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Anthropologie: Rauschdrogen erfüllten
ihren Zweck
Seit Urzeiten nehmen Menschen
Drogen zu sich. Die moderne Gesellschaft bestraft Drogenkonsum
jedoch als Verfehlung, der Drogenkonsument gilt als Kranker. Zwei
Anthropologen argumentieren dagegen, dass natürliche Rauschmittel
einen regulären Beitrag zur menschlichen Ernährung leisteten.
(jkm) - Etwa ein Viertel der Weltbevölkerung
führen sich regelmäßig Nikotin und die Inhaltsstoffe
der Betelnuss (Areca catechu) zu. Die Substanzen gehören
neben Alkohol und Koffein zu den vier am häufigsten gebrauchten
Rausch- und Genussmitteln. Weil viele bewusstseinsverändernde
Stoffe erst spät den Westen erreichten, gilt ihr Konsum als
Fehlanpassung des menschlichen Verhaltens.
Die lange Geschichte des Gebrauchs
natürlicher Rauschmittel widerlegt jedoch das Vorurteil ihrer
allgemeinen Schädlichkeit. Die Anthropologen Roger Sullivan
von der Auckland-Universität in Neuseeland und Edward Hagen
von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara sammeln
in der April-Ausgabe der Zeitschrift "Addiction" Argumente
dafür, dass Rauschmittel eine wichtige Funktion in der menschlichen
Entwicklungsgeschichte erfüllt haben.
Die Suche nach natürlichen
Rauschgiften ist vermutlich älter als die Domestizierung
der ersten Nahrungspflanzen. Die Betel-Nuss wurde bereits vor
13.000 Jahren auf der Insel Timor und vor 10.700 Jahren in Thailand
gekaut. Die australischen Ureinwohner verwenden wohl seit über
40.000 Jahren die nikotinhaltige Pituri- Pflanze, um Ermüdungen
abzuwehren. Seit etwa 7.000 Jahren wird im südamerikanischen
Anden-Gebiet die Koka-Pflanze angebaut. Der Tabak war zum Zeitpunkt
der europäischen Entdeckung über die ganze westliche
Hemisphäre verbreitet.
Mit der Entstehung der Säugetiere
vor etwa 200 Millionen Jahren wurden Pflanzen dazu angeregt, chemische
Substanzen auszubilden, die die Botenstoffe im Gehirn der Pflanzenfresser
imitieren. Was zunächst als pflanzliche Überlebensstrategie
diente, wurde bald in den Stoffwechsel der Säugetiere eingebaut.
Sie produzierten Enzyme in der Leber, um die Gifte genießbar
zu machen. Diese "molekulare Koevolution von Pflanzen und
Säugetier-Räubern" spricht nach Ansicht der Verfasser
bereits für ein hohes Alter des Rauschgiftkonsums.
Die Menschen entwickelten außerdem
viele "chemisch- ökologische Anpassungsformen",
die Rauschmittel Teil ihrer Kulturen werden ließen. Neben
der Auslese aus über 300.000 Pflanzenarten gehören dazu
verschiedene Techniken der Zubereitung wie das Erhitzen, Trocknen,
Abkochen und Fermentieren. Die gleichzeitige Aufnahme der Gifte
mit Mineralien wie gebranntem Kalk deutet ebenfalls auf ein hohes
Alter des Drogenkonsums, denn das "Erdeessen" (Geophagie)
findet sich bereits im Tierreich.
Viele Kulturen unterscheiden nicht
zwischen Rauschmitteln und normalen Lebensmitteln. Von den 2.646
Nutzpflanzen der nordamerikanischen Indianer wurden 28 Prozent
ausschließlich in der Ernährung, dagegen über
46 Prozent sowohl als Heil- wie als Nahrungspflanzen verwendet.
Sullivan und Hagen finden dafür eine plausible Erklärung:
Neben Mineralien und Vitaminen liefern die meisten Pflanzengifte
wertvolle Ausgangsstoffe, die ein Funktionieren des zentralen
Nervensystems auch in Stresssituationen gewährleisten.
In den gewöhnlichen Lebensmitteln
liegen Substanzen, die den Botenstoffen des menschlichen Gehirns
gleichen, nur in geringer Konzentration vor. Damit wird verständlich,
warum Rauschgifte vor allem in den Randgebieten der Wüsten,
trockenen Hochländer und Regenwälder verwendet wurden:
Sie sollten die Folgen des häufigen Nahrungsmangels ausgleichen.
Aus all diesen Überlegungen
ziehen die Autoren der Studie den Schluss, dass "zwischen
Menschen und Rauschmitteln eine Beziehung von großer Zeittiefe"
bestanden hat. Der Drogenkonsum stellt eine positive Anpassungsleistung
in der Evolution des Menschen dar. Nachdem in der modernen Gesellschaft
alle physischen Bedürfnisse befriedigt werden können,
bestehe freilich keine Notwendigkeit mehr, die Nachrichtenübermittlung
im menschlichen Gehirn zu beeinflussen.
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