Eine Stunde mobil - Intelligente Systeme sorgen für freie
Fahrt
Nach der Entwicklung immer schnellerer Autos
und Züge setzt die Forschung jetzt verstärkt auf Stauvermeidung
und bessere Vernetzung der Verkehrsmittel.
Von Ingo Senft-Werner, dpa
Darmstadt (dpa) - Die Mobilität der Menschen hat enge psychologische
Grenzen: Entfernungen, die innerhalb einer Stunde überbrückt
werden können, werden nach wissenschaftlichen Untersuchungen
als hinnehmbar empfunden. Was länger dauert, ist unangenehm
und wird nach Möglichkeit vermieden. Dieses Gefühl gehört
nach Angaben des Verkehrsplaners Manfred Boltze von der Technischen
Universität Darmstadt zu den Grundeinstellungen der menschlichen
Spezies. Deshalb wird seit langem alles daran gesetzt, um in dieser
einen Stunde möglichst weit zu kommen. Nach der Entwicklung
immer schnellerer Autos und Züge setzt die Forschung jetzt
verstärkt auf Stauvermeidung und bessere Vernetzung der Verkehrsmittel.
Die Mobilitätsbeschränkung zeigt sich auch im Städtebau.
«Berlin etwa ist mit den neuen Verkehrsmitteln gewachsen»,
erläutert Boltze. «Je schneller man die Stadt innerhalb
von einer Stunde durchqueren konnte, desto größer wurde
sie.» Doch mit dem Massenaufkommen des Autos ging die Transportgeschwindigkeit
plötzlich drastisch zurück. So kommt ein Autofahrer
in der Innenstadt von London im Schnitt pro Stunde zwölf
Kilometer weit. Der Fortschritt zur Pferdekutsche ist damit dahin.
Doch das Auto bleibt trotzdem Verkehrsmittel Nummer eins. Rund
80 Prozent aller Wege legt der Mensch auf vier Rädern zurück,
sagt Boltze: «Und eine Kehrtwende ist nicht abzusehen».
Damit das Auto seine Schnelligkeit ausspielen kann, setzten die
Planer auf Satelliten gestützte Verkehrsleitsysteme. So wird
zurzeit mit dem «Richtungswechselbetrieb» experimentiert:
Damit können bei vierspurigen Straßen in Stoßzeiten
drei Bahnen in eine Richtung geöffnet werden. «Wir
müssen mehr Intelligenz in die Straßennutzung einbauen,
damit wir flexibel auf die Verkehrsströme reagieren können»,
erläutert Boltze.
Zu dem System gehört auch die Maut. «Künftig
wird nicht mehr jeder überall kostenfrei mit seinem Auto
fahren dürfen», prophezeit der Professor. Anwohnerparken
und Citymaut zeigen die Richtung. Flexible Gebühren zur Steuerung
werden dazukommen. «Damit könnten zum Beispiel alle,
die am ersten Ferientag in Urlaub fahren, besonders zur Kasse
gebeten werden, um Staus zu verhindern.»
Wenn den Autos der Zugang verweigert wird, ist der Öffentliche
Nahverkehr in der Pflicht. «Mit einer besseren Abstimmung
von Bus, Bahn und Taxis könnten die Wartezeiten extrem verkürzt
werden», sagt Boltze. So müsste es etwa möglich
sein, im Taxi Zugverspätungen aufzuzeigen. «Hier gibt
es noch viel zu tun.»
Ein weiterer Ansatz, die psychologischen Mobilitätsbarrieren
zu überwinden, besteht darin, die Fahrt so angenehm wie möglich
zu gestalten. Daran arbeitet Professor Rolf Isermann vom Institut
für Automatisierungstechnik der Darmstädter Hochschule,
der einen elektronischen Helfer nach dem anderen mitentwickelt:
von der Servolenkung über den Bremskraftverstärker bis
zum Abstandshalter. Demnächst soll der automatische Einparker
auf den Markt kommen.
«Bereits jetzt besteht das Auto aus 90 Prozent "Mechatronik"»,
erklärt Isermann. Wenn mit der Lenkung das letzte mechanische
Element ersetzt worden ist, lässt sich das Auto mit dem Joystick
oder sogar von einem Satelliten aus steuern. «Der Autopilot
wie im Flugzeug ist durchaus realisierbar», sagt der Professor.
Dann hätten die Fahrer die Hände frei für alles,
was bislang verboten ist: Telefonieren, Fernsehen oder Internet-Surfen.
Unter diesen Umständen darf die Fahrt auch länger als
eine Stunde dauern.
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