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- 15.09.2003 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

Taktieren in die Sackgasse:

Alle verlieren in Cancun

Das Scheitern der Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation WTO im mexikanischen Cancun hinterlässt nur Verlierer und keine Sieger.

Von Heinz-Peter Dietrich und Klaus Blume, dpa

Cancun (dpa) - Davon sind die meisten Teilnehmer der Tagung überzeugt. Zwar ist die laufende Welthandelsrunde damit nicht beendet. Aber der amerikanische Handelsbeauftragte Robert Zoellick machte schon kurz nach Bekanntgabe des Abbruchs deutlich, das sein Land noch mehr auf zweiseitige Abkommen setzen werde. Genau das soll die Handelsrunde letztlich verhindern. Feilschen und Taktieren hätten nun in die Sackgasse geführt, sagen Teilnehmer.

Bedeutet die WTO nun Segen oder Fluch? Diese Frage lässt sich auch nach dem Scheitern der fünftägigen intensiven Beratungen Cancun von Experten nicht eindeutig sondern nur parteiisch beantworten. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement sieht das so: «Es gibt derzeit kein wichtigeres Thema in der internationalen Wirtschaftspolitik. Es hängt mächtig viel davon ab.»

Es geht um viel Geld und um Arbeitsplätze. Die Weichen, die in Cancun gestellt werden sollten, hätten die Fahrt frei für mehr Wohlstand aber auch Elend, mehr Arbeitsplätze aber auch ihre Vernichtung gestellt. Die Weltbank schätzt, dass bei einer weiteren Öffnung der Märkte die weltweiten Einkommen bis 2015 um 500 Milliarden Dollar im Jahr steigen könnten. Internationale humanitäre Organisationen, wie Oxfam, fragen: «Wem nützt das, wer gewinnt, wer verliert?»

Cancun sollte der Startschuss für den Schlusslauf werden. Monatelang war die Konferenz am WTO-Sitz in Genf und anderswo vorbereitet worden. Es war UN-Generalsekretär Kofi Annan, der mahnte: «Anstatt dass weltweite Regeln durch alle verhandelt werden, im Interesse aller und verpflichtend für alle, wird zu viel hinter verschlossenen Türen ausgehandelt, es gibt zu viel Schutz für Sonderinteressen und zu viele gebrochene Versprechen.»

In Cancun waren jetzt alle dabei - es wurde verhandelt und gefeilscht, und nach Berichten etwa der humanitären Organisation «Friends of the Earth» haben die EU und die USA mit Angeboten versucht, beim kritischen Stand der Verhandlungen etwa Schwellenländer wie Malaysia, Indien, Kenia oder Südafrika hinter verschlossenen Türen aus der Einheitsfront der Hartnäckigen heraus zu locken. Kenia gehörte dann zu den «Knackern der Konferenz», wie es hieß.

Gäbe es die WTO nicht, sie müsste erfunden werden, meinen Experten. Sie biete den armen Ländern der Welt überhaupt erst die Möglichkeit, im Konzert der internationalen Handelsmächte mitzuspielen. Bis Ende 2004 soll ein international gültiges Regelwerk ausgearbeitet werden, das den Armen der Armen besseren Zugang für ihre Waren, Sonderkonditionen, Schutz und Zollfreiheit garantiert. Das wäre dann einklagbar bei der WTO in Genf. Ob bis dahin die neuen Koalitionen der ärmeren Staaten halten bleibt ungewiss.

Fünf Tage lang glich der mexikanische Karibikbadeort Cancun einer Festung. Dem Gastgeber Mexiko war alles an einem reibungslosen Ablauf der Konferenz gelegen. Doch auch die souveräne Regie von Außenminister Luis Ernesto Derbez konnte den erstrebten Kompromiss zwischen den Industrieländern des Nordens sowie den Entwicklungs- und Schwellenländern nicht herbeiführen.

Mexiko, heute die neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt, gehörte zum Lager der «G-21», der Interessengruppe der Schwellenländer, die von den USA und der EU einen stärkeren Abbau der Agrarsubventionen verlangten als diese zuzugestehen bereit waren. Das Land hat in den vergangenen Jahren intensive Erfahrungen mit dem Freihandel gemacht, schloss es sich doch 1994 mit den USA und Kanada zur Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA) zusammen. Seither beklagen sich vor allem die Maisbauern über subventionierte Importe aus den USA.

Die Anti-WTO-Demonstranten, die am Samstag den von der Polizei noch einmal verstärkten Zaun einrissen, feierten bereits die Berichte vom schleppenden Verhandlungsverlauf als Erfolg. Als dann am Sonntag die Nachricht vom Scheitern der Konferenz kam, führten Vertreter von Dritte-Welt-Gruppen Freudentänze im Kongresszentrum auf. Denn nach ihrer Meinung benachteiligte das vorgelegte Kompromisspapier die Entwicklungsländer. Die deutsche Landwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne) fand freilich die Feiern fehl am Platz, da der Status quo die ärmsten Länder der Erde am meisten benachteilige. «Wer jetzt feiert, feiert auf dem Rücken der Armen.»

 

 Mehr Informationen:

WTO

BMZ: WTO-Konferenz in Cancún

EU-Kommission:
Cancun Special

Heinrich-Böll-Stiftung

Attac

WEED

Nachhaltigkeits-Rat: Weltagrarhandel und Nachhaltige Entwicklung" (pdf)

DIE ZEIT: Welthandel

vista verde: Globalisierung

 

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