noch winzige Restpopulationen,
beispielsweise in Südfrankreich. Besser stellt sich dagegen
der etwas größere nordamerikanische Vetter Acipenser
oxyrinchus, dessen Verbreitungsgebiet von Neufundland bis Florida
reicht. Bislang ging man davon aus, dass die zwei Arten seit rund
15 Millionen voneinander getrennt sind.

© ArtToday
Atlantischen
Stör (Acipenser sturio)
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Wiederansiedlung des Störs
in der Ostsee?
Offensichtlich schafften die Nordamerikaner
im Mittelalter aber den 4.800 Kilometer weiten Weg nach Europa,
fanden Arne Ludwig vom Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung
und seine Kollegen. Die Forscher sequenzierten DNA aus Zellkern
und Mitochondrien von lebenden Stören und von Jahrhunderte
alten Museumsexemplaren. Zu ihrer Verblüffung fanden sie,
dass sämtliche aus der Ostsee stammenden Exemplare DNA-Sequenzen
aufwiesen, wie sie sonst nur bei der nordamerikanischen Art vorkommen.
Eingehendere Untersuchungen der knöchernen Hautplatten bestätigten
die Vermutung, dass es sich hierbei um nordamerikanische Immigranten
oder deren Nachfahren handelte.
Anhand der Mutationsrate der DNA,
der "molekularen Uhr", und archäologischen Funden
schätzen die Forscher, dass die Einwanderung vor rund 1.200
Jahren erfolgte. Zunächst scheinen die Tiere Seite an Seite
gelebt zu haben, ohne sich jedoch untereinander zu paaren. Schließlich
verschwand die europäische Art jedoch.
Ludwig und seine Kollegen vermuten
einen Zusammenhang mit der so genannten "Kleinen Eiszeit",
einer vom 16. bis in das 19. Jahrhundert währenden Kälteperiode:
A. sturio laiche nur bei Temperaturen über 20 Grad Celsius
ab, A. oxyrinchus pflanze sich dagegen bei Temperaturen unter
18 Grad fort.
Ebenso wie das übrige Europa
ist das Baltikum heute frei von Atlantischen Stören, hauptsächlich
aufgrund von Fischerei und Flussausbau. "Unsere Befunde haben
Auswirkungen für die Wiederansiedlung des Störs in der
Ostsee", schreiben die Forscher. Aufgrund der geringen Restpopulation
der europäischen Art sei dieses Unterfangen bislang kaum
vorangeschritten. Und Versuche, die nordamerikanische Art anzusiedeln,
könnten an den heutigen, relativ hohen Wassertemperaturen
der Ostsee scheitern.
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