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Verpestete Luft: Italien entdeckt den
Umwelt- schutz
Nach dem wochenlangen Smogalarm
greifen die Behörden in Italien zu drastischen Maßnahmen:
In Mailand und vielen anderen Städten der norditalienischen
Region Lombardei wird der private Autoverkehr von Dienstag an
stark eingeschränkt.
Von Giovanni Facchini, dpa
Rom (dpa) - Bis auf weiteres dürfen
täglich abwechselnd nur Autos mit geraden und ungeraden Kennzeichenziffern
fahren. Dieser Beschluss werde solange in Kraft bleiben, bis Kohlen-
monoxid- und Staubwerte wieder unter die vorgesehenen Grenzwerte
fallen, erklärte der Präsident der Region, Roberto Formigoni.
Experten rieten davon ab, mit Kleinkindern spazieren zu gehen.
Der Smog hat den Italienern auf
schmerzliche Weise die Bedeu- tung des Umweltschutzes klar gemacht.
«Mailand Gifthaupt- stadt», titelte am Montag die
Turiner Tageszeitung «La Stam- pa». Eine derartig
drastische Massnahme gegen die Luftver- schmutzung war bisher
noch nie getroffen worden. «Diese Luft ist nicht nicht zum
Atmen», lautet schon seit Tagen die immer wiederkehrende
Klage von Millionen Menschen in der Poebene.
Auf das eigene Auto wollte jedoch
niemand freiwillig verzichten. Die herrschende Wetterlage - Nebel,
Windstille, keine Nieder- schläge - war zunächst als
Ursache für die Umweltmisere ausgemacht worden. Letztlich
setzte sich aber die Erkenntnis durch, dass die Autoabgase die
wahre Ursache der Luftverpes- tung sind. Sie haben in den letzten
Wochen zur Bildung einer wahren Giftglocke geführt, die sich
über weite Teile der Poebene gelegt hat.
Die «Emergenza Smog»,
die TV-Nachrichten und Titelseiten der Zeitungen dominiert, hat
erstmals den Status des Autos als heilige Kuh der Italiener ins
Wanken gebracht. «Es muss zu denken geben, dass in Italien
auf eine Geburt vier neu zuge- lassene Autos kommen», kritisierte
der öffentlich-rechtliche Fernsehsender RAI.
An den beiden vergangenen Wochenenden
hatte in Mailand, Turin und vielen anderen Städten schon
totales Autoverbot geherrscht. Prompt hatte sich die Luftqualität
wieder etwas verbessert, doch die Grenzwerte für Kohlenmonoxid
und die besonders gefährlichen, mikroskopisch kleinen Staubpartikeln
wurden nach wie vor überschritten.
Viele Menschen haben Angst um
ihre Gesundheit. «Wir fühlen uns hier wie in einer
Falle», zitierte der Mailänder «Corriere della
Sera» einen Mann in Busto Arstizio bei Mailand, wo die Alarm-
werte um ein vielfaches überschritten worden sind. In einigen
Kirchen wurde am Sonntag für baldigen Regen gebetet, der
die Luft reinigen möge.
Die Medien des Landes widmen
den Warnungen von Gesund- heitsexperten vor den Folgen der extremen
Luftverschmutzung breiten Raum. Zunächst würden die
Lungen angegriffen, und vor allem Kinder könnten an Asthma
und anderen chronischen Atem- wegentzündungen erkranken -
in weiterer Folge könne das täg- lich eingeatmete Gift
Krebs auslösen, lautet ihre Hiobsbotschaft.
Kinder sollten nicht im Kinderwagen
spazieren gefahren werden, da in Bodennähe die Giftkonzentration
besonders hoch sei, wird den Eltern nahe gelegt. Gesundheitsminister
Girolamo Sirchia empfahl seiner Tochter, mit ihrem neugeborenen
Kind aus Mailand zu flüchten und an die Küste nach Ligurien
zu fahren, wo die Luft rein ist.
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