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- 02.04.2003 -

 

 

 

 

 

 

 

 

Blau und Rot gegen den Krieg:

Beginn einer neuen Friedensbewegung?

Mit zahllosen Fahnen, Schildern und Parolen feiern Kriegsgegner zu Zehntausenden bunte Friedensfeste. Zweifelhaft ist aber, ob sich eine neue, große Friedensbewegung auf Dauer etabliert.

Von Basil Wegener, dpa

Hamburg (dpa) - Die Farben des Friedens sind Blau, Orange, Grün und Rot. Mit zahllosen Bildern, Schildern und Parolen feiern Kriegsgegner zu Zehntausenden bunte Friedensfeste in den deutschen Innenstädten. Schüler verbünden sich unter anderem mit den Globalisierungsgegnern von Attac, den Jusos, den Gewerkschaften und älteren Friedensaktivisten gegen den Irak-Feldzug. Die Gesellschaft ist in Bewegung geraten. Manche sehen den Krieg bereits als Anstoß- Erlebnis für eine nachhaltig politisierte «Generation Golfkrieg». Zweifelhaft ist aber, ob sich eine neue, große Friedensbewegung auf Dauer etabliert.

Die Friedenstaube, das italienische «Pace» oder die Symbole von SPD, Grünen, PDS oder Gewerkschaften - die Zeichen der Massenproteste sind vielfältig. Die Jungen entdecken alte Rituale wie Sitzblockaden oder Menschenketten neu. Das Nein zu Krieg und einer US- amerikanischen Expansionspolitik überbrückt zwar ideologische Gräben. Ein Blick hinter die Kulisse zeigt aber, wie unterschiedlich die Antriebskräfte sind.

Laura von Wimmersperg engagiert sich seit 22 Jahren in Westberliner Friedensgruppen. «Die Friedensbewegung ist wie ein Schwamm», sagt die ehemalige Lehrerin. «In Zeiten, in denen wir nicht gebraucht werden, trocknet der Schwamm aus, wenn es einen Krieg oder eine große Krise gibt, schwemmt er auf.» Auf den monatlichen Treffen der Berliner Friedenskoordination, die von der 68-Jährigen moderiert werden, beratschlagen die Kriegsgegner Demonstrationstermine, stellen Listen mit auftretenden Künstlern von Reinhard Mey bis zur jungen Punkfolk-Band Mutabor zusammen und mieten Lautsprecheranlagen.

Einen ganz anderen Hintergrund hat Vivien Mast. Die 20-Jährige beschäftigt sich erst seit dem Afghanistan-Krieg mit Politik. «Bei den ganzen schlimmen Entwicklungen, die weltweit passieren, ist Krieg das Schlimmste, so dass ich einfach auch etwas dagegen tun muss», sagt die Bremerin. Nun engagiert sie sich bei Jugend gegen Krieg. Das lose bundesweite Netzwerk entwickelt mittels Internet, aber auch mit den traditionellen Mitteln der Protestbewegungen derzeit Schlagkraft. «In Bremen kommen 25 bis 30 Leute zu wöchentlichen Treffen», sagt Vivien Mast: «Hinter denen stehen jeweils Anti-Kriegs-Komitees an den Schulen.»

Bei Attac in Frankfurt am Main freut man sich über die aufgefrischte Zusammenarbeit etwa auch mit der Organisation Ärzte gegen Atomkrieg und kirchlichen Gruppen. «Dass sich die Bündnisse in kleinere Orte ausgedehnt haben und auf lokaler Ebene mit Leben gefüllt werden, ist neu», sagt der Sprecher der Globalisierungsgegner, Malte Kreutzfeldt.

Auch die Jugendorganisationen der Parteien verspüren Aufwind. Während die Junge Union auf ihrer Homepage zu Entwaffnung Saddam Husseins aufruft, gehören Jusos und Grüne Jugend zu den Mitorganisatoren der Anti-Kriegs-Proteste. «Wir mobilisieren massiv unsere Mitglieder», sagt Juso-Vorsitzender Niels Annen: «Man spürt eine große Politisierung.» Zwar hätten die Jusos «weniger Schwierigkeiten» als üblich, auf die Leute zuzugehen. Viele wollten sich aber nicht von Jusos oder Parteien vereinnahmen lassen. «Da gibt es keinen Automatismus», sagt Annen. Auch Benjamin von der Ahe, Vorsitzender der Grünen Jugend, konstatiert zwar einen «starken Aufschwung» derzeit, meint aber: «Die Hemmschwelle bei Jüngeren ist sehr groß, bei Parteien mitzumachen.»

In der Gesellschaft tut sich etwas - was genau ist noch nicht so klar. «Bei den Demonstrationen sind es sind immer noch die üblichen Verdächtigen, aber es sind in der Tat auch Milieus auf der Straße, die das früher nicht getan hätten», sagt der Mitbegründer des Mannheimer Sozialwissenschaftlichen Instituts SIGMA, Jörg Ueltzhöffer. Vor allem liberale Intellektuelle strömten zu den Proteste. Die jungen Alternativen mit ihrer grundsätzlichen Gesellschaftskritik, die die großen Massenproteste gegen den Nato- Doppelbeschluss Anfang der 80er Jahre noch bevölkerten, gebe es dagegen kaum noch. Der Berliner Soziologe Dieter Rucht, Experte für Protestbewegungen in Deutschland, meint: «Dieser Krieg wird vor allem die Globalisierungskritiker auf Jahre hinaus befördern.» Doch von einer neuen Friedensbewegung will Rucht lieber nicht sprechen.

Zum nächsten bundesweiten Aktionstag gegen den Krieg wollen die Friedensgruppen am 12. April wieder Hunderttausende auf die Straße bringen. Ältere Friedensaktivisten waren zuerst gegen diesen Plan von Attac und anderen jüngeren Gruppen. Sie wollten die traditionellen Ostermärsche kurz darauf nicht gefährden. Noch weiß nämlich niemand, wie lange der Schub der Mobilisierten anhält.

 


© dpa

Friedensdemonstration in Rom: Die Farben des Friedens sind Blau, Orange, Grün und Rot.

 

 Mehr Informationen:

jugend-gegen-krieg

Attac

Wissenschaftszentrum Berlin

UN: Iraq

 

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