Folgen des Raubbaus: Ökologische Zeitbomben in neuen EU-Ländern
Schwerindustrie, planwirtschaftliche Monokultur
und rücksichtsloser Raubbau zerstörten die Natur in
Tschechien, Polen und Ungarn so sehr, dass die Folgen noch heute
spürbar sind.
Prag/Warschau/Budapest (dpa) - Am 31. Dezember 1989 trauten
viele Tschechen ihren Ohren nicht: Solche Worte hatten sie von
einem ihrer Politiker noch nie gehört. «Wir haben unsere
Flüsse und Wälder zerstört und heute die kaputteste
Umwelt Europas», sagte ihr neuer Präsident Vaclav Havel
unverblümt im Fernsehen. Dabei hatte Havels Vorgänger
Gustav Husak in jeder Neujahrsansprache von einer «blühenden
CSSR» gesprochen. Doch jetzt, nach der politischen Wende,
erfuhren Tschechen, Polen und Ungarn offiziell, was die meisten
schon befürchtet hatten: Schwerindustrie, planwirtschaftliche
Monokultur und rücksichtsloser Raubbau zerstörten die
Natur so sehr, dass die Folgen noch heute spürbar sind.
Polen: Giftige Altlasten in Boden und Wasser
Beispiel Polen: Giftige Altlasten in Boden und Wasser sind hier
noch immer ein ökologisches Problem. Die Zahl illegaler Deponien
wird auf einige tausend geschätzt. Die EU-Auflagen für
den Umweltschutz wurden nach Ansicht der EU-Kommission noch nicht
ausreichend umgesetzt - in vielen Bereichen muss nachgebessert
werden. Sorgenregion ist das von Tagebau und Stahlwesen geprägte
Industriegebiet in Oberschlesien - zwar mussten viele Zechen in
der Bergbauregion schließen, was sich positiv auf die Luftqualität
ausgewirkt hat. Aber die ökologische Zeitbombe im Boden tickt.
Noch immer haben die Oberschlesier eine deutlich niedrigere
Lebenserwartung als die Polen in anderen Regionen, Krebserkrankungen
sind häufig. Das Leitungswasser ist allerdings auch in vielen
anderen Städten Polens nicht genießbar: In der knapp
zwei Millionen Einwohner zählenden Metropole Warschau holen
sich die meisten ihr Trinkwasser in Brunnenhäusern oder lassen
sich Vorräte ins Haus liefern.

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Budapest: Naturbewusstsein in Ungarn weit
fortgeschritten
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Ungarn: Wachsendes Umweltbewusstsein
Im Vergleich dazu brennen den Ungarn strukturelle Umweltprobleme
alter Zeiten nicht mehr so sehr auf den Nägeln. Das Naturbewusstsein
ist dabei weit fortgeschritten - zum Beispiel reißen Diskussionen
in Medien und Politik über den Zustand der Gewässer
nicht ab. Unlängst verhinderten Umweltschützer den Bau
einer NATO-Radaranlage in Südwestungarn - dafür hätten
zwei Hektar Wald gerodet werden sollen.
In Ungarn waren die Umweltschutz-Bewegungen eng mit der politischen
Wende verbunden. Massenproteste gegen das geplante slowakisch-ungarische
Donau-Kraftwerk Gabcikovo-Nagymaros im Frühjahr 1989 haben
zum Rückzug von Ungarns Kommunisten aus der Regierung beigetragen.
Die Umwelt gehört zu den EU-Kapiteln, bei denen sich Ungarn
am meisten den EU-Richtlinien angeglichen hat. Große Sorgen
macht jedoch zum Beispiel der berühmte Plattensee: Der Wasserstand
im ohnehin seichten Gewässer sinkt, der See droht schlicht
zu verdunsten. Einen Skandal gab es im April 2003 wegen des Atomkraftwerks
Paks, aus dem nach einem Störfall radioaktives Gas austrat
- das die Anwohner nicht gefährdet haben soll. Die Werksleitung
wurde aber entlassen, und der betreffende Reaktorblock liegt bis
heute still.
Tschechien: Atomkraft weiter ausbauen
In Tschechien stand lange das südböhmische AKW Temelin
im Zentrum der Umweltsorgen westlicher Nachbarn. Nachdem sich
die Regierungen in Prag und Wien auf ein «rotes Telefon»
für den Notfall geeinigt haben, ist es darum ruhiger geworden.
Neue Proteste vor allem aus Bayern und Österreich sind aber
zu erwarten, da Tschechien langfristig die Atomkraft ausbauen
will. Das Land sieht darin eine Alternative zur Braunkohle, deren
hemmungsloser Abbau vor 1989 die Grenzregion zu Sachsen zu einer
«Mondlandschaft» verkommen ließ. Hier plant
Tschechien mit EU-Mitteln eine Rekultivierung: Stillgelegte Gruben
sollen zu einer «Seenplatte» geflutet werden.
Überhaupt gilt Nordböhmen neben dem «stählernen
Herz», Nordmähren, als Tschechiens Region mit den größten
Umweltproblemen: Wegen des Kohleabbaus und wegen des Waldsterbens
im Erzgebirge trug die Region vor 1989 den Namen «Schwarzes
Dreieck». Doch auch mit erheblichen Finanzspritzen aus Deutschland
wurden Filter in alte Anlagen eingebaut und Kläranlagen eingerichtet.
So leben heute in der nach Sachsen fließenden Elbe erstmals
seit Jahrzehnten wieder Lachse - Vorbild und hoffnungsvolles Zeichen
für die geschundene Natur in vielen Transformländern.
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