|
Khat statt Mathe: In Somalia gehen nur
wenige Kinder zur Schule
Im Bürgerkriegsland Somalia
geht nicht einmal jedes fünfte Kind in eine Schule. Stattdessen
verbringen viele Kinder einen großen Teil ihrer Zeit damit,
stimulierende Khat-Blätter zu kauen.
Von Ulrike Koltermann, dpa
Gabiley (dpa) - Wenn Hassan lacht,
hat er grüne Mundwinkel. Wenn er nicht lacht, kaut er gemächlich
auf einer faserigen Masse herum. Der Zwölfjährige verbringt
einen großen Teil seiner Zeit damit, stimulierende Khat-Blätter
zu kauen. Zur Schule geht er nicht - wie nach UN-Angaben 123 Millionen
Kinder weltweit. Das Bürgerkriegsland Somalia ist mit am
schlimmsten betroffen. Dort geht nicht einmal jedes fünfte
Kind in eine Schule.
Da es in Somalia seit zwölf
Jahren keine zentrale Regierung mehr gibt, haben viele Gemeinden
das Schulwesen selbst in die Hand genommen. Das UN-Kinderhilfswerk
Unicef unterstützt sie dabei. Mangelnde Schulbildung ist
nach Ansicht von Unicef eines der größten Hindernisse
bei der Armutsbekämpfung.

© dpa
Mädchen
und Jungen sitzen auf getrennten Bänken in der Grundschule
von Gabiley in Somaliland, der unabhängigen, aber
international nicht anerkannten Republik im Nordwesten
Somalias.
|
«Lächle, Du bist in
Gabiley», steht auf dem Ortsschild der 20.000- Einwohner-Gemeinde
in Somaliland, der abtrünnigen Republik im Nordwesten des
Landes. Bemüht realistische Wandmalereien an Geschäften,
Restaurants und Arztpraxen sind nicht nur Dekoration, sondern
auch ein Hinweis auf die hohe Zahl der Analphabeten.
Die Schule besteht aus mehreren
hellgelben, eingeschossigen Gebäude. Auf dem Schulhof wimmelt
es vor Kindern. Die Mädchen tragen leuchtend bunte Schleier,
die bis zu den Knien reichen. Manche lutschen Wassereis aus kleinen
Plastikbeuteln.
«Wir unterrichten in zwei
Schichten», sagt Achmed, der Schuldirektor. «Wir haben
weder ausreichend Platz noch genügend Lehrer.» Über
die Aufnahme entscheide die Reihenfolge der Anmeldungen. Die meisten
Schulen finanzieren sich durch Beiträge der Eltern. Unicef
beteiligt sich nicht an den laufenden Kosten, um den Schulbetrieb
nicht von der Hilfe abhängig zu machen.
Viele Eltern melden ihre Kinder
gar nicht erst an, weil sie es sich nicht leisten können.
Wenn sie nicht alle in die Schule zu schicken können, dann
haben die Jungen Vorrang. Mädchen müssen häufig
von klein auf im Haushalt mitarbeiten. Aus der Sicht mancher Eltern
ist der Schulbesuch ihrer Töchter eine Fehlinvestition, da
sie häufig früh heiraten und dann viele Kinder bekommen.
Im Schnitt sitzen ein Drittel Mädchen in den Klassen. Bis
zur Abschlussklasse verringert sich ihr Anteil jedoch auf ein
Achtel.
Stolz zeigt der Schuldirektor
die neuen, bunt bebilderten Schulbücher. «Es gab viele
Diskussionen, vor allem über die Frage, ob und wie Mädchen
abgebildet werden sollten», sagt er. Nun sind auf den Bildern
auch - korrekt verschleierte - Schülerinnen und Lehrerinnen
zu sehen. Mädchen und Jungen werden gemeinsam unterrichtet,
sitzen aber auf getrennten Bänken. Nur wenige Schulen haben
sichtgeschützte Spiel- und Sportplätze extra für
Mädchen.
In dem fast einheitlich muslimischen
Land stehen auch Arabisch und Islamunterricht auf dem Lehrplan.
«Die Schüler erfahren dabei auch von den anderen Religionen.
Sie sollen Respekt vor Andersgläubigen lernen», sagt
Achmed. Gemeinsame Gebete auf dem Schulgelände fänden
nicht statt. «Gebetet wird entweder in der Moschee oder
zu Hause», fügt er hinzu.
Für Kinder, die nicht zur
Schule gehen, hat Unicef gemeinsam mit lokalen Partnern Jugendgruppen
gegründet. «Die Jugendlichen spielen Fußball
und Basketball», berichtet die Projektleiterin Amina. «Aber
sie sprechen auch über Aids, Genitalverstümmelung von
Mädchen und über die Rechte von Kindern.» Die
Schulbildung sei auf diese Weise nicht zu ersetzen, sagt sie.
«Aber es ist auf jeden Fall besser, als wenn sie herumsitzen
und Khat kauen.»
|