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- 04.10.2002 -

 

 

 

 


 

Genchronik:

Als die Störe ostwärts schwammen

Im Mittelalter wanderten nordamerikanische Störe über den Atlantik bis in die Ostsee, haben Forscher anhand von DNA-Vergleichen entdeckt. Der Befund könnte Konsequenzen für die Versuche zu Wiederansiedlung des Störs an Europas Küsten haben.

(jkm) - Hinweise auf eine ungewöhnliche Fischwanderung hat ein deutsch-amerikanisches Forscherteam gefunden. Vor etwa zwölf Jahrhunderten machten nordamerikanische Störe demnach die Reise in die Ostsee. Dort lebten sie Seite an Seite mit ihren europäischen Vettern, bis diese schließlich aus dem baltischen Raum verschwanden. Der Befund könnte Konsequenzen für die Versuche zu Wiederansiedlung des Störs an Europas Küsten haben, schreibt die Gruppe in "Nature".

Beiderseits des Atlantiks leben zwei Arten des Atlantischen Störs. Die europäische Art Acipenser sturio lebte einst in Meeren und Flüssen vom Schwarzen Meer bis ins Baltikum. Heute gibt es von den bis zu 3,5 Meter langen, urtümlichen Fischen nur noch winzige Restpopulationen, beispielsweise in Südfrankreich. Besser stellt sich dagegen der etwas größere nordamerikanische Vetter Acipenser oxyrinchus, dessen Verbreitungsgebiet von Neufundland bis Florida reicht. Bislang ging man davon aus, dass die zwei Arten seit rund 15 Millionen voneinander getrennt sind.
 


© ArtToday

Atlantischen Stör (Acipenser sturio)

 

Wiederansiedlung des Störs in der Ostsee?

Offensichtlich schafften die Nordamerikaner im Mittelalter aber den 4.800 Kilometer weiten Weg nach Europa, fanden Arne Ludwig vom Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung und seine Kollegen. Die Forscher sequenzierten DNA aus Zellkern und Mitochondrien von lebenden Stören und von Jahrhunderte alten Museumsexemplaren. Zu ihrer Verblüffung fanden sie, dass sämtliche aus der Ostsee stammenden Exemplare DNA-Sequenzen aufwiesen, wie sie sonst nur bei der nordamerikanischen Art vorkommen. Eingehendere Untersuchungen der knöchernen Hautplatten bestätigten die Vermutung, dass es sich hierbei um nordamerikanische Immigranten oder deren Nachfahren handelte.

Anhand der Mutationsrate der DNA, der "molekularen Uhr", und archäologischen Funden schätzen die Forscher, dass die Einwanderung vor rund 1.200 Jahren erfolgte. Zunächst scheinen die Tiere Seite an Seite gelebt zu haben, ohne sich jedoch untereinander zu paaren. Schließlich verschwand die europäische Art jedoch.

Ludwig und seine Kollegen vermuten einen Zusammenhang mit der so genannten "Kleinen Eiszeit", einer vom 16. bis in das 19. Jahrhundert währenden Kälteperiode: A. sturio laiche nur bei Temperaturen über 20 Grad Celsius ab, A. oxyrinchus pflanze sich dagegen bei Temperaturen unter 18 Grad fort.

Ebenso wie das übrige Europa ist das Baltikum heute frei von Atlantischen Stören, hauptsächlich aufgrund von Fischerei und Flussausbau. "Unsere Befunde haben Auswirkungen für die Wiederansiedlung des Störs in der Ostsee", schreiben die Forscher. Aufgrund der geringen Restpopulation der europäischen Art sei dieses Unterfangen bislang kaum vorangeschritten. Und Versuche, die nordamerikanische Art anzusiedeln, könnten an den heutigen, relativ hohen Wassertemperaturen der Ostsee scheitern.

 

 Mehr Informationen:

Institut für Zoo- und Wildtierforschung

Baltic Marine Environment Protection Commission (Helsinki Commission, HELCOM): Fish

Gesellschaft zur Rettung des Störs

g-o.de: Eiszeiten

 

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