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- 23.01.2002 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

Vor der Warenwelle: Experten fordern stärker vernetzten Güterverkehr

Bis 2015 sollen die Gütertransporte um 60 Prozent zuneh- men. Der drohende Kollaps des Verkehrssystems kann nur von allen Verkehrsträgern gemeinsam aufgefangen wer- den. Und dafür ist eine stärkere Rolle der Bahn gefordert.

Von Sascha Meyer, dpa

Frankfurt/Main (dpa) - Stoßstange an Stoßstange rollt die Karawane der Lastwagen über die Autobahnen - mit tausenden Geränkeflaschen und Hemden, Metallen und Chemikalien Tag für Tag.

Doch die große Warenwelle steht Deutschland als Transitland im Herzen Europas erst bevor: Bis 2015 sollen die Gütertransporte um 60 Prozent zunehmen, sagt das Bundesverkehrsministerium für alle Verkehrsträger voraus.

Schon jetzt ärgern sich Autofahrer über Dauerstaus auf den Straßen, wollen aber auch nicht auf französischen Käse im Supermarkt verzichten. «Mehr Güter auf die Bahn!», fordern Experten seit langem. Statt blinder Konkurrenz sollten sich Schiene und Straße endlich besser ergänzen.

Keine einfachen Rezepte

Gegen den Verkehrsinfarkt gebe es kein einfaches Rezept, sagt Prof. Herbert Baum, Direktor des Instituts für Verkehrswissen- schaften an der Universität Köln. Bund, Länder und die Euro- päische Union (EU), Verbraucher, Transporteure und die Wirt- schaft müssten umsteuern. Und mit der EU-Osterweiterung kämen bald noch mehr Laster hinzu. «Das ist eine Herkules- aufgabe», sagt Baum.

Dabei ist der Güterverkehr bereits in den vergangenen zehn Jahren von 3,8 Milliarden Tonnen auf über 4 Milliarden Tonnen angeschwollen - fast vier Fünftel davon entfallen nach Angaben des Statistischen Bundesamts heute auf die Straße.

Die Gütermenge auf der Schiene nahm derweil von 418 Millionen Tonnen auf knapp 300 Millionen Tonnen ab. Der Kollaps des Wegesystems könne angesichts des ebenfalls wachsenden Personenverkehrs nur von allen Verkehrsträgern gemeinsam aufgefangen werden, sind sich die Experten einig. Und dafür brauche es eine stärkere Rolle der Bahn.

Güterverkehr auf der Schiene verdoppeln

Bis 2015 solle der Güterverkehr auf der Schiene verdoppelt werden, gibt Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) vor. Die Bahn müsse jedoch schneller und flexibler sein. Zusätzliche Milliarden sollen Langsamfahrstellen beseitigen. Wo machbar, sollen Gütergespanne auf eigenen Trassen statt auf den Gleisen der schnelleren Personenzüge rollen. Moderne Loks und Waggons sollen her. Bahnchef Hartmut Mehdorn setzt allerdings vor allem auf profitable Langstrecken und will davor und danach Logistikketten per Lastwagen knüpfen. Für internationale Transporte müssten Standards harmonisiert werden, damit nicht an jeder Grenze die Lokomotive zu wechseln ist.

Auch in der Fläche seien Schienenzubringer zu Verteilknoten- punkten aber weiter erforderlich, sagt Annette Volkens, Referentin beim Verkehrsclub Deutschland (VCD). «Wenn die Deutsche Bahn dort nicht fahren will, können es gut kleine Privatbahnen tun.» Wichtig sei der ungehinderte Zugang der Konkurrenz zum Gleisnetz.

Auf Lastwagen, die direkt vor den Supermarkt fahren können, sei dennoch vor allem auf kurzen Strecken nicht zu verzichten, betonen die Fachleute. Doch der Platz für «Brummis», wie Marketingstrategen die tonnenschweren Lastenschlepper tauften, wird immer enger.

Verkehrsvermeidung notwendig

Die hochbelasteten Autobahnabschnitte mit täglich mehr als 65.000 Fahrzeugen würden sich ohne vorausschauenden Ausbau von Strecken bis 2015 verdoppeln, haben die Kölner Verkehrs- forscher ermittelt. Wo heute der Verkehr stocke, sei künftig Stillstand, sagt Baum. Nicht nur in den neuen Ländern, auch zwischen den westdeutschen Wirtschaftszentren müssten Fernstraßen neu gebaut und in Stand gehalten werden.

Etliche Transporte ließen sich darüber hinaus ganz vermeiden, sagt der Wissenschaftler. Der Güterverkehr wachse nämlich stärker als die Wirtschaftsproduktion. «Lastwagen werden immer noch als rollende Lager benutzt», kritisiert VCD-Expertin Volkens.

Kleinere und leichte Produkte, weniger Umtausch- und Reparaturfahrten wegen besserer Qualität und die Bündelung von Beschaffungen würden Verkehr sparen helfen, sagt Baum. Und auch die Verbraucher könnten umsteuern - und Getränke aus der eigenen Umgebung kaufen.


© dpa

Die große Warenwelle steht Deutschland als Transitland im Herzen Europas erst bevor: Bis 2015 sollen die Gütertransporte um 60 Prozent zunehmen.

 

 Mehr Informationen:

Universität Köln: Institut für Verkehrswissenschaft

Verkehrsclub Deutschland (VCD)

Bundesverkehrs- ministerium

vista verde: Verkehr

 

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