|
Aids in Afrika - Testfall, Teufelskreis
und Tragödie zugleich
Aids gilt nach Sklaverei und
Kolonialismus als eine der größten Herausforderungen
für den ärmsten und auch am stärksten betroffenen
Kontinent der Welt.
Von Ralf E. Krüger, dpa
Johannesburg (dpa) - Selina Sewopa
ist besorgt um Ruf und Pfunde. «Wenn man heutzutage dünner
wird, denken die Leute ja gleich an Aids», sagt die Putzfrau
aus Johannesburg, die mit den Pfunden nicht gerade geizt. Eine
solche Sorge ist neu in einem Land, in dem 4,7 Millionen Menschen
HIV-infiziert sind - mehr als in jedem anderen Staat. Erst zwei
Jahrzehnte nach der Entdeckung des Aidsvirus drängt die Immunschwäche-Krankheit
nun auch am Kap ins Bewusstsein der Menschen. Lange hatte Südafrikas
Bevölkerung es zu verdrängen, verharmlosen oder verleugnen
versucht. Die Regierung von Präsident Thabo Mbeki liegt bis
heute wegen ihrer konfus-diffusen Aids-Politik mit Hilfsorganisationen
über Kreuz.
Dabei gilt Aids nach Sklaverei
und Kolonialismus als eine der größten Herausforderungen
für den ärmsten und auch am stärksten betroffenen
Kontinent der Welt. Es ist Testfall, Tragödie und Teufelkreis
zugleich, Stigma, Entwicklungshemmer und Existenzrisiko. Auf Dauer
dürfte die schleichende Gefahr eine ganze Generation zu Waisen
machen. Tagtäglich sterben dort im Schnitt 6300 Menschen
an der Krankheit. Von den mehr rund 42 Millionen HIV-Infizierten
weltweit leben mehr als 29 Millionen in den Ländern südlich
der Sahara. Die meisten von ihnen werden ohne Behandlung das nächste
Jahrzehnt nicht erleben. Das südliche Afrika mit Botswana,
Malawi, Simbabwe, Sambia, Swasiland, Mosambik und Südafrikas
ist Schwerpunkt der Plage, die Südafrikas Ex-Präsident
Nelson Mandela eine «Tragödie nie da gewesenen Ausmaßes»
nannte.
Trotz Einzelerfolgen in Uganda
oder Senegal hat das große Sterben mangels umfassender Strategien
bereits begonnen. «Die Wende zum Besseren haben wir in Afrika
noch längst nicht erreicht», schätzt Michael Klaus
vom UN-Kinderhilfswerk UNICEF. Zwar nimmt das Bewusstsein für
die Gefahr ebenso wie die Zahl der Selbsthilfegruppen zu, doch
auch die Zahl der Betroffenen schwillt weiter. Die nun voll ausbrechende
Epidemie trifft Afrika mitten ins Herz. Sie ist eine Gefahr für
Demokratie, Stabilität und Sicherheit, ein Risiko für
die Wirtschaft und Ursache ungeahnten menschlichen Leidens. Alle
Kriege des Kontinents haben nicht so viel Tote verursacht wie
die Krankheit, die auch die Entwicklung des Schlusslichts im Welthandel
ausbremst.
Sinkende Lebenserwartungen, schrumpfende
Produktionszahlen, ausgedünnte Ämter, Lehrkörper
und Armeen - die Folgen von Aids sind überall spürbar.
In Farmen und Betrieben fehlen Menschen der produktivsten Altersgruppe
zwischen 20 und 40 Jahren. Am Kap legen große Unternehmen
bereits aus eigenem Interesse Aids-Programme auf - die Regierung
sperrt sich gegen die landesweite Verteilung wirksamer Medikamente,
die den Fortschritt der Krankheit hemmen.
Bis 2010, schätzt eine US-Studie,
wird Aids das Bruttosozialprodukt Schwarzafrikas um 20 Prozent
reduzieren. 20 Millionen Kinder dürften dann Vater oder Mutter
oder beide durch Aids verloren haben. Weltweit wird mit 25 Millionen
Aids-Waisen gerechnet - momentan sind es 13,4 Millionen. Entwurzelt
schließen sich viele davon Banden an und wachsen in gewaltbereiten
Milieus ohne moralische Richtwerte auf. In Südafrika wirkt
zudem der Aberglaube, Sex mit Jungfrauen heile Aids, dramatisch:
Die Vergewaltigungsopfer werden immer jünger.
|