|
«Kauft nicht vom Ami!»:
Boykottaufrufe gegen US-Produkte
Die Bombenangriffe auf den
Irak konnten die deutschen Kriegsgegner nicht verhindern - nun
wollen sie mit einem Boykott gegen US-Produkte zumindest ein persönliches
Zeichen setzen.
Von Sebastian Okada und Christopher
Kellner, dpa
Hamburg (dpa) - Und so hat die
Weltpolitik dieser Tage deutsche Supermärkte und Kneipen
erreicht: Von Colgate-Zahnpasta über Whiskas-Katzenfutter
bis Jim Beam-Whiskey - nach dem Willen mancher Kriegsgegner soll
nichts aus amerikanischer Herstellung mehr gekauft werden. «Schwarze
Listen» der Produkte machen per Email und Handy-SMS die
Runde, und so mancher deutsche Wirt schenkt mittlerweile keine
Coca-Cola mehr aus.
«Kauft nicht vom Ami!»
lautet der Aufruf auf Internetseiten und Flugblättern. Die
Kriegsgegner hoffen, «Einfluss auf die amerikanische Wirtschaft
zu nehmen, und so eine neue, demokratischere Entwicklung in Amerika
einzuleiten», heißt es beispielsweise auf der Webseite
«www.amerika-boykott.com». Allerdings kritisieren
auch viele Friedensaktivisten in Deutschland die Aufrufe als anti-amerikanisch
und feindselig.
Die Boykott-Aktionen sind wohl
auch zum Teil eine Retourkutsche. Seit Wochen wettern Autoren
aus den USA und Großbritannien auf Internetseiten wie www.germanystinks.com
(«Deutschland stinkt») massiv gegen Deutschland und
Frankreich, die «Feiglinge» in Europa. Und schon vor
Kriegsbeginn verlangten US-Kongressabgeordnete einen Verzicht
auf deutsche Autos sowie französischen Käse und Wein
- als Strafe für mangelnde Kooperation in der Irak-Krise.
Einer Umfrage des Instituts polis zufolge würde auch jeder
Zehnte in Deutschland auf US-Produkte verzichten. Allerdings hielten
72 Prozent der Befragten nichts vom Boykott.
Ein Hauptziel der weltweiten Boykott-Aufrufe
ist die Fastfoodkette McDonald's. Der Appetit ihrer Kunden auf
BigMac und Co. hat jedoch offenbar kaum nachgelassen: «Wir
checken jeden Tag unsere Zahlen und sind auf gutem Kurs»,
berichtet McDonald's-Sprecherin Ricarda Rücker. Der Darmstädter
Fahrradhersteller «Riese und Müller» machte indes
Ernst. Er stornierte kürzlich Aufträge bei drei amerikanischen
Zulieferern. Die Entscheidung hätten die rund 30 Mitarbeiter
getroffen, hieß es in der Firma. Sie wollen die Geschäftsbeziehungen
erst wieder aufnehmen, wenn sich die US-Unternehmen gegen den
Militäreinsatz aussprechen. Geantwortet hat erst einer. Der
Irak- Krieg werde in der Belegschaft durchaus kontrovers diskutiert,
hieß es. Öffentlich Stellung werde die Firmenleitung
aber nicht beziehen.
In Deutschland sind unterdessen
große Organisationen wie die Umweltschützer von Greenpeace
und das globalisierungskritische Netzwerk Attac - sonst nicht
um Protestaktionen verlegen - gegen einen Boykott. «Unser
Protest richtet sich doch nicht gegen die Bürgerinnen und
Bürger, sondern gegen die Regierungspolitik», betonte
Attac-Sprecher Christoph Bautz in einem Zeitungsinterview. Auch
innerhalb der Kirche sind die Meinungen geteilt: Das bekam auch
der Berliner Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky zu spüren.
Er hatte den Verzicht auf amerikanische und britische Waren als
gutes «Zeichen» befürwortet. Es hagelte Kritik
von der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Deren Ratsvorsitzender
Manfred Kock unterstrich, die Kritik am Kriegskurs dürfe
nicht anti-amerikanisch werden.
Besonders eifrige Kriegsgegner
wollen den Protest nun sogar auf die Sprache ausweiten: Englische
Ausdrücke sollen im Deutschen durch französischen Wörter
ersetzt werden, fordern Sprachwissenschaftler. Statt «Ticket»
könne man «Billet» sagen, statt «Box»
lieber «Karton» - das sei eine friedliche Form des
Anti-Kriegs- Protests, sagt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft
«Sprache in der Politik», Armin Burkhardt. Er empfiehlt
etwa «Trikot» statt «T- Shirt», «Pointe»
statt «Gag», «d'accord» statt «okay»
und «Etikett» statt «Label». Wer seinen
Wortgebrauch dergestalt ändere, meint Burkhardt, demonstriere
deutsch-französische Solidarität in der Irak-Frage.
|