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Irak-Krieg: Proteste wurden zur «Supermacht»
gegen die USA
Die Meinung der Weltöffentlichkeit
ist fest in der Hand der Kriegsgegner und etabliert sich als zweite
Macht neben den militärisch so überlegenen USA.
Von Thomas Borchert, dpa
Hamburg (dpa) - Vielleicht gibt
es ja doch noch zwei Supermächte auf unserem Planeten, orakelte
die «New York Times» zu Beginn des Irak-Krieges und
benannte die Meinung der Weltöffentlichkeit als zweite Macht
neben den militärisch so überlegenen USA. Gut zwei Wochen
später gibt es Zweifel am Erfolg der US-Militärs und
ihrer politischen Chefs, während die öffentliche Meinung
auf allen Kontinenten mit immer neuen Protestaktionen von Teheran
bis Berlin, von Sydney bis Helsinki, Buenos Aires bis Tokio und
Johannesburg bis New York noch viel fester in der Hand der Kriegsgegner
ist.
«Die Proteste gegen den
Krieg in Irak sind die erste wirklich globale Reaktion auf eine
politische Handlung und deshalb von historischer Bedeutung»,
urteilt der britische Historiker Tariq Ali in einem Beitrag für
die Zeitung «Information» (Kopenhagen). Der Publizist
und wortgewaltige Kritiker von Tony Blairs Irak-Politik im Fahrwasser
der USA sprach selbst vor einer Million Demonstranten im Londoner
Hyde-Park bei der größten Friedenskundgebung aller
Zeiten auf britischem Boden.
Diese Größenordnung
werde man bei den auch im April wieder international geplanten
«Aktionstagen» wohl nicht erreichen, glaubt der Soziologe
Dieter Rucht vom Berliner Wissenschaftszentrum. Rucht hat sich
intensiv mit den Protestbewegungen beschäftigt und dabei
«Profile» von Friedensdemonstranten erstellt. Er erwartet
für die kommenden Wochen, bei aller Unwägbarkeit des
Kriegsverlaufes, eine Scheidung: «Die eruptiv Bewegten werden
nicht mehr so auf die Straße gehen, das Bild bei Aktionen
wird nicht mehr so bunt sein. Dafür sind von den wirklich
Überzeugten härtere Aktionen zu erwarten.»
Wie viele Alt-Linke unter den
Protestierenden hat Tariq Ali die Bedeutung der internationalen
Proteste gegen die US-Kriegführung in Vietnam gut in Erinnerung.
Dieselbe Erinnerung könnte den Irak-Strategen in Washington
kalten Angstschweiß auf die Stirn treiben, wenn sie die
zunehmende öffentliche Kritik im eigenen Land und die auch
am letzten Wochenende wieder endlos lange Reihe von Demonstrationsmeldungen
aus aller Welt von Djakarta über Boston über Mexiko
City bis Neapel und München lesen.
«Wir sind größer
als die Bewegung gegen den Vietnam-Krieg, und die hat den Krieg
beendet», rief bei einer Berliner Demo mit 50.000 Teilnehmern
Pedram Shahyar als Sprecher der Globalisierungskritiker von Attac
aus. Tatsächlich gab es zu Beginn des US-Kriegseinsatzes
in Vietnam 1964 kaum Proteste. Als Präsident Richard Nixon
am 23. Januar 1973 die Unterzeichnung des endgültigen Waffenstillstandes
bekannt gab, hatte er sich öffentlichem Druck gebeugt, der
im eigenen Land nach dem Tod von 57.000 eigenen Vietnam-Soldaten
zwar stärker, im Ausland aber weit weniger stark war als
bei den Protesten der letzten Wochen.
Den größten Auftrieb
bekam die Protestbewegung gegen den Irak-Krieg Ali zufolge zunächst
durch das hartnäckige Nein zum Krieg von den politischen
Spitzen in Frankreich und Deutschland. Umgekehrt sieht die «Süddeutsche
Zeitung» massive Auswirkungen dieser Proteste auf die öffentliche
Meinungsbildung: «Nach den europaweiten Demonstrationen
vom 15. Februar gab es in der deutschen Presse einen deutlichen
Schwenk bei der Bewertung des Krieges und der deutschen Position.»
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