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- 07.03.2003 -

 

 

 

 

 

 

 

 

Äthiopien:

Der Aufschrei gegen Genitalverstümmelung verhallt in der Wüste

Das grausame Ritual der Beschneidung muss nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen alle 15 Sekunden ein Mädchen über sich ergehen lassen.

Von Antje Passenheim, dpa

Addis Abeba (dpa) - Den grausamen Schnitt überlebte Eysa, als sie gerade erst 14 Tage alt war. Ihre Mutter sah zu, als die Medizinfrau die Scherbe ansetzte, um ihr Baby für den Rest des Lebens zu verstümmeln. Die klaffende Wunde zwischen den Beinen des schreienden Säuglings nähte die Alte mit einem Akaziendorn zu. Tagelang wusste niemand in dem Dorf der Afar im Nordosten Äthiopiens, ob Eysa die Entzündungen überleben würde. Wenn sie heute durch den Wüstensand krabbelt, ahnt die Kleine nicht, dass dort, wo ihr ein reiskorngroßes Loch blieb, einmal eine Klitoris und Schamlippen waren. «Der Schmerz», weiß ihr Vater, «wird Eysa ihr Leben lang begleiten.»

Nuri, Vater von acht beschnittenen Mädchen, versucht seit langem vergeblich, seine Frau davon zu überzeugen, dass die Tradition der Genitalverstümmelung ein Irrtum ist, der Jahr für Jahr Hunderte Frauen und Mädchen das Leben kostet. Das grausame Ritual der Beschneidung der Klitoris - und je nach Stamm auch eines Teils der Schamlippen - muss nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen alle 15 Sekunden ein Mädchen über sich ergehen lassen. Zu den weltweit 130 Millionen beschnittenen Mädchen und Frauen kommen nach UN-Schätzungen jährlich zwei Millionen hinzu. Die Praxis ist trotz teilweiser gesetzlicher Verbote in 28 Ländern Afrikas verbreitet.

Weit über 70 Prozent aller Äthiopierinnen werden nach wie vor beschnitten. In Eysas Volk, dem Nomadenstamm der Afar, kommt so gut wie keine davon. «In dieser Gegend werden Mädchen jeden Alters verstümmelt - sogar Säuglinge», sagt Anteneh Belete, der für den deutschen Malteser-Auslandsdienst eine Gesundheitsstation im Dorf Chifra nahe der Grenze zu Dschibuti aufbaut.

«Mit unsterilen Rasierklingen, Messern oder Glasscherben werden ihnen ohne Betäubung die Klitoris und ein Teil der Schamlippen entfernt.» Viele sterben sofort. Anderen verursacht der Schnitt lebenslange Qual. Vernarbungen sorgen für Rückstau-Probleme bei der Menstruation und beim Urinieren oder Schwierigkeiten beim Gebären. «18 Babys bringt eine Afar-Frau im Durchschnitt zur Welt», erklärt Belete.

«Viele sterben bereits bei der Geburt - nicht selten an den Folgen der Verstümmelung ihrer Mutter. Jedes dritte Mädchen überlebt die eigene Beschneidung nicht. Und auch die Müttersterblichkeit ist in keinem anderen Teil des Landes so hoch wie hier.» Ist das Kind auf der Welt, wird die Mutter wieder zugenäht. 18 Mal und öfter.

Schon die Hochzeitsnacht ist für die oft erst zwölf Jahre junge Braut eine Qual. «Schafft der Ehemann es nicht, gewaltsam in die verengte Vagina einzudringen, greift er zu seinem Dolch», weiß der Helfer. Belete und seine Mitarbeiter versuchen, in der Halbwüste des Landes am Horn von Afrika Aufklärungsarbeit zu leisten. Doch das, klagt auch Eysas Vater Nuri, ist nicht leicht. «Es sind oft gerade die Großmütter und Mütter, die meinen, die Tradition müsse fortgesetzt werden, um ihre Töchter gesellschaftsfähig zu machen.»

«In den Gegenden, aus denen die meisten Opfer kommen, wird das Wort Beschneidung gar nicht erwähnt», weiß die Gründerin des Selbsthilfezentrums Kembatta, Bogaletch Gebre. «Es heißt lediglich: den Schmutz entfernen.» Während Frauenrechtlerinnen wie sie in der 500 Kilometer entfernten Hauptstadt Addis Abeba die Praxis als menschenrechtsverletzendes Machtmittel der Männer und Grundlage für Polygamie verurteilen, verweisen Verfechter der Beschneidung fälschlicherweise auf den Islam. «Doch der», sagt auch Moslem Nuri, «sieht keine Verstümmelung von Frauen vor.» Aber wie, meint er, soll man das den Afaris klarmachen, von denen gerade mal zwei Prozent lesen und schreiben können?

Sie ahnen nichts vom Verband Äthiopischer Richterinnen, die verzweifelt gegen die gesetzlich tolerierte Barbarei kämpfen. Und sie ahnen nichts von aufgeklärten Frauen wie Genet Girma, die kürzlich berühmt wurde, als sie vor dem Traualtar ein Schild statt Blumen trug: «Ich bin nicht beschnitten, lernt von mir», stand darauf. In die abgelegene Afar-Region jedoch, in der es weder Zeitungen noch Radios gibt, dringen solche Botschaften nicht.

 


© dpa

Das aus Somalia stammende Top-Model Waris Dirie kämpft seit Jahren gegen die in afrikanischen Ländern praktizierte rituelle Genitalbeschneidung von jungen Mädchen. (Archivbild vom 24.03.2002)

 Mehr Informationen:

Terre des Femmes

amnesty international

Desert Dawn

 

 Lesen Sie auch:

Internationaler Frauentag: Forderungen nach Chancengleichheit

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