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Wachsende Armut und Hunger in USA: Kein
gefährliches Thema für Bush
In den USA leiden zwischen
vier und sieben Millionen Menschen, unter ihnen viele hunderttausend
Kinder, an Hunger. Dennoch braucht Präsident Bush das Thema
kaum zu fürchten.
Von Laszlo Trankovits, dpa
Washington (dpa) - Auch die Mülleimer
und Abfallkörbe in den Straßen rund um das Weiße
Haus in Washington werden jeden Tag durchwühlt. Obdachlose
in schäbiger, zuweilen zerlumpter Kleidung suchen nach Essensresten
oder irgendetwas anders Verwertbarem. Armut und Hunger sind mitten
in der Hauptstadt des mächtigsten Landes der Welt täglich
greifbar. «Im Raum Washington gehen jeden Abend fast 100.000
Kinder hungrig zu Bett», heißt es in diesen Tagen
in Zeitungsanzeigen - mit dieser bitteren Wahrheit wirbt die Supermarktkette
«Giant» für ihre Weihnachts-Spendenaktion.
Auch die «New York Times»
startete gut acht Wochen vor Heiligabend ihre traditionelle Sammelaktion.
Obwohl sich der Durchschnittspreis einer Wohnung in Manhattan
der Millionen-Dollar-Grenze nähere, so die Zeitung, «wächst
die Zahl der Armen und Obdachlosen... Selten war in dieser Stadt
die Alltagsarmut so greifbar wie heute.» 18 von 100 New
Yorkern seien verarmt. Die Zahl der Obdachlosen habe mit fast
40.000 - doppelt so viel wie vor fünf Jahren - einen neuen
Rekord erreicht. In den USA leiden nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums
zwischen vier und sieben Millionen Menschen, unter ihnen viele
hunderttausend Kinder, an Hunger.

© dpa
Ein Obdachloser
nimmt in Los Angeles eine Mahlzeit zu sich, die von einer
Wohltätigkeitsorganisation gespendet worden ist.
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Aber ebenso wie über die
Ursachen der Armut gibt es auch über die Zahlen selbst in
den USA höchst unterschiedliche Sichtweisen. US- Präsident
George W. Bush frohlockt dieser Tage über das höchste
Wachstum der Wirtschaft seit Jahren, preist seine radikalen Steuerkürzungen
als wegweisend für eine blühende Ökonomie. Aber
das hat bisher kaum positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt
gehabt (auch wenn die Quote der Arbeitslosen mit 6,1 Prozent deutlich
niedriger als in Deutschland liegt).
So gut wie keinen Einfluss haben
die guten Nachrichten von der US- Wirtschaft auf die Probleme
der sozialen Randgruppen. Die Zahl der Armen in den USA wächst
wieder. Fast 35 Millionen der 282 Millionen US-Bürger gelten
nach den jüngsten statistischen Angaben (für 2002) als
arm, 1,4 Millionen mehr als im Vorjahr. Statistisch gilt in den
USA als arm, wer in etwa weniger als die Hälfte eines Durchschnittseinkommens
bezieht. Arm bedeutet für eine vierköpfige Familie Einkünfte
von weniger als 18.390 Dollar (etwa 17.000 Euro).
Dennoch braucht Bush ein Jahr
vor der Präsidentschaftswahl das Thema kaum zu fürchten.
Denn die Armuts-Zahlen 2002 brachten für eine schleppende
Konjunktur einen vergleichsweise nur geringen Anstieg. Zudem bedeuten
selbst die Zahlen im Vergleich der letzten vier Jahrzehnte ein
ungefähres Verharren auf einem historischen Tiefststand.
Lediglich in den Boomjahren bis 2001 gab es noch etwas weniger
Arme als heute.
«Amerikaner erwarten vom
Staat schlicht weniger an sozialer Fürsorge als Europäer»,
betont der Sozialwissenschaftler David Garrison, stellvertretender
Direktor des renommierten liberalen Brookings-Instituts in Washington.
Konservative Soziologen wie Robert Rector von der Heritage Stiftung
in Washington formuliert, was in den USA Mehrheitsmeinung ist:
für Armut in den USA mit ihren unbegrenzten Chancen sei vor
allem jeder einzelne selbst verantwortlich. Der demokratische
Präsident Bill Clinton war es, der 1996 mit seiner Sozialreform
viele Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger in den Arbeitsmarkt
drängte - und staatliche Fürsorge weiter begrenzte.
Das Bild der Obdachlosen in den
US-Metropolen widerspricht nicht unbedingt den amerikanischen
Idealen: Hauptsache sei, dass jeder die Chance zum persönlichen
Glück habe, der Traum vom Tellerwäscher zum Millionär
gilt noch immer. Bestätigung für diese Ideologie finden
Konservative in der jüngsten Forbes-Liste der 400 reichsten
Amerikaner. Wie der Spitzenreiter, Microsoft-Chef Bill Gates haben
viele andere auch ganz ohne großes Erbe ihr Glück gemacht
- für die Amerikaner ein Beweis, dass der amerikanische Traum
funktioniert. Und für Millionen Menschen weltweit jährlich
Grund, um legal oder illegal zu versuchen, in die USA überzusiedeln
- auch wenn sie die Bilder der unzähligen Obdachlosen in
den Metropolen zumindest aus Hollywood- Filmen kennen.
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