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Weltsozialforum 2004:
Suche nach einer anderen Welt zwischen
Slums und Glaspalästen
Von diesem Freitag an wollen
bis zu 100.000 Menschen auf dem Weltsozialforum in der indischen
Metropole Bombay über die Folgen der Globalisierung diskutieren.
Von Can Merey, dpa
Bombay (dpa) - Sie sind Hindus,
Muslime, Christen oder Juden, manche beten auch gar keinen Gott
an. Trotzdem eint sie alle ein Glaube: «Eine andere Welt
ist möglich». Das ist auch Motto des Weltsozialforums,
bei dem von diesem Freitag an bis zu 100.000 Menschen aus 150
Ländern in der indischen Metropole Bombay darüber diskutieren
wollen, wie die Welt eine gerechtere werden könnte.
Sechs Tage lang werden sie über
die Folgen der Globalisierung debattieren, über Ausbeutung
der armen durch die reichen Staaten, über Unterdrückung,
Diskriminierung und Krieg. Zum vierten Mal kommen die Globalisierungskritiker
zusammen, und kaum jemand hätte sich träumen lassen,
dass das Forum einen solchen Zulauf finden würde.
Begonnen hat alles im brasilianischen
Porto Alegre. Zum ersten Weltsozialforum (WSF) versammelten sich
dort 2001 rund 15.000 Teilnehmer. Tausende Kilometer entfernt,
im idyllischen Schweizer Alpenort Davos, verhandelte zugleich
ein exklusiver Club aus Wirtschaftsbossen und mächtigen Politikern
über die Zukunft der Welt, so zumindest das Verständnis
der Globalisierungskritiker. Bis heute versteht sich das WSF als
Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Immer mehr
Menschen scheinen diesen Gegenpol auch notwendig zu finden.
2002 reisten bereits 50.000 Menschen
nach Porto Alegre, um ihrem Unmut über die Globalisierung
Ausdruck zu verleihen. Im vergangenen Jahr waren es dann 100.000.
Erstmals findet das Treffen nun außerhalb Brasiliens statt.
Auch in der 14-Millionen-Stadt Bombay erwarten die Organisatoren
nun bis zu 100.000 Menschen.

© ArtToday
Mumbai (Bombay):
In den Dhobi Ghats wird die Wäsche der ganzen Stadt
gewaschen.
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Die Teilnehmer kommen in eine
Stadt, die die Ungerechtigkeit der Welt wie wohl wenige andere
zeigt. Dort kämpfen Hochhaus-Glaspaläste mit Elendsvierteln
um den knappen Platz. Die Hafenstadt gilt als das Herz Indiens.
Sie ist die Finanzmetropole des Subkontinents, in ihr liegt zugleich
der größte Slum Asiens. In Bombay werden mehr Filme
produziert als in Hollywood. «Bollywood» ist die Traumfabrik
Südasiens. Immer mehr Menschen strömen in den Moloch,
um dem Elend auf dem Land zu entfliehen - freilich mit wenig Chancen.
Viele schlagen sich als Bettler durch.
Erst Anfang der 90er Jahre hat
Indien seine zuvor abgeschottete Wirtschaft geöffnet. Die
Globalisierung hat dem Land nicht nur Schlechtes beschert. Und
die Profiteure sind nicht nur diejenigen, die ohnehin schon reich
sind. Firmen in den USA oder Großbritannien haben zehntausende,
vielleicht sogar hunderttausende Arbeitsplätze in Indien
geschaffen, indem sie Jobs unter anderem im Bereich Telefon- oder
Computerdienstleistungen in das Billiglohnland verlagerten.
Es gibt wohl keine leichten Antworten
auf die Frage, wie die Welt gerechter werden kann. Wie viel das
Weltsozialforum überhaupt dazu beitragen kann, ist umstritten.
Manche auch aus den Gruppen der Globalisierungskritiker bemängeln,
dass das Forum keinen Dialog mit den Mächtigen sucht, wie
es die Wirtschaftsführer in Davos jedes Jahr erfolgreich
vormachen. Regierungsvertreter werden prinzipiell nicht zum WSF
eingeladen, nicht mal eine Abschlusserklärung gibt es. Böse
Zungen sprechen von einem linken Debattierclub, der Jahr für
Jahr für teures Geld um die halbe Welt reist.
Auch wenn konkrete Ergebnisse
nicht messbar sind, bestreitet letztlich kaum jemand, dass das
Forum weltweite Auswirkungen hat. Gruppen aus verschiedenen Kontinenten
schmieden Allianzen, gemeinsame Projekte werden geboren, Menschen
lernen sich kennen und tauschen sich aus. Als wegbereitend für
die weltweiten Demonstrationen gegen den Irak-Krieg im vergangenen
Februar galt das WSF ebenso wie für die Proteste gegen die
letztlich gescheiterte Konferenz der Welthandelsorganisation in
Cancun im Herbst. Oder, wie die indische WSF-Organisatorin Medha
Patkar sagt: «Indirekt oder direkt hat das WSF zum Widerstand
jeder einzelnen Person in der Welt beigetragen.»
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