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- 02.04.2002 -

 

 

 

 

 

 

 


 

Anthropologie: Rauschdrogen erfüllten ihren Zweck

Seit Urzeiten nehmen Menschen Drogen zu sich. Die moderne Gesellschaft bestraft Drogenkonsum jedoch als Verfehlung, der Drogenkonsument gilt als Kranker. Zwei Anthropologen argumentieren dagegen, dass natürliche Rauschmittel einen regulären Beitrag zur menschlichen Ernährung leisteten.

(jkm) - Etwa ein Viertel der Weltbevölkerung führen sich regelmäßig Nikotin und die Inhaltsstoffe der Betelnuss (Areca catechu) zu. Die Substanzen gehören neben Alkohol und Koffein zu den vier am häufigsten gebrauchten Rausch- und Genussmitteln. Weil viele bewusstseinsverändernde Stoffe erst spät den Westen erreichten, gilt ihr Konsum als Fehlanpassung des menschlichen Verhaltens.

Die lange Geschichte des Gebrauchs natürlicher Rauschmittel widerlegt jedoch das Vorurteil ihrer allgemeinen Schädlichkeit. Die Anthropologen Roger Sullivan von der Auckland-Universität in Neuseeland und Edward Hagen von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara sammeln in der April-Ausgabe der Zeitschrift "Addiction" Argumente dafür, dass Rauschmittel eine wichtige Funktion in der menschlichen Entwicklungsgeschichte erfüllt haben.

Die Suche nach natürlichen Rauschgiften ist vermutlich älter als die Domestizierung der ersten Nahrungspflanzen. Die Betel-Nuss wurde bereits vor 13.000 Jahren auf der Insel Timor und vor 10.700 Jahren in Thailand gekaut. Die australischen Ureinwohner verwenden wohl seit über 40.000 Jahren die nikotinhaltige Pituri- Pflanze, um Ermüdungen abzuwehren. Seit etwa 7.000 Jahren wird im südamerikanischen Anden-Gebiet die Koka-Pflanze angebaut. Der Tabak war zum Zeitpunkt der europäischen Entdeckung über die ganze westliche Hemisphäre verbreitet.

Mit der Entstehung der Säugetiere vor etwa 200 Millionen Jahren wurden Pflanzen dazu angeregt, chemische Substanzen auszubilden, die die Botenstoffe im Gehirn der Pflanzenfresser imitieren. Was zunächst als pflanzliche Überlebensstrategie diente, wurde bald in den Stoffwechsel der Säugetiere eingebaut. Sie produzierten Enzyme in der Leber, um die Gifte genießbar zu machen. Diese "molekulare Koevolution von Pflanzen und Säugetier-Räubern" spricht nach Ansicht der Verfasser bereits für ein hohes Alter des Rauschgiftkonsums.

Die Menschen entwickelten außerdem viele "chemisch- ökologische Anpassungsformen", die Rauschmittel Teil ihrer Kulturen werden ließen. Neben der Auslese aus über 300.000 Pflanzenarten gehören dazu verschiedene Techniken der Zubereitung wie das Erhitzen, Trocknen, Abkochen und Fermentieren. Die gleichzeitige Aufnahme der Gifte mit Mineralien wie gebranntem Kalk deutet ebenfalls auf ein hohes Alter des Drogenkonsums, denn das "Erdeessen" (Geophagie) findet sich bereits im Tierreich.

Viele Kulturen unterscheiden nicht zwischen Rauschmitteln und normalen Lebensmitteln. Von den 2.646 Nutzpflanzen der nordamerikanischen Indianer wurden 28 Prozent ausschließlich in der Ernährung, dagegen über 46 Prozent sowohl als Heil- wie als Nahrungspflanzen verwendet. Sullivan und Hagen finden dafür eine plausible Erklärung: Neben Mineralien und Vitaminen liefern die meisten Pflanzengifte wertvolle Ausgangsstoffe, die ein Funktionieren des zentralen Nervensystems auch in Stresssituationen gewährleisten.

In den gewöhnlichen Lebensmitteln liegen Substanzen, die den Botenstoffen des menschlichen Gehirns gleichen, nur in geringer Konzentration vor. Damit wird verständlich, warum Rauschgifte vor allem in den Randgebieten der Wüsten, trockenen Hochländer und Regenwälder verwendet wurden: Sie sollten die Folgen des häufigen Nahrungsmangels ausgleichen.

Aus all diesen Überlegungen ziehen die Autoren der Studie den Schluss, dass "zwischen Menschen und Rauschmitteln eine Beziehung von großer Zeittiefe" bestanden hat. Der Drogenkonsum stellt eine positive Anpassungsleistung in der Evolution des Menschen dar. Nachdem in der modernen Gesellschaft alle physischen Bedürfnisse befriedigt werden können, bestehe freilich keine Notwendigkeit mehr, die Nachrichtenübermittlung im menschlichen Gehirn zu beeinflussen.

 Mehr Informationen:

University of Auckland, Department of Anthropology

University of California Santa Barbara, Center for Evolutionary Psychology

Addiction

 

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