Umweltrat kritisiert rot-grüne Politik
Der Sachverständigenrat für Umweltfragen
hat in seinem neuen Gutachten die Umweltpolitik der Regierung
kritisiert.
(vv) - Die Wirtschaftsflaute lähmt auch den Umweltschutz
in Deutschland: Der Einsatz für die Umwelt habe nach der
Bundestagswahl 2002 an Dynamik verloren, heißt es im Umweltgutachten
2004, dass der Sachverständigenrat für Umweltfragen
heute in Berlin vorlegte. Scharfe Kritik äußerten die
Experten besonders an der Untätigkeit der Regierung beim
Lärmschutz und am Kompromiss zum Emissionshandel beim Klimaschutz.
Emissionshandel: "Historische Chance"
vertan
Mit dem Kompromiss zum Emissionshandel habe die Bundesregierung
die "historische Chance einer klimaverträglichen Kraftwerkserneuerung"
vertan. Der von der Bundesregierung vorgelegte Nationale Allokationsplan
statte die Anlagen derart großzügig mit Emissionsrechten
aus, dass die Lenkungswirkung des Emissionshandels in dramatischem
Umfang abgeschwächt würde. Da in den nächsten 15
Jahren die Anlagen zur Stromerzeugung in Deutschland zu wesentlichen
Teilen erneuert würden, biete sich für Deutschland eine
historische Chance für den Einsatz CO2-armer Energieträger
und die Errichtung von Kraftwerken mit sehr hohem Wirkungsgrad
und damit für einen ehrgeizigen Klimaschutz zu minimalen
Zusatzkosten. Würde diese Chance nicht genutzt, werde Deutschland
das nationale Klimaschutzziel für 2020 verfehlen, warnen
die Gutachter.
Flächenverbrauch gravierendes Problem
Die immense Flächeninanspruchnahme in einer Größenordnung
von über 100 ha pro Tag (= rund 150 Fußballfelder)
stelle eine der gravierendsten Bedrohungen von Natur und Landschaft
dar. Die Gutachter verlangen deshalb die Flächeninanspruchnahme
zu senken sowie bereits genutzte Flächen zu recyclen. Der
Rat schlägt hierfür unter anderem eine Neuversiegelungsabgabe
vor, deren Erträge auch für die Altlastensanierung verwendet
werden könnten.
Untätigkeit der Regierung beim Lärmschutz
Von Lärm fühlten sich viele Menschen erheblich belästigt.
Die maßgeblichen Verursacher seien der Straßen- und
insbesondere der Luftverkehr. Gleichwohl bliebe die Politik seit
langem gerade auch im Bereich des Luftverkehrs untätig, kritisiert
der Umwelrat.
Defizite beim Natur- und Gewässerschutz
Auch beim Naturschutz sehen die Experten Defizite. Die Bundesrepublik
Deutschland gehöre zu den Schlusslichtern bei der Meldung
von Schutzgebieten für das europäische Schutzgebietsnetz
NATURA 2000. Das Problem sieht der Rat wie auch beim Gewässerschutz
in der Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern. Sie
verhindere, dass Vorgaben der EU schnell genug umgesetzt würden.
Der Umweltrat schlägt deshalb vor, dem Bund in der Gesetzgebung
die Hauptverantwortung zu übertragen.
Landwirtschaft: Subventionen an Schutz koppeln
Auch die bislang hoch subventionierte intensive Landwirtschaft
trüge zu zahlreichen, noch nicht gelösten Umweltproblemen
bei, so insbesondere zur Eutrophierung der Gewässer, zur
Grundwasserbelastung mit Pestiziden und zum Verlust der Artenvielfalt.
Hier müsse ein größerer Teil der Subventionen
daran gekoppelt werden, dass die Natur gepflegt und geschont werde.
Lob für gesetzliche Regelung zur Gentechnik
Nach Ansicht des Umweltrates muss die Koexistenz zwischen gentechnikfreien
Anbau und der "grünen" Gentechnik gesetzlich dauerhaft
gesichert werden und zwar insbesondere durch detaillierte Vorschriften
zur Vermeidung von Verunreinigungen wie Auskreuzungen, durch klare
Kennzeichnungsregeln und durch eine wirksame und strenge Haftung
der Gentechnikverwender. Der Entwurf der Bundesregierung zur Novellierung
des Gentechnikrechts trüge diesen Erfordernissen weitgehend
Rechnung, loben die Experten.
Kritik an Selbstverpflichtungen der Wirtschaft
Zwar beurteilt der Rat kooperative Formen der Steuerung wie freiwillige
Selbstverpflichtungen der Wirtschaft grundsätzlich positiv.
Allerdings müssten sie mit ehrgeizigen Zielen verbunden und
an staatlich gesetzte Bedingungen geknüpft sein. Neue Selbstverpflichtungen
gingen jedoch häufig kaum über ein "business as
usual" hinaus, bemängeln die Umweltgutachter.
Der Sachverständigenrat ist ein wissenschaftliches Beratungsgremium
der Bundesregierung mit dem Auftrag, die Umweltsituation darzustellen
und Fehlentwicklungen aufzuzeigen. Der Rat veröffentlicht
alle zwei Jahre ein Umweltgutachten.
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