|
Trittin: Lkw-Hersteller unterlaufen Grenzwerte
durch Manipulation
Lastwagen auf deutschen Straßen
stoßen nach Erkenntnissen des Bundesumweltministeriums seit
Jahren mehr giftige Stickoxide aus als erlaubt.
Berlin (dpa) - Umweltminister
Jürgen Trittin (Grüne) warf den Lkw-Herstellern vor,
die Grenzwerte-Bestimmungen durch Manipulation der Motoren gezielt
zu unterlaufen. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) und der
Lastwagenhersteller MAN Nutzfahrzeuge wiesen das am Donnerstag
zurück.
Trittins Ministerium kritisierte,
die Industrie habe «offenbar mit Hilfe moderner elektronischer
Motorregelung die Messvorschriften der Euro-II-Norm systematisch
umgangen». Dadurch hielten Euro-II-Lkw zwar im vorgeschriebenen
Test die Grenzwerte ein, nicht aber im Praxisbetrieb auf der Straße.
Im Vergleich zur Euro-I-Norm stoßen die neueren Lkw-Motoren
nach einer Untersuchung des Umweltbundesamtes im Auftrag des Ministeriums
nicht wie vorgeschrieben ein Viertel weniger, sondern bis zu 30
Prozent mehr Stickoxide aus.
Für Lastwagen, die die Euro-II-Norm
erfüllen, werden deutlich weniger Steuern als für Euro-I-Lkw
fällig. Nach Angaben des Ministeriums steigt bei der Einhaltung
der Stickoxid-Grenzwerte der Spritverbrauch, damit erhöhen
sich die Kosten für die Transportunternehmen.
Weder dem VDA noch MAN lagen
nach eigenen Angaben Ergebnisse der Studie vor. Ein MAN-Sprecher
betonte aber in München: «Wir haben unsere Motoren
nicht manipuliert.» MAN halte sich an die Grenzwerte, ohne
dabei zu tricksen. Es sei außerdem unklar, auf welcher Grundlage
die Vorwürfe Trittins beruhen. «Uns liegen keine Daten
vor.» DaimlerChrysler wollte keine Stellungnahme zu der
Studie abgeben, da sie nicht bekannt sei.
In einem der dpa vorliegenden
Brief wirft Trittin dem VDA- Präsidenten Bernd Gottschalk
einen «Vertrauensschaden» vor. «Die Bevölkerung
ist davon ausgegangen, dass sich mit der Einführung von Euro-II-Fahrzeugen
das Emissionsverhalten verbessert», heißt es in dem
Schreiben. «Das ist leider nicht eingetreten.»
Der VDA hatte nach Angaben des
Ministeriums ein für Freitag vergangener Woche geplantes
Treffen kurzfristig abgesagt. Der Verbandssprecher sagte hingegen:
«Wir haben das Gesprächsangebot nicht zurückgewiesen,
sondern unser Geschäftsführer hatte an diesem Tag keine
Zeit.»
Die Euro-II-Motoren werden zwar
nicht mehr produziert, von ihnen wird aber immer noch 60 Prozent
der Lkw-Fahrleistung auf deutschen Straßen erbracht. Seit
Oktober 2000 ist die Euro-III-Norm verbindlich festgeschrieben.
Das Ministerium forderte die Hersteller nun auf, Nachweise zu
liefern, wie hoch die Schadstoffemissionen von Euro-III- Fahrzeugen
im realen Straßenbetrieb sind.
Stickoxide tragen wesentlich zur
Ozon-Belastung im Sommer bei. Deutschland hat sich verpflichtet,
bis zum Jahr 2010 eine bestimmte Stickoxid-Obergrenze einzuhalten.
«Hierbei entsteht durch die nun als falsch erkannten Emissionsfaktoren
- beziehungsweise durch die gebrochene Zusage der Industrie, diese
Kenngrößen einzuhalten - eine Deckungslücke»,
kritisierte das Ministerium. «Nach vorläufigen Berechnungen
würde das Stickoxid-Minderungsziel für das Jahr 2010
um rund 75 000 Tonnen verfehlt werden.»
Die Grenzwertstufe Euro-II für
Lkw-Motoren wurde 1991 beschlossen. Sie trat im Oktober 1995 für
neue Motortypen und ein Jahr später für alle Motoren
in Kraft.
|