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Kochwäsche bei 30 Grad: Marine
Biotechnologie vor breiter Anwendung
Rund 120 der weltweit führenden
Experten der «blauen» Biotechnologie tagen zur Zeit
in Greifswald und stellen neueste Forschungsergebnisse vor.
Von Martina Rathke, dpa
Greifswald (dpa) - Der Pilz «Kirschsteiniothelia
maritima» hat ideale Lebensbedingungen in der Ostsee bei
Greifswald. Doch er soll auch etwas leisten. Eine Arbeitsgruppe
unter Leitung der Greifswalder Pharmazeutin Ulrike Lindequist
hat wichtige Enzyme isoliert, die künftig als Antibiotika
eingesetzt werden sollen. Anders als bei derzeitigen Antibiotika
gebe es keine resistenten Staphylokokken gegen den aus dem Pilz
gewonnene Wirkstoff «Ascochital», erzählt Lindequist,
die am Institut für Pharmazie der Universität Greifswald
forscht.
Der Pilz ist nur ein Beispiel
für die Anwendungsgebiete der marinen Biotechnologie. Rund
120 der weltweit führenden Experten der «blauen»
Biotechnologie tagen bis Freitag in Greifswald und stellen neueste
Forschungsergebnisse vor.
Die Branche schaut optimistisch
in die Zukunft: Das Ausgangsmaterial sei schier unbegrenzt, die
Potenziale bei weitem noch nicht ausgeschöpft, schätzt
Thomas Schweder vom Universitäts-Institut für Mikrobiologie.
Rund drei Millionen bis 500 Millionen
Arten von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen leben Lindequist
zufolge im Meer. Bereits jetzt werden in den USA aus Schwämmen
und Nesseltieren Arzneistoffe gewonnen. Korallen produzieren entzündungshemmende
Stoffe, die schon heute erfolgreich in der Kosmetikindustrie eingesetzt
werden.
Toxine aus Kegelschnecken haben
eine schmerzdämpfende Wirkung, machen aber im Gegensatz zu
Morphinen nicht süchtig. Doch die Algen und Tiere können
nicht unbegrenzt aus dem Meer entnommen werden, damit das biologische
Gleichgewicht nicht gestört wird, sagt Lindequist.
Die Greifswalder Forscher legen
daher ihren Schwerpunkt auf die Produktion von Enzymen und neuen
Wirkstoffen aus marinen Mikroorganismen. Diese können unter
Laborbedingungen in unbegrenzten Mengen nachgezüchtet werden,
wie die Wissenschaftler betonen.
Die Einsatzgebiete sind von weitgehend
praktischer Bedeutung für den Menschen. Da 80 Prozent des
Meerwassers eine Temperatur unter fünf Grad Celsius aufweise,
seien die Lebewesen und damit ihre Enzyme kälteangepasst,
erläutert Schweder. Ihre optimale Wirktemperatur liege bei
16 Grad. Im Vergleich: Enzyme aus am Land lebenden Organismen
brauchen Optimaltemperaturen von 30 Grad.
Diese Eigenschaft habe eine große
Bedeutung in der Lebensmittelindustrie, beispielsweise bei der
Fruchtsaftherstellung. Die Ausgangsstoffe müssen unter dem
Einsatz von marinen Enzymen nicht mehr so stark erhitzt werden.
«Das spart Energie und verhindert gleichzeitig das Wachstum
von gefährlichen Mikroorganismen. Außerdem schmeckt
der Saft einfach besser», meint Schweder.
Ein weiteres Anwendungsgebiet
ist die Waschmittelindustrie: Unter dem Einsatz von kälteangepassten
Enzymen im Waschmittel müsse künftig Kochwäsche
nicht mehr gekocht werden. Gemeinsam mit dem Düsseldorfer
Waschmittelkonzern Henkel forschen die Greifswalder Mikrobiologen
auch auf diesem Gebiet.
In Mecklenburg-Vorpommern soll
im kommenden Jahr nach den Worten von Lindequist die Produktion
von Mikroalgen starten. In Dettmannsdorf-Kölzow will ein
Investor in einem geschlossenen ökologischen Kreislauf eine
Kornbrennerei sowie eine Produktionsstätte für Mikroalgen
errichten. Die Mikroalgen sollen künftig der Produktion von
Biomasse und von Nahrungsergänzungsmitteln dienen.
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