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- 26.09.2002 -

 

 

 

 

 


 

Umweltmediziner: Deutschland auf bioterroristischen Anschlag schlecht vorbereitet

Sie können das öffentliche Leben schlagartig lahm legen: Biowaffen wie Pocken-, Milzbrand- und Pesterreger, stellen nach Einschätzung von Umweltmedizinern ein hohes Risikopotenzial dar - mit massenhaft auftretenden Todesfällen.

Von Martina Rathke, dpa

Greifswald (dpa) - Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben der Weltöffentlichkeit die Gefährdung durch terroristische Gewaltakte drastisch vor Augen geführt. «Wir können davon ausgehen, dass Biowaffen in Zukunft eine nicht zu unterschätzende Gefahr darstellen», sagte der Bonner Umweltmediziner Martin Exner am Donnerstag.

Auf dem Jahreskongress der Gesellschaft für Hygiene und Umweltmedizin (GHU) in Greifswald haben Mediziner und Mikrobiologen deutliche Defizite beklagt, sollte es zu einem bioterroristischen Anschlag in Deutschland kommen. Es bestehe dringender Handlungsbedarf beim Zusammenspiel der beteiligten Institutionen, wie dem Robert Koch-Institut bis zu den örtlichen Gesundheitsämtern, machte Exner deutlich. «Wir müssen Szenarien realistisch erproben können.» Zudem seien Krankenhäuser nicht auf Massenerkrankungen vorbereitet, die Analysekapazitäten reichten nicht aus, Meldestrukturen und Quarantäne-Vorschriften seien mangelhaft, hieß es.

Am wahrscheinlichsten ist nach Angaben der Wissenschaftler ein Angriff mit Pockenviren oder deren gentechnisch veränderten Formen. Sie bergen eine hohe Sterberate, zudem ist das Ansteckungsrisiko bei der Übertragung von Mensch zu Mensch sehr hoch. Nach einer Untersuchung der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC können zehn infizierte Personen innerhalb eines Jahres mehr als 220.000 Menschen mit dem Pockenvirus anstecken.

Deutschland hatte sich nach dem 11. September 2001 entschlossen, sechs Millionen Portionen Pockenimpfstoff zu kaufen, um dadurch einen nationalen Vorrat für den Fall einer Bedrohung durch Pockenviren zu haben. Doch es sei zweifelhaft, dass die Menge im Falle einer Freisetzung tatsächlich reicht, um die Bevölkerung zu schützen, sagt der Mikrobiologe Lutz Guertler.

Der Greifswalder Wissenschaftler ist überzeugt, dass mit dem derzeitigen medizinischen und theoretischen Kenntnisstand jede Biowaffe «stumpf gemacht» werden könne. Allerdings müssten rechtzeitig und ausreichend Impfstoffe, Antibiotika oder Chemotherapeutika entwickelt werden. Es sei zu spät, erst nach einem möglichen bioterroristischen Anschlag mit der Entwicklung und Produktion von wirksamen Medikamenten zu beginnen, sagte Guertler.

Pockenerreger gehören nicht nur wegen ihres hohen Ansteckungsrisikos zu den gefährlichen Biowaffen. Die Krankheit gilt seit 1980 weltweit als ausgerottet. In Deutschland wurde bereits 1975 die Pflichtimpfung abgeschafft. Die US-Gesundheitsbehörden haben vor wenigen Tagen Pläne vorgestellt, nach denen die gesamte Bevölkerung innerhalb einer Woche geimpft werden kann.

 

 Mehr Informationen:

Gesellschaft für Hygiene und Umweltmedizin

the sunshine project

Gen-ethischer Informationsdienst

DIE ZEIT: Mörderisches Arsenal

 

 Lesen Sie auch:

Viren: Aufschub für die Pocken

Biowaffen: Das Kalkül der Pockenimpfung

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