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Ehrenamt im Wandel: Attac statt Freiwilliger
Feuerwehr
Vereine und Gewerkschaften,
Parteien und Kirchen klagen über Mitgliederschwund. Hat eine
neue Bürgergesellschaft trotz des vielfachen Rückzugs
ins Private eine Chance?
Von Carola Große-Wilde,
dpa
Hamburg (dpa) - Gesundheitsreform,
Rentenloch, hohe Arbeitslosigkeit - die Sozialsysteme stecken
in einer tiefen Krise. Je leerer die öffentlichen Kassen,
desto mehr sind die Bürger selbst gefordert - von der Kindergartenbetreuung
bis zum Straßenkehren. Immer mehr Politiker, egal welcher
Partei, propagieren das ehrenamtliche Engagement. «Die Stärkung
des bürgerschaftlichen Engagements entspricht dem modernen
Staatsverständnis: Was die Gesellschaft besser lösen
kann, das muss, das soll der Staat nicht machen», heißt
es in einer Erklärung der Bundesregierung. Aber immer mehr
Vereine und vor allem Gewerkschaften, Parteien und Kirchen klagen
über Mitgliederschwund. Hat eine neue Bürgergesellschaft
trotz des vielfachen Rückzugs ins Private eine Chance?
«Ja, auf jeden Fall»,
meint der Bundestagsabgeordnete Michael Bürsch (SPD), Vorsitzender
der Enquete-Kommission «Zukunft des Bürgerschaftlichen
Engagements». Rund 22 Millionen Deutsche, das sind 34 Prozent
der Menschen über 14 Jahren, sind laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums
ehrenamtlich in Vereinen, Projekten und Initiativen tätig.
Da ist die junge Ärztin, die freiwillig ein Jahr in einem
Krankenhaus in Afghanistan arbeitet, der Unternehmer, der sich
in seiner Freizeit für die Kunst einsetzt oder die Biologin,
die ihr Wissen unentgeltlich Greenpeace zur Verfügung stellt.
«Die Menschen wollen sich
engagieren, nur die Art und Weise hat sich geändert»,
meint Bürsch. Im Vordergrund stehe nicht mehr das selbstlose
Motiv, für das der Name Mutter Teresa steht, sondern die
Frage: «Was sind meine Interessen, und wo kommen diese mit
den Interessen von anderen zusammen?» Ein Beispiel dafür
seien die drei Millionen Menschen, die in Selbsthilfegruppen mitarbeiteten.
«Bei den klassischen Ehrenämtern
wie bei der Freiwilligen Feuerwehr oder im Sportverein verzeichnen
wir Rückgänge», gibt Bürsch zu. Diese Vereine,
ebenso wie Parteien oder Gewerkschaften, hätten oft noch
hierarchische Strukturen, die eine Mitbestimmung erschwerten.
«Die Menschen wollen jedoch eine stärkere Beteiligung.
Sie wollen entscheiden, was gemacht wird», meint der Politiker.
Auf diese veränderten Bedürfnisse müssten die Vereine
- wollten sie weiter attraktiv bleiben - reagieren.

© dpa
Greenpeace-Aktivisten
vor dem Reichstagsgebäude in Berlin: Rund 22 Millionen
Deutsche sind ehrenamtlich in Vereinen, Projekten und
Initiativen tätig.
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Auch Jugendliche sind nach wie
vor bereit, sich zu engagieren. «Wenn sie sich für
etwas einsetzen, möchten sie aber etwas bewegen und Ergebnisse
sehen», meint Klaus Hurrelmann, Leiter der Shell- Jugendstudie
und Soziologie-Professor an der Universität Bielefeld. Deshalb
übten Organisationen wie Greenpeace, Amnesty International
oder die Globalisierungsgegner Attac, deren Mitgliederzahl in
kurzer Zeit von 600 auf 12.000 kletterte, auf Jugendliche eine
besondere Anziehungskraft aus. «Wenn Parteien da mithalten
wollen, müssen sie sich radikal ändern», meint
der Soziologe. Die Jugendlichen müssten umworben werden.
Ein positives Beispiel für
die Einsatzbereitschaft der Bevölkerung sei die große
Hilfswelle bei der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr gewesen.
«Dort konnten die Menschen sofort sehen, welchen Sinn es
macht, sich zu engagieren. Und Gemeinschaftsgefühl erleben.»
Verbesserungswürdig sei allerdings auch die «Anerkennungskultur»
in Deutschland: «Menschen, die sich engagieren, wollen auch
gelobt werden», sagt Bürsch. Das komme bislang meist
zu kurz.
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