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Kinderhandel in Afrika: Ein Fahrradwunsch
führt in die Sklaverei
Alarmierende Bilanz zum Weltkindertag:
UNICEF schätzt die Zahl der in Afrika vom Kinderhandel betroffenen
Kinder auf etwa 200.000 im Jahr.
Von Ulrike Koltermann, dpa
Nairobi (dpa) - Der Wunsch nach
einem Fahrrad stand am Beginn der Reise. Der 13 Jahre alte Selom
hatte seine Eltern verloren und lebte zusammen mit seinen Geschwistern
in einem Dorf in Togo. Für die Schule war nicht genügend
Geld da. Eines Tages fragte ihn ein Mann, ob er mit nach Nigeria
kommen wollte, um dort in einem Geschäft zu arbeiten. Er
sollte ein Fahrrad bekommen und könnte nebenbei noch zur
Schule gehen. Selom ahnte nicht, dass er es mit einem professionellen
Kinderhändler zu tun hatte. In Nigeria angekommen, musste
er von morgens um fünf bis abends um sechs auf einer Farm
arbeiten.
«Kinderhandel ist ein riesiges
Problem in Afrika», sagt Charles Kwenji von der Internationalen
Organisation für Migration in Nairobi. Vor allem im Westen
des Kontinents gebe es geradezu Handelsrouten, die meist von den
ärmeren in reichere Länder führten. Kurz vor dem
Weltkindertag am 20. September schätzt das UN-Kinderhilfswerk
UNICEF die Zahl der betroffenen Kinder auf etwa 200.000 im Jahr.
«Der Hauptgrund für
Kinderhandel ist die Armut», sagt Kwenji. Häufig sei
den Eltern nicht bewusst, was ihren Kindern in der Fremde passiert.
Die meisten Kinder werden mit großzügigen Versprechungen
gelockt. Was für Selom das Fahrrad war, sind für andere
die Aussicht auf Schulbildung oder auf einen guten Job. «Menschen,
denen es schlecht geht, sind leicht zu verführen»,
sagt Kwenji.
Jungen werden häufig auf
Baumwoll- oder Kakaoplantagen eingesetzt. Wenn sie überhaupt
bezahlt werden, dann häufig deutlich schlechter als erwachsene
Arbeiter, heißt es in einem Bericht von Human Rights Watch.
Sie schlafen in Sammelunterkünften und werden oft körperlich
misshandelt. Selom berichtet darin, dass er auf der Farm mit einer
Machete arbeiten sollte und sich damit seine Hand verletzt habe.
Sein Chef warf ihm vor, er wolle sich damit vor der Arbeit drücken.
Mädchen hingegen arbeiten
oft bei reicheren Familien im Haushalt. Viele enden als Prostituierte.
Ein Viertel in der togoischen Hauptstadt Lomé heißt
«Markt der kleinen Vagina». «Manche Mädchen
werden doppelte Aids-Opfer», meint Jonathan Cohen, der den
Bericht für die Menschenrechtsorganisation verfasst hat.
«Erst sterben ihre Eltern an der Krankheit, dann geraten
die Mädchen an Kinderhändler und werden am Ende selbst
angesteckt.»
Kinderhandel gilt völkerrechtlich
als eine Form von Sklaverei und eine der schlimmsten Formen von
Kinderarbeit. Die gesetzliche Basis, um gegen Kinderhändler
vorzugehen, ist jedoch häufig recht schmal. Selbst wenn es
entsprechende Rechtsvorschriften gibt, scheitert es häufig
an der Umsetzung. Togo hat nach dem jüngsten Bericht des
US- Außenministeriums über Menschenhandel in einem
Jahr etwa 50 mutmaßliche Täter strafrechtlich verfolgt.
Wie viele von ihnen tatsächlich verurteilt wurden, ist nicht
bekannt.
Der Junge aus Togo, der von einem
Fahrrad träumte, hat es schließlich auch bekommen -
allerdings unter widrigen Umständen. Nach elf Monaten Zwangsarbeit
in Nigeria gab ihm sein Chef ein Fahrrad und sagte ihm, er solle
damit nach Hause fahren. Vier Tage war er unterwegs. Die wenigen
Dollar, die er bekommen hatte, nahmen ihm unterwegs Soldaten ab.
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