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Die Urmenschen stiegen nicht von den
Bäumen herab
Die ersten Menschen krochen
auf allen Vieren, bevor sie sich entschlossen, auf zwei Beinen
zu gehen. Doch warum? Drei amerikanische Anthropologen überprüften
jetzt alle Theorien, die das Wunder des aufrechten Gangs erklären
sollen.
(jkm) - Der aufrechte Gang auf
zwei Beinen hat weit reichende Folgen für alle übrigen
Teile des menschlichen Körpers. Die Hände werden frei
und können Werkzeuge gebrauchen, um neue Nahrungsquellen
zu erschließen. Der Kauapparat bildet sich zurück,
so dass Raum für einen größeren Hirnschädel
entsteht. Sprachlaute können artikuliert werden. Die Augen
überblicken ein größeres Terrain und regen das
Gehirn zum Wachstum an. Die Veränderung des weiblichen Beckens
gefährdet Mutter und Kind bei der Niederkunft. Die Geburtshilfe
wird zur ersten sozialen Einrichtung des Menschen.
Die Fortbewegung auf zwei Beinen
(Bipedie) gilt deshalb als entscheidender Schritt in der Menschwerdung
des Affen. Die Wissenschaft vom Menschen hat bisher jedoch noch
keine Übereinstimmung darüber erzielt, wann, warum und
wie diese revolutionäre Veränderung stattgefunden hat.
Brian Richmond von der Universität
von Indiana stellte jetzt mit seinen Kollegen David Begun und
David Strait im "Yearbook of Physical Anthropology"
alle Hypothesen zusammen, die während der vergangenen einhundert
Jahre über den aufrechten Gang des Menschen veröffentlicht
wurden.
Die meisten Erklärungsmodelle
kranken nach ihrer Auffassung daran, dass sie einer einzigen Ursache
den Ausschlag geben. So ist es wenig wahrscheinlich, dass das
Plündern von Früchten von kleinen Obstbäumen den
entscheidenden Anreiz lieferte. Schimpansen gehen noch heute derselben
Tätigkeit nach, ohne dass sich ihr Körperbau auf eine
aufrechte Haltung einstellt. Auch der Gebrauch von Werkzeugen
wird bei vielen Primaten beobachtet, die dadurch nicht zu einer
Änderung ihrer Fortbewegungsart angeregt werden.
"Die Evolution vollzieht
sich in äußerst langsamen Schritten," so die Forscher,
"und deshalb gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass wir
heute in irgendeiner der untersuchten Bevölkerungen ein dramatisches
Entwicklungsereignis beobachten können." Am wahrscheinlichsten
sei eine langsame Veränderung der Umweltbedingungen.
Ein kühleres und trockeneres
Klima hätte die dichten Waldländer ausgedünnt.
In dem entstehenden Mosaik aus Wäldern, Gehölzen und
offenen Grasländern hätten "einige Großaffen
eine waldorientierte Anpassung aufrecht erhalten, während
andere die Waldränder und Gehölze mit spärlichem
Bewuchs ausbeuteten." Ganz allmählich wären die
neuen Anpassungsformen erblich geworden.
Um ihre Hypothese zu belegen,
verglichen die Forscher die biomechanischen Eigenschaften des
Skeletts der Vormenschen, wie die Beweglichkeit und Belastung
von Knochen und Gelenken, mit Angaben zum Körperwachstum
und zur Knochenbildung.
Dabei fanden sie im einzelnen:
die Ausbildung von Händen und Füßen lässt
eine erdnahe Fortbewegung vermuten; das ganze Skelett war noch
zum Klettern auf Bäumen geeignet; Hände und Handgelenke
ermöglichten den Fingerknöchelgang; Veränderungen
in der Krümmung der Fingerknochen während der Reifung
des Individuums legen einen häufigen Umgang mit Bäumen
und Ästen nahe.
Aus all diesen Indizien schließen
die Forscher, dass "die frühsten menschlichen Zweifüßer
von Vorfahren abstammen, die sowohl auf ihren Fingerknöcheln
gingen wie auf Bäume kletterten, und nicht von Vorfahren,
die ausschließlich in den Bäumen lebten und 'von den
Bäumen herabstiegen' oder auf dem Boden gingen, wie es die
modernen Paviane tun."
Demnach entwickelte sich der aufrechte
Gang in einem langsamen Ausleseprozess, so dass Gruppen mit unterschiedlichem
Körperbau lange Zeit nebeneinander lebten und sich miteinander
vermischten.
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