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Äthiopien:
Der Aufschrei gegen Genitalverstümmelung
verhallt in der Wüste
Das grausame Ritual der Beschneidung
muss nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen alle
15 Sekunden ein Mädchen über sich ergehen lassen.
Von Antje Passenheim, dpa
Addis Abeba (dpa) - Den grausamen
Schnitt überlebte Eysa, als sie gerade erst 14 Tage alt war.
Ihre Mutter sah zu, als die Medizinfrau die Scherbe ansetzte,
um ihr Baby für den Rest des Lebens zu verstümmeln.
Die klaffende Wunde zwischen den Beinen des schreienden Säuglings
nähte die Alte mit einem Akaziendorn zu. Tagelang wusste
niemand in dem Dorf der Afar im Nordosten Äthiopiens, ob
Eysa die Entzündungen überleben würde. Wenn sie
heute durch den Wüstensand krabbelt, ahnt die Kleine nicht,
dass dort, wo ihr ein reiskorngroßes Loch blieb, einmal
eine Klitoris und Schamlippen waren. «Der Schmerz»,
weiß ihr Vater, «wird Eysa ihr Leben lang begleiten.»
Nuri, Vater von acht beschnittenen
Mädchen, versucht seit langem vergeblich, seine Frau davon
zu überzeugen, dass die Tradition der Genitalverstümmelung
ein Irrtum ist, der Jahr für Jahr Hunderte Frauen und Mädchen
das Leben kostet. Das grausame Ritual der Beschneidung der Klitoris
- und je nach Stamm auch eines Teils der Schamlippen - muss nach
Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen alle 15 Sekunden
ein Mädchen über sich ergehen lassen. Zu den weltweit
130 Millionen beschnittenen Mädchen und Frauen kommen nach
UN-Schätzungen jährlich zwei Millionen hinzu. Die Praxis
ist trotz teilweiser gesetzlicher Verbote in 28 Ländern Afrikas
verbreitet.
Weit über 70 Prozent aller
Äthiopierinnen werden nach wie vor beschnitten. In Eysas
Volk, dem Nomadenstamm der Afar, kommt so gut wie keine davon.
«In dieser Gegend werden Mädchen jeden Alters verstümmelt
- sogar Säuglinge», sagt Anteneh Belete, der für
den deutschen Malteser-Auslandsdienst eine Gesundheitsstation
im Dorf Chifra nahe der Grenze zu Dschibuti aufbaut.
«Mit unsterilen Rasierklingen,
Messern oder Glasscherben werden ihnen ohne Betäubung die
Klitoris und ein Teil der Schamlippen entfernt.» Viele sterben
sofort. Anderen verursacht der Schnitt lebenslange Qual. Vernarbungen
sorgen für Rückstau-Probleme bei der Menstruation und
beim Urinieren oder Schwierigkeiten beim Gebären. «18
Babys bringt eine Afar-Frau im Durchschnitt zur Welt», erklärt
Belete.
«Viele sterben bereits
bei der Geburt - nicht selten an den Folgen der Verstümmelung
ihrer Mutter. Jedes dritte Mädchen überlebt die eigene
Beschneidung nicht. Und auch die Müttersterblichkeit ist
in keinem anderen Teil des Landes so hoch wie hier.» Ist
das Kind auf der Welt, wird die Mutter wieder zugenäht. 18
Mal und öfter.
Schon die Hochzeitsnacht ist
für die oft erst zwölf Jahre junge Braut eine Qual.
«Schafft der Ehemann es nicht, gewaltsam in die verengte
Vagina einzudringen, greift er zu seinem Dolch», weiß
der Helfer. Belete und seine Mitarbeiter versuchen, in der Halbwüste
des Landes am Horn von Afrika Aufklärungsarbeit zu leisten.
Doch das, klagt auch Eysas Vater Nuri, ist nicht leicht. «Es
sind oft gerade die Großmütter und Mütter, die
meinen, die Tradition müsse fortgesetzt werden, um ihre Töchter
gesellschaftsfähig zu machen.»
«In den Gegenden, aus denen
die meisten Opfer kommen, wird das Wort Beschneidung gar nicht
erwähnt», weiß die Gründerin des Selbsthilfezentrums
Kembatta, Bogaletch Gebre. «Es heißt lediglich: den
Schmutz entfernen.» Während Frauenrechtlerinnen wie
sie in der 500 Kilometer entfernten Hauptstadt Addis Abeba die
Praxis als menschenrechtsverletzendes Machtmittel der Männer
und Grundlage für Polygamie verurteilen, verweisen Verfechter
der Beschneidung fälschlicherweise auf den Islam. «Doch
der», sagt auch Moslem Nuri, «sieht keine Verstümmelung
von Frauen vor.» Aber wie, meint er, soll man das den Afaris
klarmachen, von denen gerade mal zwei Prozent lesen und schreiben
können?
Sie ahnen nichts vom Verband
Äthiopischer Richterinnen, die verzweifelt gegen die gesetzlich
tolerierte Barbarei kämpfen. Und sie ahnen nichts von aufgeklärten
Frauen wie Genet Girma, die kürzlich berühmt wurde,
als sie vor dem Traualtar ein Schild statt Blumen trug: «Ich
bin nicht beschnitten, lernt von mir», stand darauf. In
die abgelegene Afar-Region jedoch, in der es weder Zeitungen noch
Radios gibt, dringen solche Botschaften nicht.
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