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- 15.08.2002 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Genforschung:

Menschen können seit 200.000 Jahren sprechen

Erst vor zehn Monaten gelang englischen Wissenschaftlern der Nachweis, dass das menschliche Sprachvermögen genetisch verankert ist. Jetzt glauben sie beweisen zu können, dass die wichtigste Kulturfähigkeit des Menschen vor etwa 200.000 Jahren entstanden ist.

(jkm) - Ein Forschungsteam um den Molekulargenetiker Anthony Monaco vom Zentrum für Humangenetik der Universität Oxford hatte im Oktober des vergangenen Jahres ein Gen identifiziert, das bei einer englischen Familie eine charakteristische Sprachstörung auslöst. Das FOXP2 genannte Gen liegt auf einem Abschnitt des siebten Chromosoms, das weitere siebzig Gene enthält. Im Frühstadium der Entwicklung des Embryos produziert dieses "Sprach-Gen" ein Protein, das andere Gene einschaltet.

Bei der Hälfte aller Mitglieder einer Familie, die von den Wissenschaftlern mit dem Kürzel "KE" bezeichnet wird, ist einer von etwa 2.500 Abschnitten der DNA des FOXP2-Gens defekt. Seit ihrer Geburt haben diese Menschen Schwierigkeiten, Laute zu artikulieren und zu verstehen. Es fällt ihnen nicht nur schwer, Lippen, Zunge und Kehlkopf zu gebrauchen, um sich verständlich mitzuteilen. Es ist ihnen oftmals auch nicht möglich, zusammengesetzte Wörter und Sätze zu erkennen. Kernspintomographische Aufnahmen ihres Gehirns zeigten Unterentwicklungen bestimmter Regionen, die sowohl für die Motorik wie für das Sprachverstehen zuständig sind.

Auch wenn weitere Erbinformationen für die Entwicklung der menschlichen Sprachfähigkeit erforderlich sind, so zeigen doch die Ausfallerscheinungen bei dieser Familie die Bedeutung des FOXP2-Gens für das universelle Sprachvermögen aller Menschen. In Zusammenarbeit mit ihren Kollegen vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie begannen die englischen Wissenschaftler deshalb sogleich mit der Aufklärung der Evolutionsgeschichte des "Sprach-Gens." In einer Vorabveröffentlichung der Zeitschrift "Nature" stellen sie jetzt ihre Ergebnisse vor.

Die Wissenschaftler fanden, dass sich das FOXP2-Protein von Mäusen und Primaten nur in drei Aminosäure-Bestandteilen unterscheidet. Es gehört damit zu den fünf Prozent der beständigsten Erbsubstanzen. Das FOXP2-Protein von Schimpansen, Gorillas und Rhesus-Makaken war miteinander identisch und zeigte nur einen einzigen Unterschied zum Mäuse-Protein und zwei Unterschiede zum menschlichen Protein.

Für eine Sonderentwicklung des Orang-Utans spricht, dass sein Protein in zwei Bestandteilen von dem der Maus und in drei Bestandteilen von dem des Menschen differiert. Auch ein Vergleich des FOXP2-Gens bei Menschen der verschiedensten Kontinente zeigte die hohe Stabilität und geringe Abweichung dieses Erbfaktors beim Menschen.

In den 130 Millionen Jahren der Entwicklungsgeschichte, die den gemeinsamen Vorfahren des Menschen und des Schimpansen von der Maus trennen, änderte sich nur ein einziger Aminosäure-Baustein des FOXP2-Gens. In den vier bis sechs Millionen Jahren, in denen sich die menschliche Entwicklungslinie von den anderen Primaten absonderte, mutierten dagegen zwei Aminosäuren des Sprach-Gens beim Menschen und wurden erblich, während die übrigen Primaten von dieser Veränderung unbeeinflusst blieben. Nur beim Orang-Utan trat eine weitere Mutation auf.

Wegen dieses sehr langsamen Entwicklungstempos vermuten die Wissenschaftler, dass die entscheidenden FOXP2-Mutationen beim Menschen vor etwa 120.000 bis 200.000 Jahren erblich geworden sein können. Diese Zahlen entsprechen älteren Berechnungen über ein Ansteigen der Bevölkerungszahl beim modernen Menschen. Die größere Bevölkerungsdichte könnte als Auslesefaktor für die Entwicklung des sprachlichen Ausdrucks gewirkt haben.

Etwa gleichzeitig erreichte der Körperbau des Homo sapiens seine moderne Gestalt. Aus Computer-Simulationen weiß man zum Beispiel, dass der Neandertaler noch nicht zu feineren sprachlichen Artikulationen fähig war. Mit der Überlieferung des erworbenen Wissens an die nächste Generation beginnt jedoch die menschliche Kultur, auch wenn frühere Menschenarten und die übrigen Primaten bereits Formen des symbolischen Denkens und Handelns besaßen.

 


© ArtToday

Das "Sprach-Gen" von Schimpanse und Gorilla ist identisch und zeigt nur zwei Unterschiede zum menschlichen FOXP2-Protein.

 

 Mehr Informationen:

nature science update

Max Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie

Sprachevolution und Biolinguistik

Dorothee Warnecke: Sprachfähigkeit - eine Einzigartigkeit des Menschen?

ORF: Wie die Hirnforschung das Menschenbild verändert

A Language Gene: FOXP2. Genetics of Language

Die Evolution des Menschen

Becoming Human

 

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