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Vor der Warenwelle: Experten fordern
stärker vernetzten Güterverkehr
Bis 2015 sollen die Gütertransporte
um 60 Prozent zuneh- men. Der drohende Kollaps des Verkehrssystems
kann nur von allen Verkehrsträgern gemeinsam aufgefangen
wer- den. Und dafür ist eine stärkere Rolle der Bahn
gefordert.
Von Sascha Meyer, dpa
Frankfurt/Main (dpa) - Stoßstange
an Stoßstange rollt die Karawane der Lastwagen über
die Autobahnen - mit tausenden Geränkeflaschen und Hemden,
Metallen und Chemikalien Tag für Tag.
Doch die große Warenwelle
steht Deutschland als Transitland im Herzen Europas erst bevor:
Bis 2015 sollen die Gütertransporte um 60 Prozent zunehmen,
sagt das Bundesverkehrsministerium für alle Verkehrsträger
voraus.
Schon jetzt ärgern sich Autofahrer
über Dauerstaus auf den Straßen, wollen aber auch nicht
auf französischen Käse im Supermarkt verzichten. «Mehr
Güter auf die Bahn!», fordern Experten seit langem.
Statt blinder Konkurrenz sollten sich Schiene und Straße
endlich besser ergänzen.
Keine einfachen Rezepte
Gegen den Verkehrsinfarkt gebe
es kein einfaches Rezept, sagt Prof. Herbert Baum, Direktor des
Instituts für Verkehrswissen- schaften an der Universität
Köln. Bund, Länder und die Euro- päische Union
(EU), Verbraucher, Transporteure und die Wirt- schaft müssten
umsteuern. Und mit der EU-Osterweiterung kämen bald noch
mehr Laster hinzu. «Das ist eine Herkules- aufgabe»,
sagt Baum.
Dabei ist der Güterverkehr
bereits in den vergangenen zehn Jahren von 3,8 Milliarden Tonnen
auf über 4 Milliarden Tonnen angeschwollen - fast vier Fünftel
davon entfallen nach Angaben des Statistischen Bundesamts heute
auf die Straße.
Die Gütermenge auf der Schiene
nahm derweil von 418 Millionen Tonnen auf knapp 300 Millionen
Tonnen ab. Der Kollaps des Wegesystems könne angesichts des
ebenfalls wachsenden Personenverkehrs nur von allen Verkehrsträgern
gemeinsam aufgefangen werden, sind sich die Experten einig. Und
dafür brauche es eine stärkere Rolle der Bahn.
Güterverkehr auf der Schiene
verdoppeln
Bis 2015 solle der Güterverkehr
auf der Schiene verdoppelt werden, gibt Bundesverkehrsminister
Kurt Bodewig (SPD) vor. Die Bahn müsse jedoch schneller und
flexibler sein. Zusätzliche Milliarden sollen Langsamfahrstellen
beseitigen. Wo machbar, sollen Gütergespanne auf eigenen
Trassen statt auf den Gleisen der schnelleren Personenzüge
rollen. Moderne Loks und Waggons sollen her. Bahnchef Hartmut
Mehdorn setzt allerdings vor allem auf profitable Langstrecken
und will davor und danach Logistikketten per Lastwagen knüpfen.
Für internationale Transporte müssten Standards harmonisiert
werden, damit nicht an jeder Grenze die Lokomotive zu wechseln
ist.
Auch in der Fläche seien
Schienenzubringer zu Verteilknoten- punkten aber weiter erforderlich,
sagt Annette Volkens, Referentin beim Verkehrsclub Deutschland
(VCD). «Wenn die Deutsche Bahn dort nicht fahren will, können
es gut kleine Privatbahnen tun.» Wichtig sei der ungehinderte
Zugang der Konkurrenz zum Gleisnetz.
Auf Lastwagen, die direkt vor
den Supermarkt fahren können, sei dennoch vor allem auf kurzen
Strecken nicht zu verzichten, betonen die Fachleute. Doch der
Platz für «Brummis», wie Marketingstrategen die
tonnenschweren Lastenschlepper tauften, wird immer enger.
Verkehrsvermeidung notwendig
Die hochbelasteten Autobahnabschnitte
mit täglich mehr als 65.000 Fahrzeugen würden sich ohne
vorausschauenden Ausbau von Strecken bis 2015 verdoppeln, haben
die Kölner Verkehrs- forscher ermittelt. Wo heute der Verkehr
stocke, sei künftig Stillstand, sagt Baum. Nicht nur in den
neuen Ländern, auch zwischen den westdeutschen Wirtschaftszentren
müssten Fernstraßen neu gebaut und in Stand gehalten
werden.
Etliche Transporte ließen
sich darüber hinaus ganz vermeiden, sagt der Wissenschaftler.
Der Güterverkehr wachse nämlich stärker als die
Wirtschaftsproduktion. «Lastwagen werden immer noch als
rollende Lager benutzt», kritisiert VCD-Expertin Volkens.
Kleinere und leichte Produkte,
weniger Umtausch- und Reparaturfahrten wegen besserer Qualität
und die Bündelung von Beschaffungen würden Verkehr sparen
helfen, sagt Baum. Und auch die Verbraucher könnten umsteuern
- und Getränke aus der eigenen Umgebung kaufen.
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