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Krisen haben Hochkonjunktur: Verstärkt
Forderung nach «großem Wurf»
Angesichts hunderter politscher
Konflikte weltweit nimmt die Zahl der Politiker und Experten zu,
die über einzelne Lösungen hinaus einen großen
Wurf fordern: Die Verringerung der Kluft zwischen Arm und Reich.
Von Herbert Winkler, dpa
Saint-Raphael (dpa) - Alle Welt
starrt gebannt auf die großen Krisenherde Naher Osten und
Afghanistan. Doch im Schatten dieser Konflikte brennen oder schwelen
hunderte andere, die nie oder nur gelegentlich die Aufmerksamkeit
eines Massenpublikums erregen. Der Kampf um Macht, um Rechte,
um Land und Schätze hat Hochkonjunktur. 173 politische Konflikte
(Stand 2002) hat das Heidelberger Institut für Internationale
Konfliktforschung gezählt - davon 13 Kriege und 29 «ernste
Krisen».
Am gewaltsamsten tobt der Streit
in Afrika, am häufigsten in Asien, zahlenmäßig
am geringsten in Amerika. Die Gründe für die Auseinandersetzungen
sehen die Konfliktforscher überwiegend in nationaler Macht,
Territorium und Autonomie bis hin zur Sezession, also Mitbestimmung
und Selbstbestimmung. Auf dem Schwarzen Kontinent sind Ressourcen
- von den «Blutdiamanten» des Kongos, Angolas, Liberias
und Sierra Leones bis zum Erdöl im Süden des Sudans
- die Objekte persönlicher und politischer Begierde, die
sich mit anderen Motiven wie ethnisch und religiös bedingtem
Hass zu einer tödlichen Mischung verbünden. Oft hat
das Erbe, das die Politiker der Kolonialmächte den einstigen
«Schützlingen» hinterließen, nun explosive
Spätfolgen.
Tote gibt es in Überzahl
- allein in der Demokratischen Republik Kongo werden die Opfer
der Kriegshandlungen auf 3,3 Millionen geschätzt und im Sudan
auf 2,2 Millionen. Hoffnung auf dauerhafte Lösungen ist dagegen
ein knappes Gut. In Kongo herrscht nach der Unterzeichnung eines
Abkommens in diesem Jahr ein zerbrechlicher Friede. Im Sudan soll
es im Konflikt zwischen dem moslemischen Norden und dem überwiegend
christlichen Süden nach dem Wunsch des US- Vermittlers Colin
Powell bis zum Jahresende dazu kommen.
Unterdessen nimmt die Zahl der
Politiker und Experten zu, die über einzelne Lösungen
hinaus einen großen Wurf fordern. Sie sehen in der Armut
sowie dem krassen Gegensatz zwischen der industrialisierten und
der übrigen Welt den eigentlichen Nährboden für
Unruhen und Konflikte bis hin zum Terrorismus. «Die größte
reale Gefahr unserer Welt liegt in der Armut von 1,3 Milliarden
Menschen, die bangen müssen, ob sie am Tage genügend
Wasser zum Trinken und Reis oder Matoke-Brei zum Essen bekommen
und nicht sterben», schreibt Rupert Neudeck, der Gründer
der Hilfsorganisation «Cap Anamur». «Wir können
uns nur retten, indem wir die Kluft zwischen Arm und Reich geringer
machen.»
Wie das zu schaffen wäre,
ist umstritten - auf beiden Seiten. Der Generalsekretär der
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD), Donald Johnston, sieht weitere Schritte zur Liberalisierung
des Welthandels, besonders einen von den Industriestaaten bislang
verweigerten nachhaltigen Abbau von Agrarsubventionen, als entscheidende
Voraussetzung für «den Wohlstand der Welt». In
den ärmsten Ländern hänge für bis zu 90 Prozent
der Menschen das Überleben von der Landwirtschaft ab. «Armut
ist Teil eines bösartigen Zyklus von Konflikt, Krankheit
und schwacher Regierungsarbeit, der unbedingt durchbrochen werden
muss.»
Johnstons Aufforderung an die
armen Länder, als Gegenleistung ihrerseits Zölle und
andere Handelshemmnisse abzubauen, liegt auf der Linie der «Globalisierer»:
Eine Öffnung werde auch in den armen Regionen pulsierende
Wirtschaften schaffen. Kritiker sehen in dieser Forderung hingegen
nur ein Mittel, die Starken stärker und die Schwachen schwächer
zu machen. In Bolivien trieben Demonstranten den Präsidenten
Gonzalo Sanchez de Losada aus Amt und Land, weil er Erdgas in
die USA exportieren wollte. Die Armen, kommentierte die «International
Herald Tribune», hätten in Bolivien noch niemals vom
Export der Bodenschätze wie Zinn und Silber profitiert.
Der US-Politologe Chalmers Johnson
hält die Doktrin der Globalisierung für «nichts
weiter als eine hübsch drapierte Fassade, mit der ihre Opfer
in der Dritten Welt beruhigt und abgelenkt werden sollen, während
die reichen Länder sie aussaugen und dafür sorgen, dass
sie niemals in der Lage sein werden, die imperialen Mächte
herauszufordern.» Als Alternative wünschen sich der
frühere CDU- Generalsekretär Heiner Geißler, Neudeck
und der einstige Arbeitsminister Norbert Blüm eine internationale
soziale Marktwirtschaft.
Auch der frühere US-Präsident
Bill Clinton sieht Handlungsbedarf. Nicht, dass er in der Globalisierung
einen intoleranten Spätkapitalismus sähe, aber er ruft
zum Teilen auf. In einer Rede in der Universität Yale plädierte
der Vorgänger von George W. Bush für eine weltweite
Integration mit gemeinsamen Verantwortlichkeiten, Vorteilen und
Werten. «Unter anderem bedeutet dies, dass wir wirtschaftliche
Chancen zu den 50 Prozent der Weltbevölkerung bringen müssen,
die mit zwei oder weniger Dollar am Tag leben.»
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