vista verde SucheNewsForumAktion

v i s t a   v e r d e   n e w s   -  W i s s e n s c h a f t   &   T e c h n i k

News - Seite 1Politik
Natur und Tiere
Wissenschaft und Technik
Wirtschaft und Energie

- 23.04.2002 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Frühgeschichte: Neandertaler lebten gefährlich

Mit neusten Computer-Techniken haben Schweizer Anthropologen einen 36.000 Jahre alten Neandertaler-Schädel rekonstruiert. Die Verletzungen des jungen Erwachsenen können nur durch Gewalt entstanden sein. Doch er fand auch Hilfe bei Artgenossen, die ihn wieder gesund pflegten.

(jkm) - 1979 wurde unter einem Felsüberhang in der Nähe des Dorfes St. Césaire in der Charente (Frankreich) das Skelett eines jungen Neandertal-Mannes gefunden. Mit dem Thermoluminiszenz- Verfahren konnten die Überreste in die Spätzeit des Neandertalers vor etwa 36.000 Jahren datiert werden.

Damals breitete sich der moderne Mensch von Süden kommend über ganz Europa aus und fertigte die berühmten Höhlenmalereien an. In derselben Schicht wurden Werkzeuge des Crômagnon-Menschen gefunden, so dass Wissenschaftler Spekulationen über die Art des Zusammenlebens zwischen den Altmenschen und modernen Menschen anstellten.

Der junge Mann war offensichtlich zusammen mit Dentalium- Muscheln bestattet worden. Seine Begleiter hatten sich aber nicht allzu viel Mühe mit seinem Begräbnis gegeben, so dass die Knochen später stark verwitterten. Die Unvollständigkeit und Brüchigkeit des Schädels, der mit der umliegenden Erdschicht eine feste Verbindung eingegangen war, schloss eine Untersuchung mit konventionellen Methoden aus.

Christoph Zollikofer und seine Mitarbeiter vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich fertigten daher computertomographische Schnitte des Schädels an, trennten am Bildschirm die Knochensubstanz vom Füllmaterial und ergänzten die fehlenden Stücke.

Durch einen Vergleich mit anderen fossilen Schädeln, die verschiedene Formen von Verletzungen zeigen, können sie nun den Nachweis führen, dass der junge Neandertaler einem Gewaltakt zum Opfer fiel. Ihre Studie erschien soeben in den "Proceedings" der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften.

Auf den dreidimensionalen Computer-Bildern ist deutlich eine mindestens sieben Zentimeter lange Schnittwunde auf dem Schädeldach zu sehen. Sie stammt vermutlich von einer scharfen Klinge, die an einem Holzschaft befestigt war. Anders lässt sich die große Wucht des Schlages nicht erklären, obwohl bisher keine geeigneten Werkzeuge aus dieser Epoche gefunden wurden.

Das Opfer dürfte seine Verletzungen mehrere Monate überlebt haben, wie an der Vernarbung der Wundränder zu erkennen ist. Jedenfalls geht sein späterer Tod nicht auf seine Verwundungen zurück. Obwohl starke Blutungen wahrscheinlich sind, gab es keine Hinweise auf eine Wundinfektion. Offensichtlich verfügten die Neandertaler bereits über ein wirksames Heilwissen.

Verletzungen sind bei Neandertaler-Skeletten nicht selten. Meist resultieren sie jedoch von Jagdunfällen. Bisher wurde nur in der Shanidar-Höhle im Irak ein über 50.000 Jahre altes Skelett gefunden, das eine Pfeilwunde im Bereich der Rippen aufweist.

Die geringe Bevölkerungsdichte legt nach Ansicht der Forscher nahe, dass solche Wunden von Gewaltakten innerhalb derselben Gruppe herrühren. In jedem Fall beweisen sie, dass zu diesem frühen Zeitpunkt bereits Werkzeuge als Waffen verwendet wurden, die gegen die eigenen Artgenossen gerichtet wurden.

Von den Gombe-Schimpansen ist bekannt, dass etwa die Hälfte aller Skelettwunden von Bissen und Brüchen herrühren, die andere Mitglieder der Gruppe zugefügt hatten. Schimpansen werfen häufig mit Gegenständen nach ihren Artgenossen, aber die gezielte Verwendung von Werkzeugen zum Zweck des Tötens wurde bisher bei Menschenaffen nicht beobachtet.

Bei den Neandertalern und den modernen Menschen war dagegen die Gruppenaggression bereits ein wichtiger sozialer Faktor. Zum Ausgleich wurden verschiedene Heilpraktiken und ein Pflegeverhalten ausgebildet. Auch darin unterschieden sich die beiden Menschenarten nicht voneinander.

 Mehr Informationen:

Universität Zürich, Anthropologisches Institut und Museum

Computer-assisted Paleoanthropology

Geo-Magazin: Neandertaler, Der verkannte Mensch

Neanderthal-Museum

 

 Lesen Sie auch:

Evolution: Klimawandel schmiedete den Menschen

Affe und Mensch: Gene unterschiedlich aktiv

Menschheit: Exodus statt Exitus

Sozialverhalten: Affen leben friedlich

 

 

zurück zur vorherigen Seite    nach oben

News: Seite 1 | Politik | Natur | Wissenschaft| Wirtschaft
Rubriken: Home | Suche | News | Forum | Aktion
vista verde: Impressum | Hilfe | Werbung