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- 12.11.2003 -

 

 

 

 

 

 

 

 

Ehrenamt im Wandel: Attac statt Freiwilliger Feuerwehr

Vereine und Gewerkschaften, Parteien und Kirchen klagen über Mitgliederschwund. Hat eine neue Bürgergesellschaft trotz des vielfachen Rückzugs ins Private eine Chance?

Von Carola Große-Wilde, dpa

Hamburg (dpa) - Gesundheitsreform, Rentenloch, hohe Arbeitslosigkeit - die Sozialsysteme stecken in einer tiefen Krise. Je leerer die öffentlichen Kassen, desto mehr sind die Bürger selbst gefordert - von der Kindergartenbetreuung bis zum Straßenkehren. Immer mehr Politiker, egal welcher Partei, propagieren das ehrenamtliche Engagement. «Die Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements entspricht dem modernen Staatsverständnis: Was die Gesellschaft besser lösen kann, das muss, das soll der Staat nicht machen», heißt es in einer Erklärung der Bundesregierung. Aber immer mehr Vereine und vor allem Gewerkschaften, Parteien und Kirchen klagen über Mitgliederschwund. Hat eine neue Bürgergesellschaft trotz des vielfachen Rückzugs ins Private eine Chance?

«Ja, auf jeden Fall», meint der Bundestagsabgeordnete Michael Bürsch (SPD), Vorsitzender der Enquete-Kommission «Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements». Rund 22 Millionen Deutsche, das sind 34 Prozent der Menschen über 14 Jahren, sind laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums ehrenamtlich in Vereinen, Projekten und Initiativen tätig. Da ist die junge Ärztin, die freiwillig ein Jahr in einem Krankenhaus in Afghanistan arbeitet, der Unternehmer, der sich in seiner Freizeit für die Kunst einsetzt oder die Biologin, die ihr Wissen unentgeltlich Greenpeace zur Verfügung stellt.

«Die Menschen wollen sich engagieren, nur die Art und Weise hat sich geändert», meint Bürsch. Im Vordergrund stehe nicht mehr das selbstlose Motiv, für das der Name Mutter Teresa steht, sondern die Frage: «Was sind meine Interessen, und wo kommen diese mit den Interessen von anderen zusammen?» Ein Beispiel dafür seien die drei Millionen Menschen, die in Selbsthilfegruppen mitarbeiteten.

«Bei den klassischen Ehrenämtern wie bei der Freiwilligen Feuerwehr oder im Sportverein verzeichnen wir Rückgänge», gibt Bürsch zu. Diese Vereine, ebenso wie Parteien oder Gewerkschaften, hätten oft noch hierarchische Strukturen, die eine Mitbestimmung erschwerten. «Die Menschen wollen jedoch eine stärkere Beteiligung. Sie wollen entscheiden, was gemacht wird», meint der Politiker. Auf diese veränderten Bedürfnisse müssten die Vereine - wollten sie weiter attraktiv bleiben - reagieren.

 


© dpa

Greenpeace-Aktivisten vor dem Reichstagsgebäude in Berlin: Rund 22 Millionen Deutsche sind ehrenamtlich in Vereinen, Projekten und Initiativen tätig.

 

 

Auch Jugendliche sind nach wie vor bereit, sich zu engagieren. «Wenn sie sich für etwas einsetzen, möchten sie aber etwas bewegen und Ergebnisse sehen», meint Klaus Hurrelmann, Leiter der Shell- Jugendstudie und Soziologie-Professor an der Universität Bielefeld. Deshalb übten Organisationen wie Greenpeace, Amnesty International oder die Globalisierungsgegner Attac, deren Mitgliederzahl in kurzer Zeit von 600 auf 12.000 kletterte, auf Jugendliche eine besondere Anziehungskraft aus. «Wenn Parteien da mithalten wollen, müssen sie sich radikal ändern», meint der Soziologe. Die Jugendlichen müssten umworben werden.

Ein positives Beispiel für die Einsatzbereitschaft der Bevölkerung sei die große Hilfswelle bei der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr gewesen. «Dort konnten die Menschen sofort sehen, welchen Sinn es macht, sich zu engagieren. Und Gemeinschaftsgefühl erleben.» Verbesserungswürdig sei allerdings auch die «Anerkennungskultur» in Deutschland: «Menschen, die sich engagieren, wollen auch gelobt werden», sagt Bürsch. Das komme bislang meist zu kurz.

 

 Mehr Informationen:

Enquete Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements"

Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement

Wegweiser Bürgergesellschaft

vista verde: Organisationen und Initiativen

 

 Lesen Sie auch:

Schröders Rat für Nachhaltigkeit will privates Engagement fördern

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