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Sinne: Hunger nach Berührung
Der moderne Mensch lebt in
einer multimedialen Scheinwelt, die einige seiner Sinne aufreizt
und erschöpft, während andere zu kurz kommen. Besonders
der Tastsinn bleibt unbefriedigt. Psychologen fordern deshalb
eine ästhetische Auflockerung unserer Umwelt.
(jkm) - Aus der Landwirtschaft
sind die Folgen einer intensiven Monokultur hinreichend bekannt:
Verödung der natürlichen Ressourcen und Verarmung der
schöpferischen Vielfalt sind die Folge. In einer aktuellen
Studie der Universität Oxford weist der Experimentalpsychologe
Charles Spence nach, dass eine Mehrzahl von Menschen in den Industrieländern
neunzig Prozent ihrer Tageszeit in geschlossenen Räumen verbringen.
"Fernsehen und Computer erleichtern
zwar unser Leben, doch sie befriedigen unser Grundbedürfnis
nach einer ausgeglichenen multisensorischen Diät nicht. Unser
Gesichtssinn überfüttert uns mit Informationen, während
unser emotionaler Tast- und Geruchssinn verwahrlost."
Der Mangel an natürlichem
Tageslicht führt bereits dazu, dass bis zu zwölf Prozent
der Bevölkerung in den nördlichen Breitengraden unter
einer saisonal bedingten Depression (SAD) leiden. Das inhumane
Arbeitsklima in der gefühllosen Architektur von Großraumbüros
hat die Ausbreitung einer neuen Krankheit, des Sick-Building-Syndromes
(SBS), begünstigt. Der englischen Wirtschaft entsteht durch
vorübergehende Krankmeldungen ein jährlicher Schaden
von etwa zwölf Milliarden Pfund.
Folgenreich ist auch die Vernachlässigung
des Tastsinns. Mit einer Gesamtfläche von fast zwei Quadratmetern
ist die Haut das größte Organ des Menschen. Auf einem
Quadratzentimeter Haut enden vier Meter Nervenfasern. Nicht weniger
als 25 Tastzellen beleben dieselbe Fläche auf der Innenseite
der Hand.
Eine ganze Generation "berührungshungriger"
Kinder sei bereits herangewachsen, stellt die Studie fest: "Wir
müssen nach neuen Wegen suchen, um den Berührungssinn
anzuregen," wenn die Gefahren eines allgemeinen Stress-Syndroms
mit Hypertonie (Bluthochdruck) eingedämmt werden sollen.
Gleichgewicht der Sinne
Eine langfristige Besserung der
Schäden, die aus der immer künstlicher werdenden Umwelt
des Menschen resultieren, erwartet Professor Spence von einer
neuen Einstellung gegenüber dem Gleichgewicht der Sinne:
"Die moderne Gesellschaft spricht unsere Sinne auf eine entschieden
unausgewogene Weise an. (...) Eine neue Philosophie des 'Sensismus'
bietet den Schlüssel zu größerem Wohlbefinden,
indem die Sinne ganzheitlich betrachtet werden, wie sie zusammenwirken,
und indem dieses Wissen in unsere Alltagserfahrung eingebracht
wird."
In Amerika werden bereits seit
einigen Jahren positive Ergebnisse mit der Einbeziehung der unkultivierten
Natur in die Alltagswelt erzielt. So werden Klimaanlagen mit UV-Licht
bestrahlt, der Raumluft werden natürliche Aromen zugesetzt,
Produkte werden mit ansprechenden Tastflächen ausgestattet,
auf den Dächern von Bürohäusern wuchern Tropengärten,
Krankenhäuser und Gefängnisse berücksichtigen das
menschliche Kontaktbedürfnis, Tiere helfen bei der Therapie
von Erkrankungen.
Eine neue Forschungsrichtung ist
entstanden, die sich auf das Buch "Biophilie" von Edward
O. Wilson beruft. Der bekannte Soziobiologe hatte als ihren Gegenstand
alle "Verbindungen" definiert, "die Menschen unbewusst
mit dem übrigen Leben herzustellen suchen."
"Unsere Existenz hängt
von dieser Neigung ab," schrieb Wilson 1984. "Unser
Geist entfaltet sich aus ihr, Hoffnungen entsteigen ihrem Strom."
Ganz so neu ist diese Erkenntnis freilich nicht: "Wenn der
Mensch von den Umständen gebildet wird, so muss man die Umstände
menschlich bilden," hatten Marx und Engels schon vor 150
Jahren geschrieben.
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