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Italien: Atomlobby wittert nach Stromausfall
ihre große Chance
Italien ist eines der wenigen
Länder, die der Atomkraft abgeschworen haben. Doch der Widerstand
gegen die Nuklearenergie bröckelt. Erst recht seit dem größten
Stromausfall aller Zeiten.
Von Giovanni Facchini, dpa
Rom (dpa) - Italien ist eines
der wenigen Länder, die der Atomkraft abgeschworen haben.
Doch der Widerstand gegen die Nuklearenergie bröckelt unter
den Partnern in der Mitte-Rechts- Regierung von Ministerpräsident
Silvio Berlusconi. Spätestens seit dem größten
Stromausfall aller Zeiten, der am Sonntag für Stunden in
ganz Italien die Lichter ausgehen ließ, wittert die Atomlobby
ihre große Chance. «Die Partei der Atomkraft ersteht
wieder auf», titelte die Tageszeitung «La Repubblica»
am Dienstag.
Tatsächlich versuchen Regierungspolitiker
und für die Atomkraft eintretende Wissenschaftler die Verunsicherung
der Menschen nach dem Stromausfall für ihre Ziele zu nutzen.
Die Regierung spricht nicht offen über eine Aufhebung des
Verbots für Kernkraftwerke, doch die Tendenz scheint klar.
«Wir müssen das überdenken, was vor Jahren über
die Atomkraft beschlossen wurde», sagte etwa Infrastruktur-Minister
Pietro Lunardi. «Warum sollte neben den alternativen und
erneuerbaren Energien nicht auch Platz für die Atomenergie
sein», pflichtete ihm der Vizeminister für Produktionstätigkeit,
Adolfo Urso, bei. «Die Liste der Minister, die aus der Deckung
kommen, wird jeden Tag länger», schrieb «La Repubblica».
Unterstützung bekommen die
Politiker von Experten, die für die Atomkraft eintreten.
«Mit den neuen Reaktoren sind die Risiken extrem gering»,
sagte etwa der Physiker Carlo Bernardini. Auch aus Brüssel
erhielt die Atomlobby Schützenhilfe. «Spanien produziert
30 Prozent seines Stroms mit der Atomkraft, es würde nie
so lange im Finstern stehen wie Italien», stellte die EU-Energiekommissarin
Loyola de Palacio ihr Heimatland als Vorbild hin.
Die Regierung in Rom will rasch
einen Plan vorlegen, wie künftig Stromausfälle verhindert
werden sollen. «Die Abhängigkeit vom Ausland muss beseitigt
werden», lautet das Motto. Italien bezieht derzeit etwa
ein Fünftel seines Stroms von den Nachbarn nördlich
der Alpen.
Noch ist vage von «alternativen
Energien» und «neuen Kraftwerken» die Rede,
die Italien aus der Strommisere helfen sollen. Dabei entsteht
oft der Eindruck, als handelte es sich bei der Atomenergie auch
um eine alternative Energiequelle. «Solar- und Nuklearenergie
sind die Energiequellen der Zukunft», schrieb etwa der italienische
Physik-Nobelpreisträger Carlo Rubbia im «Corriere della
Sera».
Die ganze Diskussion würde
es heute vermutlich nicht geben, hätte sich 1986 nicht der
Super-GAU im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ereignet.
Damals hatten die Atomkraftgegner Morgenluft gewittert. Sie setzten
eine Volksabstimmung durch, bei der sich 1987 80 Prozent der Italiener
für ein Verbot der Atomkraft aussprachen.
Damit mussten die drei damaligen
Atomkraftwerke abgeschaltet werden, ein weiteres in Bau befindliches
AKW ging nicht mehr ans Netz. Was viele Italiener heute nicht
mehr wissen: Ihr Land hatte schon in den 50er Jahren auf die Atomenergie
gesetzt. Mitte der 60er Jahre lag Italien bei der weltweiten Atomstrom-Produktion
hinter den USA und Großbritannien an dritter Stelle.
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