Die Windmühlen ziehen auf das Meer
Die Zukunft der Windkraft liegt auf dem Meer.
Weit draußen sollen gigantische Windmühlen, zu Dutzenden
in Parks zusammengefasst, Wind zu Strom wandeln.
Von Annett Klimpel, dpa
Hamburg (dpa) - 30 Anträge auf so genannte Offshore-Parks
liegen derzeit beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie
(BSH) in Hamburg. 4 Projekte mit je 12 bis 80 Mühlen wurden
bislang genehmigt, 3 Parks werden nördlich von Borkum entstehen,
ein weiterer westlich von Sylt.
Deutsche Windkrafttechnologie gilt inzwischen als weltweit beste,
in keinem anderen Land gibt es ähnlich viele Windmühlen.
Mehr als 15 000 Mühlen wurden bis Ende 2003 aufgestellt,
die meisten in Norddeutschland, wo der Wind besonders häufig
und kräftig bläst. Deutschlands Windstromleistung ist
so groß wie die von Dänemark, Spanien und den USA zusammen,
bis 2010 soll sie verdoppelt werden.
Beim Thema Offshore allerdings hinkt Deutschland international
hinterher. «Wir haben uns das wieder mal schwerer gemacht
als andere», sagt Fritz Vahrenholt, Vorstandsvorsitzender
der Windkraft- Firma REpower. «Als Windenergie nur eine
Spielwiese war, wurde sie gelobt. Jetzt, wo sie Erfolg hat, wird
sie in Grund und Boden kritisiert», bemängelt er. «Es
ist schon erstaunlich, dass ein technologieorientiertes Land wie
Deutschland so mit Angst und Schrecken auf alles Neue reagiert»,
sagt auch Greenpeace-Windenergie-Experte Sven Teske.

© REpower Systems AG
So könnte ein Offshore-Windpark der
5-Megawatt-Klasse aussehen.
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Während in Dänemark schon seit Jahren Windmühlen
überm Wasser kreisen und auch in Schweden, England und Irland
Offshore-Parks entstanden sind, werden deutsche Anlagen frühestens
2006 den ersten Strom ins Netz speisen. Ursache sind neben Zweifeln
an der Wirtschaftlichkeit vor allem Naturschutzbedenken. Das Wattenmeer,
Naturparks und Vogelschutzgebiete sind tabu - und damit fast die
gesamte Nord- und Ostseeküste.
Die deutschen Anlagen werden deshalb bis zu 40 Kilometer von
den Küsten entfernt rotieren, die Betonfundamente in rund
30 Meter tiefem Wasser versenkt. «Die Tierdichte ist dort
viel geringer und die Türme sind von den Stränden aus
nicht zu sehen», erklärt Vahrenholt. Grund für
Greenpeace, den Naturschutzbund (NABU) und den Bund für Umwelt-
und Naturschutz (BUND), Offshore-Anlagen zu befürworten.
Und eine technische Herausforderung der Superlative: «Es
gibt weltweit keinen Park, der weiter als 15 Kilometer draußen
liegt», sagt Teske.
Stromriesen wie RWE und E.ON sehen die Projekte deshalb skeptisch:
Bislang gebe es keine Praxiserfahrungen mit vergleichbaren Projekten,
heißt es bei E.ON. Die Kosten für eine Kilowattstunde
Windstrom aus Offshore-Parks beziffern internationale Schätzungen
auf 3,5 bis 9 Cent.
Derzeit stammen mehr als 30 Prozent des heimischen Stromes aus
der Kernkraft, etwa 6 Prozent werden vom Wind produziert. Bis
2020 sollen nach dem Willen der Bundesregierung 20 000 Megawatt
aus Offshore- Anlagen hinzukommen. Vahrenholt hält mittelfristig
einen Anteil der Windenergie von insgesamt 15 bis 20 Prozent für
realistisch. Diese birgt allerdings ein Problem: Sie ist unberechenbar.
Bei Sturm pumpen die Anlagen gigantische Strommengen ins Netz,
bei Flaute müssen andere Kraftwerke zugeschaltet werden.
Stromkonzerne wie E.ON warnen daher nach der Novellierung des
Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) Anfang April vor massiven
Preissteigerungen.
Dass es funktionieren kann, zeigt das Beispiel Dänemark.
«Die Dänen haben einen Windkraftanteil von bis zu 30
Prozent», sagt Greenpeace-Experte Teske. «Wären
drei Prozent der europäischen Seefläche Windparks, würden
diese 30 Prozent des gesamten Strombedarfs in Europa decken.»
Weit schwieriger ist es, die Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt
zu beurteilen. Naturschützer fürchten, dass die Giganten
den Vogelzügen im Weg stehen, mit dem Lärm der Propeller
Schweinswale verscheuchen und die Verteilung der Fischarten verändern.
Teske hält solche Annahmen für zu pessimistisch: «Auch
bei den Land-Anlagen wurde vor verheerendem Vogelschlag gewarnt.
Diese Vorhersagen sind zum Glück nie eingetreten.»
Alternativen zu den Offshore-Parks sehen selbst Naturschützer
momentan nicht. «Wind ist ein heimischer Energieträger.
Bei anderen Quellen wie Braunkohle werden ganze Landschaften verheizt»,
argumentiert Teske. «Wir wollen Strom, und wir wollen eine
ganze Menge davon. Und eine Energiequelle ganz ohne Auswirkungen
auf die Umwelt, die gibt es nun mal leider nicht.»
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