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- 02.12.2003 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Krisen haben Hochkonjunktur: Verstärkt Forderung nach «großem Wurf»

Angesichts hunderter politscher Konflikte weltweit nimmt die Zahl der Politiker und Experten zu, die über einzelne Lösungen hinaus einen großen Wurf fordern: Die Verringerung der Kluft zwischen Arm und Reich.

Von Herbert Winkler, dpa

Saint-Raphael (dpa) - Alle Welt starrt gebannt auf die großen Krisenherde Naher Osten und Afghanistan. Doch im Schatten dieser Konflikte brennen oder schwelen hunderte andere, die nie oder nur gelegentlich die Aufmerksamkeit eines Massenpublikums erregen. Der Kampf um Macht, um Rechte, um Land und Schätze hat Hochkonjunktur. 173 politische Konflikte (Stand 2002) hat das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung gezählt - davon 13 Kriege und 29 «ernste Krisen».

Am gewaltsamsten tobt der Streit in Afrika, am häufigsten in Asien, zahlenmäßig am geringsten in Amerika. Die Gründe für die Auseinandersetzungen sehen die Konfliktforscher überwiegend in nationaler Macht, Territorium und Autonomie bis hin zur Sezession, also Mitbestimmung und Selbstbestimmung. Auf dem Schwarzen Kontinent sind Ressourcen - von den «Blutdiamanten» des Kongos, Angolas, Liberias und Sierra Leones bis zum Erdöl im Süden des Sudans - die Objekte persönlicher und politischer Begierde, die sich mit anderen Motiven wie ethnisch und religiös bedingtem Hass zu einer tödlichen Mischung verbünden. Oft hat das Erbe, das die Politiker der Kolonialmächte den einstigen «Schützlingen» hinterließen, nun explosive Spätfolgen.

Tote gibt es in Überzahl - allein in der Demokratischen Republik Kongo werden die Opfer der Kriegshandlungen auf 3,3 Millionen geschätzt und im Sudan auf 2,2 Millionen. Hoffnung auf dauerhafte Lösungen ist dagegen ein knappes Gut. In Kongo herrscht nach der Unterzeichnung eines Abkommens in diesem Jahr ein zerbrechlicher Friede. Im Sudan soll es im Konflikt zwischen dem moslemischen Norden und dem überwiegend christlichen Süden nach dem Wunsch des US- Vermittlers Colin Powell bis zum Jahresende dazu kommen.

Unterdessen nimmt die Zahl der Politiker und Experten zu, die über einzelne Lösungen hinaus einen großen Wurf fordern. Sie sehen in der Armut sowie dem krassen Gegensatz zwischen der industrialisierten und der übrigen Welt den eigentlichen Nährboden für Unruhen und Konflikte bis hin zum Terrorismus. «Die größte reale Gefahr unserer Welt liegt in der Armut von 1,3 Milliarden Menschen, die bangen müssen, ob sie am Tage genügend Wasser zum Trinken und Reis oder Matoke-Brei zum Essen bekommen und nicht sterben», schreibt Rupert Neudeck, der Gründer der Hilfsorganisation «Cap Anamur». «Wir können uns nur retten, indem wir die Kluft zwischen Arm und Reich geringer machen.»

Wie das zu schaffen wäre, ist umstritten - auf beiden Seiten. Der Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Donald Johnston, sieht weitere Schritte zur Liberalisierung des Welthandels, besonders einen von den Industriestaaten bislang verweigerten nachhaltigen Abbau von Agrarsubventionen, als entscheidende Voraussetzung für «den Wohlstand der Welt». In den ärmsten Ländern hänge für bis zu 90 Prozent der Menschen das Überleben von der Landwirtschaft ab. «Armut ist Teil eines bösartigen Zyklus von Konflikt, Krankheit und schwacher Regierungsarbeit, der unbedingt durchbrochen werden muss.»

Johnstons Aufforderung an die armen Länder, als Gegenleistung ihrerseits Zölle und andere Handelshemmnisse abzubauen, liegt auf der Linie der «Globalisierer»: Eine Öffnung werde auch in den armen Regionen pulsierende Wirtschaften schaffen. Kritiker sehen in dieser Forderung hingegen nur ein Mittel, die Starken stärker und die Schwachen schwächer zu machen. In Bolivien trieben Demonstranten den Präsidenten Gonzalo Sanchez de Losada aus Amt und Land, weil er Erdgas in die USA exportieren wollte. Die Armen, kommentierte die «International Herald Tribune», hätten in Bolivien noch niemals vom Export der Bodenschätze wie Zinn und Silber profitiert.

Der US-Politologe Chalmers Johnson hält die Doktrin der Globalisierung für «nichts weiter als eine hübsch drapierte Fassade, mit der ihre Opfer in der Dritten Welt beruhigt und abgelenkt werden sollen, während die reichen Länder sie aussaugen und dafür sorgen, dass sie niemals in der Lage sein werden, die imperialen Mächte herauszufordern.» Als Alternative wünschen sich der frühere CDU- Generalsekretär Heiner Geißler, Neudeck und der einstige Arbeitsminister Norbert Blüm eine internationale soziale Marktwirtschaft.

Auch der frühere US-Präsident Bill Clinton sieht Handlungsbedarf. Nicht, dass er in der Globalisierung einen intoleranten Spätkapitalismus sähe, aber er ruft zum Teilen auf. In einer Rede in der Universität Yale plädierte der Vorgänger von George W. Bush für eine weltweite Integration mit gemeinsamen Verantwortlichkeiten, Vorteilen und Werten. «Unter anderem bedeutet dies, dass wir wirtschaftliche Chancen zu den 50 Prozent der Weltbevölkerung bringen müssen, die mit zwei oder weniger Dollar am Tag leben.»

 


© ArtToday

173 politische Konflikte wurden im Jahr 2002 gezählt - davon 13 Kriege.

 

 Mehr Informationen:

Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung

Wikipedia: Krieg - Bewaffneter Konflikt

 

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