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- 30.09.2003 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Italien: Atomlobby wittert nach Stromausfall ihre große Chance

Italien ist eines der wenigen Länder, die der Atomkraft abgeschworen haben. Doch der Widerstand gegen die Nuklearenergie bröckelt. Erst recht seit dem größten Stromausfall aller Zeiten.

Von Giovanni Facchini, dpa

Rom (dpa) - Italien ist eines der wenigen Länder, die der Atomkraft abgeschworen haben. Doch der Widerstand gegen die Nuklearenergie bröckelt unter den Partnern in der Mitte-Rechts- Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Spätestens seit dem größten Stromausfall aller Zeiten, der am Sonntag für Stunden in ganz Italien die Lichter ausgehen ließ, wittert die Atomlobby ihre große Chance. «Die Partei der Atomkraft ersteht wieder auf», titelte die Tageszeitung «La Repubblica» am Dienstag.

Tatsächlich versuchen Regierungspolitiker und für die Atomkraft eintretende Wissenschaftler die Verunsicherung der Menschen nach dem Stromausfall für ihre Ziele zu nutzen. Die Regierung spricht nicht offen über eine Aufhebung des Verbots für Kernkraftwerke, doch die Tendenz scheint klar. «Wir müssen das überdenken, was vor Jahren über die Atomkraft beschlossen wurde», sagte etwa Infrastruktur-Minister Pietro Lunardi. «Warum sollte neben den alternativen und erneuerbaren Energien nicht auch Platz für die Atomenergie sein», pflichtete ihm der Vizeminister für Produktionstätigkeit, Adolfo Urso, bei. «Die Liste der Minister, die aus der Deckung kommen, wird jeden Tag länger», schrieb «La Repubblica».

Unterstützung bekommen die Politiker von Experten, die für die Atomkraft eintreten. «Mit den neuen Reaktoren sind die Risiken extrem gering», sagte etwa der Physiker Carlo Bernardini. Auch aus Brüssel erhielt die Atomlobby Schützenhilfe. «Spanien produziert 30 Prozent seines Stroms mit der Atomkraft, es würde nie so lange im Finstern stehen wie Italien», stellte die EU-Energiekommissarin Loyola de Palacio ihr Heimatland als Vorbild hin.

Die Regierung in Rom will rasch einen Plan vorlegen, wie künftig Stromausfälle verhindert werden sollen. «Die Abhängigkeit vom Ausland muss beseitigt werden», lautet das Motto. Italien bezieht derzeit etwa ein Fünftel seines Stroms von den Nachbarn nördlich der Alpen.

Noch ist vage von «alternativen Energien» und «neuen Kraftwerken» die Rede, die Italien aus der Strommisere helfen sollen. Dabei entsteht oft der Eindruck, als handelte es sich bei der Atomenergie auch um eine alternative Energiequelle. «Solar- und Nuklearenergie sind die Energiequellen der Zukunft», schrieb etwa der italienische Physik-Nobelpreisträger Carlo Rubbia im «Corriere della Sera».

Die ganze Diskussion würde es heute vermutlich nicht geben, hätte sich 1986 nicht der Super-GAU im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ereignet. Damals hatten die Atomkraftgegner Morgenluft gewittert. Sie setzten eine Volksabstimmung durch, bei der sich 1987 80 Prozent der Italiener für ein Verbot der Atomkraft aussprachen.

Damit mussten die drei damaligen Atomkraftwerke abgeschaltet werden, ein weiteres in Bau befindliches AKW ging nicht mehr ans Netz. Was viele Italiener heute nicht mehr wissen: Ihr Land hatte schon in den 50er Jahren auf die Atomenergie gesetzt. Mitte der 60er Jahre lag Italien bei der weltweiten Atomstrom-Produktion hinter den USA und Großbritannien an dritter Stelle.

 


© ArtToday

Venedig: Die Kuppeln von Santa Maria della Salute im Abendlicht. Werden Italiens Straßenlampen bald mit eigenem statt französischem Atomstrom beleuchtet?


 Mehr Informationen:

vista verde: Atomkraft

 

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