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- 01.04.2003 -

 

 

 

 

 

 

 

 

Irak-Krieg: Proteste wurden zur «Supermacht» gegen die USA

Die Meinung der Weltöffentlichkeit ist fest in der Hand der Kriegsgegner und etabliert sich als zweite Macht neben den militärisch so überlegenen USA.

Von Thomas Borchert, dpa

Hamburg (dpa) - Vielleicht gibt es ja doch noch zwei Supermächte auf unserem Planeten, orakelte die «New York Times» zu Beginn des Irak-Krieges und benannte die Meinung der Weltöffentlichkeit als zweite Macht neben den militärisch so überlegenen USA. Gut zwei Wochen später gibt es Zweifel am Erfolg der US-Militärs und ihrer politischen Chefs, während die öffentliche Meinung auf allen Kontinenten mit immer neuen Protestaktionen von Teheran bis Berlin, von Sydney bis Helsinki, Buenos Aires bis Tokio und Johannesburg bis New York noch viel fester in der Hand der Kriegsgegner ist.

«Die Proteste gegen den Krieg in Irak sind die erste wirklich globale Reaktion auf eine politische Handlung und deshalb von historischer Bedeutung», urteilt der britische Historiker Tariq Ali in einem Beitrag für die Zeitung «Information» (Kopenhagen). Der Publizist und wortgewaltige Kritiker von Tony Blairs Irak-Politik im Fahrwasser der USA sprach selbst vor einer Million Demonstranten im Londoner Hyde-Park bei der größten Friedenskundgebung aller Zeiten auf britischem Boden.

Diese Größenordnung werde man bei den auch im April wieder international geplanten «Aktionstagen» wohl nicht erreichen, glaubt der Soziologe Dieter Rucht vom Berliner Wissenschaftszentrum. Rucht hat sich intensiv mit den Protestbewegungen beschäftigt und dabei «Profile» von Friedensdemonstranten erstellt. Er erwartet für die kommenden Wochen, bei aller Unwägbarkeit des Kriegsverlaufes, eine Scheidung: «Die eruptiv Bewegten werden nicht mehr so auf die Straße gehen, das Bild bei Aktionen wird nicht mehr so bunt sein. Dafür sind von den wirklich Überzeugten härtere Aktionen zu erwarten.»

Wie viele Alt-Linke unter den Protestierenden hat Tariq Ali die Bedeutung der internationalen Proteste gegen die US-Kriegführung in Vietnam gut in Erinnerung. Dieselbe Erinnerung könnte den Irak-Strategen in Washington kalten Angstschweiß auf die Stirn treiben, wenn sie die zunehmende öffentliche Kritik im eigenen Land und die auch am letzten Wochenende wieder endlos lange Reihe von Demonstrationsmeldungen aus aller Welt von Djakarta über Boston über Mexiko City bis Neapel und München lesen.

«Wir sind größer als die Bewegung gegen den Vietnam-Krieg, und die hat den Krieg beendet», rief bei einer Berliner Demo mit 50.000 Teilnehmern Pedram Shahyar als Sprecher der Globalisierungskritiker von Attac aus. Tatsächlich gab es zu Beginn des US-Kriegseinsatzes in Vietnam 1964 kaum Proteste. Als Präsident Richard Nixon am 23. Januar 1973 die Unterzeichnung des endgültigen Waffenstillstandes bekannt gab, hatte er sich öffentlichem Druck gebeugt, der im eigenen Land nach dem Tod von 57.000 eigenen Vietnam-Soldaten zwar stärker, im Ausland aber weit weniger stark war als bei den Protesten der letzten Wochen.

Den größten Auftrieb bekam die Protestbewegung gegen den Irak-Krieg Ali zufolge zunächst durch das hartnäckige Nein zum Krieg von den politischen Spitzen in Frankreich und Deutschland. Umgekehrt sieht die «Süddeutsche Zeitung» massive Auswirkungen dieser Proteste auf die öffentliche Meinungsbildung: «Nach den europaweiten Demonstrationen vom 15. Februar gab es in der deutschen Presse einen deutlichen Schwenk bei der Bewertung des Krieges und der deutschen Position.»

 


© dpa

Friedensdemonstration in Rom

 

 Mehr Informationen:

Tariq Ali's ZNet HomePage

Wissenschaftszentrum Berlin

UN: Iraq

 

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