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Vor dem drohenden Krieg:
Helfern im Irak wird die Zeit knapp
Angesichts der Kriegsgefahr
verstärken UNICEF und andere Hilfsorganisationen die humanitäre
Hilfe im Irak. Ein Wettlauf mit der Zeit.
Von Gregor Mayer, dpa
Bagdad (dpa) - Gespräche
mit Vertretern der UN-Hilfsorganisationen in Bagdad beginnen derzeit
stets mit der gleichen Standardfloskel: «Wir wollen nicht
den Eindruck erwecken, als hätten wir die Hoffnung aufgegeben,
dass sich ein Krieg noch vermeiden lässt.» Doch die
Planungen für die Stunde Null laufen jetzt schon auf Hochtouren.
«Das ist einfach eine Frage der Verantwortung», sagt
Carel de Rooy, der Repräsentant des UN-Kinderhilfswerks UNICEF
in Bagdad.
Zu den wichtigsten Programmen
der UNICEF im Irak gehören die Bekämpfung der Unterernährung
bei Kleinkindern und groß angelegte Impfkampagnen gegen
Kinderlähmung und Masern. Die chronische Unterernährung
ist laut UNICEF zumindest teilweise eine Folge der Sanktionen
der Vereinten Nationen. Andere Ursachen sind nach Ansicht De Rooys
die allgemeine Armut, die Übervölkerung in den Elendsquartieren
und einseitige Ernährungsgewohnheiten. Der Mangel an proteinhaltiger
Nahrung bei den Armen führe zu Anämie (Blutarmut) bei
den Frauen, deren Schwangerschaften zu 20 Prozent mit Komplikationen
verlaufen und die dann untergewichtige Babys zur Welt bringen.
Diese können wiederum, weil sich die Familie hochwertige
Lebensmittel nicht leisten kann, nicht richtig hochgepäppelt
werden und bleiben so chronisch unterernährt.
1991, am Ende des Golfkriegs,
waren im Irak 18,7 Prozent der Kinder unter fünf Jahren davon
betroffen. Nur fünf Jahre später, bevor die Sanktionen
durch das UN-Hilfsprogramm «Öl für Lebensmittel»
abgeschwächt wurden, lag dieser Anteil bei alarmierenden
32 Prozent. Über ein Netzwerk örtlicher Kinderfürsorgezentren
begann UNICEF, flächendeckend spezielle Kekse mit hohem Proteingehalt
und therapeutische Milch an bedürftige Familien zu verteilen.
Außerdem kann die Regierung nun mit dem Geld aus ihren Öl-Exporten
Nahrungsmittel kaufen, die auf Lebensmittelkarten verteilt werden.
Im vergangenen Jahr sank der Anteil an chronisch unterernährten
Kindern auf 24 Prozent.
Was ein Krieg für die humanitäre
Lage im Irak bedeuten würde, hat Carel de Rooy auf einem
Schaubild dargestellt. Mit einem Kugelschreiber hat er eine schraffierte
Säule für dieses Jahr hinzugemalt: Die Unterernährungsrate
könnte im Kriegsfall schnell wieder über die 30-Prozent-Rate
klettern. Vor allem sei damit zu rechnen, dass alle ausländischen
Mitarbeiter von Hilfsorganisationen das Land verlassen. Schon
jetzt werde deren Zahl langsam reduziert, erklärt der UNICEF-Vertreter.
Mitarbeiter kämen nicht aus dem Urlaub zurück; andere,
deren Verträge ausliefen, würden nicht mehr ersetzt.
Damit nicht alles zusammenbricht,
sollen die Iraker die Stellung halten. «Dafür sind
unsere irakischen Mitarbeiter bestens vorbereitet», sagt
De Rooy. «Wir haben sie schon seit Monaten in alle zentralen
Planungsprozesse eingebunden. Sie werden wissen, was zu tun ist.»
Was noch fehle, sei das Geld, um die Hilfsgüter in die vorbereiteten
Kanäle zu leiten. «Und wir stehen in einem Wettlauf
mit der Zeit», fügt er hinzu. «Hätte ich
noch fünf Wochen, würde ich mich - insofern man diesen
Ausdruck für diese Situation verwenden kann - wohler fühlen.»
Mit Geldsorgen kämpfen auch
die kleinen regierungsunabhängigen Hilfsorganisationen. «Die
logistische Struktur steht bei uns. Ich kann 80 Prozent von dem
umsetzen, was ich angestrebt habe», erklärt Alexander
Christof, der die Operation von «Architekten für Menschen
in Not» in Bagdad leitet. Seine Organisation repariert Kläranlagen
und Krankenhäuser, führt Fortbildungen durch und kann
im Notfall Hilfsgüter verteilen. Sie konzentriert ihre Planungen
ganz auf den Raum Bagdad, wo Christof «die größte
humanitäre Not» erwartet.
«Aber das Geld kommt noch
nicht», erläutert der Münchner, der vor eineinhalb
Jahren nach Bagdad umzog. «Die internationale Gebergemeinschaft
wird erst reagieren, wenn die ersten Bomben auf Bagdad fallen.»
Zu diesem Zeitpunkt müssten aber die Hilfsaktionen bereits
anlaufen. Aus Erfahrung mit früheren Krisen und Kriegen weiß
Christof, dass dies «nur über die spontane und rasche
Hilfsbereitschaft privater Spender zu bewerkstelligen sein wird».
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