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Indien: «Heilige Kühe»
sollen auf Kosten der Armen geschützt werden
Indien will seine als heilig
geltenden Kühe besser schützen. Doch ein Schlachtverbot
träfe vor allem die Ärmsten.
Von Can Merey, dpa
Neu Delhi (dpa) - Indien streitet
um den Schutz seiner «heiligen Kühe»: Die Regierung
scheiterte am Donnerstag im Parlament in Neu Delhi überraschend
damit, ein «Gesetz zur Vermeidung von Grausamkeiten gegen
Kühe» einzubringen, wonach das Schlachten der Tiere
künftig mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft würde.
Doch der Druck auf die Regierung wächst: Hindu-Fundamentalisten
fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Atal Behari
Vajpayee, sollte das Schlachtverbot nicht bald verabschiedet werden.
Das Gesetz ist ein altes Wahlversprechen von Vajpayees hindu-nationalistischer
BJP.
In einem Land, in dem rund die
Hälfte aller Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben müssen,
muten die Bemühungen um das Wohlergehen der Kühe sonderbar
an. Zudem ist das Schlachten von Kühen ohnehin bereits in
fast allen Bundesstaaten verboten. Mit dem landesweiten Verbot
dürfte die BJP vor den im Laufe des Jahres anstehenden Wahlen
in wichtigen Bundesstaaten bei Hindu-Hardlinern punkten wollen.
Im kommenden Jahr stehen zudem Parlamentswahlen an.
Der Schutz der Kühe ist
ein großes Politikum. Vajpayee geriet vergangenes Jahr unter
Druck, als in seinem Heimat-Bundesstaat Madhya Pradesh Plakate
auftauchten, auf denen «Die Kuh ist unsere Mutter, und Atal
isst sie» zu lesen war. Der Regierungschef beeilte sich
zu versichern: «Ich würde lieber sterben, als Rindfleisch
essen.»

© ArtToday
Jaipur: Kühe
streunen durch die Straßen.
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Paramilitärische Kuhschutz-Polizei
gefordert
Je näher die Wahlen rücken,
um so bizarrere Blüten treibt die Debatte. Die indische Tierschutzbehörde
fordert inzwischen allen Ernstes eine paramilitärische Kuhschutz-Polizei
und die Schaffung einer Kommission zum Wohlergehen der Kühe.
Eine Kommission für das Wohlergehen der Kinder gibt es in
Indien nicht.
Sollte das Gesetz zum Schutz
der Kühe in Kraft treten, dürfte das schlimme Konsequenzen
für die Ärmsten der Armen haben, kritisieren Gegner
der Pläne. So essen etwa Angehörige der teils bis heute
als «unberührbar» diskriminierten Kasten das
von höheren sozialen Schichten meist verschmähte billige
Rindfleisch. Kancha Ilaiah, ein Aktivist der «Dalit»
(Unterdrückte), wie sich die Kasten nennen, warnt: «Die
meisten der Armen würden verhungern, wenn das Verbot kommt.»
Doch zumindest für manche
Inder zählt das Leben einer Kuh mehr als das eines Menschen
- zudem, wenn er ein «Dalit» ist. So wurden im Oktober
vergangenen Jahres fünf Angehörige der diskriminierten
Kasten vor den Augen der Polizei gelyncht, weil sie angeblich
eine Kuh geschlachtet hatten. Erst im Juli wurde aus demselben
Grund ein ganzes Dorf in Brand gesteckt.
Kritiker halten die Kuhschutz-Debatte
für scheinheilig. Da die Tiere in den meisten Bundesstaaten
nicht geschlachtet werden dürfen, werden sie meist einfach
vom Hof gescheucht, wenn sie keine Milch mehr geben. 100.000 Kühe
streunen nach der Schätzung einer indischen Zeitung alleine
durch die Straßen der Hauptstadt Neu Delhi - und vegetieren
in der 14-Millionen-Metropole teils unter erbärmlichen Bedingungen
vor sich hin.
Die Tiere werden bei Unfällen
mit Autos verkrüppelt, leiden unter Krankheiten und ernähren
sich von Abfällen in der Gosse. Und so fragt der prominente
Dalit-Politiker Udit Raj denn auch mit Blick auf die orthodoxen
Hindus: «Wenn die Kuh ihre Mutter ist, warum behalten sie
sie dann nicht zu Hause, statt sie Müll essen zu lassen?»
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