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Reaktorbau: Die russische Atomindustrie
macht wieder Dampf
Das große militärische
Atomarsenal Russlands aus Zeiten des Kalten Krieges schrumpft
immer weiter. Doch die zivile Nuklearindustrie arbeitet mit aller
Kraft daran, Kernkraft- werke im In- und Ausland fertig zu stellen.
Viele dieser Projekte wurden noch zu sowjetischen Zeiten gestartet,
lagen aber lange Zeit brach.
Von Nick Allen, dpa
Moskau (dpa) - In den kommenden
zehn Jahren will Moskau nach Angaben von Vizeatomminister Lew
Rjabew sechs Reaktoren in Indien, China und Iran fertig stellen.
Weitere Aufträge aus diesen Ländern seien zu erwarten.
Zudem wird die Regierung vermutlich
noch in diesem Frühjahr dem Bauprojekt für einen 15-Megawatt-Reaktor
in Birma zustimmen, mit dem Isotope für die Landwirtschaft
und für medizinische Zwecke hergestellt werden sollen.
Für den Eigenbedarf sollten
ebenfalls zehn neue Reaktoren gebaut werden, in Ergänzung
zu den bestehenden zehn russischen Kernkraftwerken, die 15 Prozent
des Stroms liefern.
Auftrieb erhielt die russische
Nuklearindustrie im November des Vorjahres, als nach 13 Jahren
wechselvoller Verhandlungen ein Vertrag in Höhe von etwa
zwei Milliarden US-Dollar (2,26 Mrd. Euro) über den Bau von
zwei Reaktoren im indischen Kraftwerk Koodankulam unterzeichnet
wurde. Damit würden alle vor langer Zeit angebahnten Auslandsprojekte
verwirklicht, erklärten die Planer - mit Ausnahme eines Kernkraftwerkbaus
auf Kuba, der aufgegeben wurde.
Auf dem Höhepunkt ihrer
Leistungskraft baute die Sowjetunion 26 Reaktoren für die
sozialistischen «Bruderländer». Nach dem Zusammenbruch
der UdSSR Ende 1991 musste das russische Atomministerium auf dem
Auslandsmarkt von vorn anfangen. Kapazitätsprobleme stehen
weiteren Aufträgen im Weg, so dass die Branche fürchtet,
Marktanteile zu verlieren. «Wir laufen Gefahr, dass wir
bei der Suche nach neuen Kunden zu lange Pause machen müssen
und der Konkurrenz damit Vorteile eröffnen», sagte
ein Beamter des Atomministeriums.
Zur Zeit verfolgt Russland drei
Auslandsprojekte, die nach Moskauer Angaben von der Internationalen
Atomenergiebehörde (IAEO) genau überwacht werden.
China
Russland und China verhandelten
von 1992 bis 1994 über den Bau eines Kernkraftwerks bei Tiawan.
Das Projekt mit einem Umfang von etwa 2,4 Milliarden Dollar wird
bislang ohne Schwierigkeiten verwirklicht.
Der erste Reaktor soll 2004 ans
Netz gehen, der zweite 2005. Außerdem baut Russland zur
Zeit in China eine Anlage zur An- reicherung von Uran und einen
Schnellen Brüter zu Testzwecken.
Iran
Russland schloss 1995 einen Vertrag
über die Fertigstellung des ersten Reaktors im Kernkraftwerk
Buschir, dessen Bau die deutsche Firma Siemens in den 1970er Jahren
begonnen hatte. Mit der Arbeit von 1000 russischen Ingenieuren
steht das Projekt kurz vor dem Abschluss. Der Vertrag hat einen
Umfang von etwa 780 Millionen Dollar.
Russland hofft in Iran auf Folgeaufträge
von bis zu sechs weiteren Reaktoren. Deshalb weist Moskau immer
wieder Vorwürfe aus den USA zurück, es leiste Beihilfe,
Teheran die Atombombe zu verschaffen.
Indien
Das 1988 vereinbarte Projekt,
in Koodankulam im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu zwei
Reaktoren mit je 1000 Megawatt Leistung zu bauen, hat sich am
längsten hingezogen. Erst fehlte es in Neu Delhi an Geld,
dann machte der Zusammenbruch der Sowjetunion neue Verhandlungen
notwendig.
Ein neuer Vertrag wurde 1998 unterzeichnet,
aber erst nach drei weiteren Jahren konnten beim Besuch des indischen
Minister- präsidenten Atal Behari Vajpayee in Moskau im November
die letzten Details geklärt werden. Die Reaktoren sollen
2005 und 2006 in Betrieb gehen. Dazu erwägt Indien, vier
weitere Blöcke zu bestellen.
Kuba
Die Kontakte der russischen Kraftwerksbauer
mit Kuba reichen mehr als 20 Jahre zurück. Die Sowjetunion
begann den Bau eines Werks bei Huragua, aber nach 1991 hatten
weder Russland noch Kuba Geld, es fertig zu stellen. Weiterer
Grund für den Baustopp war, dass die USA kein russisches
Kernkraftwerk vor ihrer Haustür akzeptieren wollten.
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