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Blau und Rot gegen den Krieg:
Beginn einer neuen Friedensbewegung?
Mit zahllosen Fahnen, Schildern
und Parolen feiern Kriegsgegner zu Zehntausenden bunte Friedensfeste.
Zweifelhaft ist aber, ob sich eine neue, große Friedensbewegung
auf Dauer etabliert.
Von Basil Wegener, dpa
Hamburg (dpa) - Die Farben des
Friedens sind Blau, Orange, Grün und Rot. Mit zahllosen Bildern,
Schildern und Parolen feiern Kriegsgegner zu Zehntausenden bunte
Friedensfeste in den deutschen Innenstädten. Schüler
verbünden sich unter anderem mit den Globalisierungsgegnern
von Attac, den Jusos, den Gewerkschaften und älteren Friedensaktivisten
gegen den Irak-Feldzug. Die Gesellschaft ist in Bewegung geraten.
Manche sehen den Krieg bereits als Anstoß- Erlebnis für
eine nachhaltig politisierte «Generation Golfkrieg».
Zweifelhaft ist aber, ob sich eine neue, große Friedensbewegung
auf Dauer etabliert.
Die Friedenstaube, das italienische
«Pace» oder die Symbole von SPD, Grünen, PDS
oder Gewerkschaften - die Zeichen der Massenproteste sind vielfältig.
Die Jungen entdecken alte Rituale wie Sitzblockaden oder Menschenketten
neu. Das Nein zu Krieg und einer US- amerikanischen Expansionspolitik
überbrückt zwar ideologische Gräben. Ein Blick
hinter die Kulisse zeigt aber, wie unterschiedlich die Antriebskräfte
sind.
Laura von Wimmersperg engagiert
sich seit 22 Jahren in Westberliner Friedensgruppen. «Die
Friedensbewegung ist wie ein Schwamm», sagt die ehemalige
Lehrerin. «In Zeiten, in denen wir nicht gebraucht werden,
trocknet der Schwamm aus, wenn es einen Krieg oder eine große
Krise gibt, schwemmt er auf.» Auf den monatlichen Treffen
der Berliner Friedenskoordination, die von der 68-Jährigen
moderiert werden, beratschlagen die Kriegsgegner Demonstrationstermine,
stellen Listen mit auftretenden Künstlern von Reinhard Mey
bis zur jungen Punkfolk-Band Mutabor zusammen und mieten Lautsprecheranlagen.
Einen ganz anderen Hintergrund
hat Vivien Mast. Die 20-Jährige beschäftigt sich erst
seit dem Afghanistan-Krieg mit Politik. «Bei den ganzen
schlimmen Entwicklungen, die weltweit passieren, ist Krieg das
Schlimmste, so dass ich einfach auch etwas dagegen tun muss»,
sagt die Bremerin. Nun engagiert sie sich bei Jugend gegen Krieg.
Das lose bundesweite Netzwerk entwickelt mittels Internet, aber
auch mit den traditionellen Mitteln der Protestbewegungen derzeit
Schlagkraft. «In Bremen kommen 25 bis 30 Leute zu wöchentlichen
Treffen», sagt Vivien Mast: «Hinter denen stehen jeweils
Anti-Kriegs-Komitees an den Schulen.»
Bei Attac in Frankfurt am Main
freut man sich über die aufgefrischte Zusammenarbeit etwa
auch mit der Organisation Ärzte gegen Atomkrieg und kirchlichen
Gruppen. «Dass sich die Bündnisse in kleinere Orte
ausgedehnt haben und auf lokaler Ebene mit Leben gefüllt
werden, ist neu», sagt der Sprecher der Globalisierungsgegner,
Malte Kreutzfeldt.
Auch die Jugendorganisationen
der Parteien verspüren Aufwind. Während die Junge Union
auf ihrer Homepage zu Entwaffnung Saddam Husseins aufruft, gehören
Jusos und Grüne Jugend zu den Mitorganisatoren der Anti-Kriegs-Proteste.
«Wir mobilisieren massiv unsere Mitglieder», sagt
Juso-Vorsitzender Niels Annen: «Man spürt eine große
Politisierung.» Zwar hätten die Jusos «weniger
Schwierigkeiten» als üblich, auf die Leute zuzugehen.
Viele wollten sich aber nicht von Jusos oder Parteien vereinnahmen
lassen. «Da gibt es keinen Automatismus», sagt Annen.
Auch Benjamin von der Ahe, Vorsitzender der Grünen Jugend,
konstatiert zwar einen «starken Aufschwung» derzeit,
meint aber: «Die Hemmschwelle bei Jüngeren ist sehr
groß, bei Parteien mitzumachen.»
In der Gesellschaft tut sich
etwas - was genau ist noch nicht so klar. «Bei den Demonstrationen
sind es sind immer noch die üblichen Verdächtigen, aber
es sind in der Tat auch Milieus auf der Straße, die das
früher nicht getan hätten», sagt der Mitbegründer
des Mannheimer Sozialwissenschaftlichen Instituts SIGMA, Jörg
Ueltzhöffer. Vor allem liberale Intellektuelle strömten
zu den Proteste. Die jungen Alternativen mit ihrer grundsätzlichen
Gesellschaftskritik, die die großen Massenproteste gegen
den Nato- Doppelbeschluss Anfang der 80er Jahre noch bevölkerten,
gebe es dagegen kaum noch. Der Berliner Soziologe Dieter Rucht,
Experte für Protestbewegungen in Deutschland, meint: «Dieser
Krieg wird vor allem die Globalisierungskritiker auf Jahre hinaus
befördern.» Doch von einer neuen Friedensbewegung will
Rucht lieber nicht sprechen.
Zum nächsten bundesweiten
Aktionstag gegen den Krieg wollen die Friedensgruppen am 12. April
wieder Hunderttausende auf die Straße bringen. Ältere
Friedensaktivisten waren zuerst gegen diesen Plan von Attac und
anderen jüngeren Gruppen. Sie wollten die traditionellen
Ostermärsche kurz darauf nicht gefährden. Noch weiß
nämlich niemand, wie lange der Schub der Mobilisierten anhält.
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