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- 10.06.2002 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Sinne: Hunger nach Berührung

Der moderne Mensch lebt in einer multimedialen Scheinwelt, die einige seiner Sinne aufreizt und erschöpft, während andere zu kurz kommen. Besonders der Tastsinn bleibt unbefriedigt. Psychologen fordern deshalb eine ästhetische Auflockerung unserer Umwelt.

(jkm) - Aus der Landwirtschaft sind die Folgen einer intensiven Monokultur hinreichend bekannt: Verödung der natürlichen Ressourcen und Verarmung der schöpferischen Vielfalt sind die Folge. In einer aktuellen Studie der Universität Oxford weist der Experimentalpsychologe Charles Spence nach, dass eine Mehrzahl von Menschen in den Industrieländern neunzig Prozent ihrer Tageszeit in geschlossenen Räumen verbringen.

"Fernsehen und Computer erleichtern zwar unser Leben, doch sie befriedigen unser Grundbedürfnis nach einer ausgeglichenen multisensorischen Diät nicht. Unser Gesichtssinn überfüttert uns mit Informationen, während unser emotionaler Tast- und Geruchssinn verwahrlost."

Der Mangel an natürlichem Tageslicht führt bereits dazu, dass bis zu zwölf Prozent der Bevölkerung in den nördlichen Breitengraden unter einer saisonal bedingten Depression (SAD) leiden. Das inhumane Arbeitsklima in der gefühllosen Architektur von Großraumbüros hat die Ausbreitung einer neuen Krankheit, des Sick-Building-Syndromes (SBS), begünstigt. Der englischen Wirtschaft entsteht durch vorübergehende Krankmeldungen ein jährlicher Schaden von etwa zwölf Milliarden Pfund.

Folgenreich ist auch die Vernachlässigung des Tastsinns. Mit einer Gesamtfläche von fast zwei Quadratmetern ist die Haut das größte Organ des Menschen. Auf einem Quadratzentimeter Haut enden vier Meter Nervenfasern. Nicht weniger als 25 Tastzellen beleben dieselbe Fläche auf der Innenseite der Hand.

Eine ganze Generation "berührungshungriger" Kinder sei bereits herangewachsen, stellt die Studie fest: "Wir müssen nach neuen Wegen suchen, um den Berührungssinn anzuregen," wenn die Gefahren eines allgemeinen Stress-Syndroms mit Hypertonie (Bluthochdruck) eingedämmt werden sollen.

Gleichgewicht der Sinne

Eine langfristige Besserung der Schäden, die aus der immer künstlicher werdenden Umwelt des Menschen resultieren, erwartet Professor Spence von einer neuen Einstellung gegenüber dem Gleichgewicht der Sinne: "Die moderne Gesellschaft spricht unsere Sinne auf eine entschieden unausgewogene Weise an. (...) Eine neue Philosophie des 'Sensismus' bietet den Schlüssel zu größerem Wohlbefinden, indem die Sinne ganzheitlich betrachtet werden, wie sie zusammenwirken, und indem dieses Wissen in unsere Alltagserfahrung eingebracht wird."

In Amerika werden bereits seit einigen Jahren positive Ergebnisse mit der Einbeziehung der unkultivierten Natur in die Alltagswelt erzielt. So werden Klimaanlagen mit UV-Licht bestrahlt, der Raumluft werden natürliche Aromen zugesetzt, Produkte werden mit ansprechenden Tastflächen ausgestattet, auf den Dächern von Bürohäusern wuchern Tropengärten, Krankenhäuser und Gefängnisse berücksichtigen das menschliche Kontaktbedürfnis, Tiere helfen bei der Therapie von Erkrankungen.

Eine neue Forschungsrichtung ist entstanden, die sich auf das Buch "Biophilie" von Edward O. Wilson beruft. Der bekannte Soziobiologe hatte als ihren Gegenstand alle "Verbindungen" definiert, "die Menschen unbewusst mit dem übrigen Leben herzustellen suchen."

"Unsere Existenz hängt von dieser Neigung ab," schrieb Wilson 1984. "Unser Geist entfaltet sich aus ihr, Hoffnungen entsteigen ihrem Strom." Ganz so neu ist diese Erkenntnis freilich nicht: "Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muss man die Umstände menschlich bilden," hatten Marx und Engels schon vor 150 Jahren geschrieben.

 Mehr Informationen:

University of Oxford, Department of Experimental Psychology

ICI

Sick-Building Syndrome (SBS)

Hautstadt.de - Internetportal zum Thema Haut

vista verde: Gesundheit und Umweltmedizin

 

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