Blitznebel gegen Flugzeugangriff - Wie gut sind Atommeiler geschützt?
Wegen der Terrorgefahr fordert das Bundesamt
für Strahlenschutz, 5 der 18 deutschen Atomkraftwerke vorzeitig
vom Netz zu nehmen.
Von Bernd Röder, dpa
Berlin (dpa) - Ziemlich überraschend prescht der Präsident
des Strahlenschutzamtes (BfS) nach vorn: Fünf ältere
Atomkraftwerke sollten vorzeitig vom Netz genommen werden, verlangte
Wolfram König am Wochenende. Seine Begründung: Die Meiler
Philippsburg I und Obrigheim in Baden-Württemberg, Isar I
in Bayern, Biblis A in Hessen und Brunsbüttel in Schleswig-Holstein
seien am schlechtesten gegen Terrorangriffe mit Passagierflugzeugen
geschützt.
König berief sich auf Erkenntnisse der Gesellschaft für
Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS). Die liegen freilich schon
seit mehr als einem Jahr vor. Es handelt sich um Modellrechnungen
für mehrere Absturzszenarien je nach Anlagetyp, Flugzeuggröße,
Aufprallgeschwindigkeit und -winkel, Verlauf des Brandes und anderen
Kriterien. Je nach Szenario kommt die Studie zu dem Ergebnis,
dass ein Absturz «beherrschbar» oder die «Beherrschung
fraglich» wäre. «Belastbare Aussagen sind aber
nur auf Grund anlagenspezifischer Untersuchungen möglich.»
So kann man es in einem internen Dokument zu der GRS-Studie
nachlesen, das das Umweltministerium im November 2002 angefertigt
und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) vor kurzem
ins Internet gestellt hat. Die vollständige Untersuchung,
nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Auftrag
gegeben, wurde nicht veröffentlicht.
Der bekannte Teil der GRS-Studie lässt Interpretationsspielraum.
Das Umweltministerium hebt hervor, die Untersuchung sage «nichts
über das konkrete, tatsächliche Gefahrenpotenzial einer
Anlage vor Ort aus». Der BUND spricht dagegen von «erschreckenden
Ergebnissen», die es ratsam erscheinen ließen, auch
die jüngeren AKW bald abzuschalten.
Das Ministerium von Jürgen Trittin (Grüne) ist zumindest
unzufrieden mit den bisherigen Anstrengungen der Aufsichtsbehörden
der Länder. Sie seien ihrer Verpflichtung «noch nicht
nachgekommen», die Sicherheitsvorkehrungen jeder Anlage
im Detail zu prüfen. BfS- Präsident König kritisierte
die Stromkonzerne. Sie seien «ihrer Verantwortung noch nicht
in dem Maße gerecht geworden, wie es nach dem 11. September
nötig gewesen wäre».
Aus der rot-grünen Regierung in Schleswig-Holstein hieß
es am Sonntag, der Bund dürfe seine Verantwortung nicht auf
die Länder abschieben, sondern müsse jetzt mit der Atomindustrie
sprechen, damit einzelne, gefährdete AKW abgeschaltet würden.
Bayern hat schon vor Wochen dem Vorwurf Trittins widersprochen,
bei der Gefahrenabwehr untätig zu sein. Das Reaktorgebäude
von Isar I sei auch bei einem Flugzeugabsturz sicher.
BfS-Chef König sieht einen eleganten Ausweg für die
Stromkonzerne: Sie könnten gemäß der Vereinbarung
zum Atomausstieg andere AKW länger laufen lassen, wenn sie
die fünf fraglichen Meiler abschalteten. Die Industrie will
darauf jedoch nicht eingehen. Der Schutz sei nicht ungenügend,
und er werde fortlaufend verbessert, erwiderte der Konzern Energie
Baden-Württemberg (EnBW).
EnBW plant die Aufstellung von Nebelgranaten, die im Alarmfall
ein Kraftwerksgelände binnen 40 Sekunden in dichten Nebel
hüllen und so einen Anflug unmöglich machen sollen.
Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit prüft zur Zeit
das Konzept.
Nach Ansicht der Pilotenvereinigung Cockpit vernebelt dieser
Vorschlag allenfalls die Sinne. Mit einem satellitengestützten
Navigationssystem (GPS) könne jede Atomanlage genau geortet
werden. Ein Terrorist, der in der Lage sei, ein Flugzeug zu fliegen,
könne ein anvisiertes Ziel außerdem durchaus zwei Mal
ansteuern, sagt Cockpit-Sprecher Markus Kirschneck.
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