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- 23.01.2003 -

 

 

 

 

 

 

 

 

Russland und seine Umweltprobleme:
«Schlimm, schlimm, schlimm»

Atommüll, Abholzung, Abgase - «normaler Alltag» in Russland. Das Riesenreich wird von riesigen Umweltproblemen geplagt, nimmt diese jedoch offiziell nicht zur Kenntnis.

Von Günther Chalupa, dpa

Moskau (dpa) - Seien es die offenen atomaren Müll-Deponien auf der Halbinsel Kola, sei es die konstante Abholzung der Wälder, sei es die zunehmende Luftverschmutzung in den Städten durch Fabriken und stinkende Autos oder die Verseuchung der größten Flüsse und Ströme des Landes durch regelmäßige Einleitung von städtischen und industriellen Abwässern - all dies gehört in Russland zum «normalen Alltag». Proteste dagegen gibt es nicht, und die wenigen Umweltschützer werden entweder als Spione behandelt oder kämpfen gegen die Windmühlenflügel der russischen Bürokratie an.

«Aus allen Ecken des Landes hören wir nur eines: schlimm, schlimm, schlimm», beschreibt Alexej Jablokow die Lage der Umwelt seines Landes. Der frühere Umweltschutz-Berater von Ex-Präsident Boris Jelzin und heutige Leiter des Zentrums für Umweltpolitik in Russland sieht seine Heimat auf dem Weg in eine ökologische Katastrophe. Eine Mitschuld daran trage Präsident Wladimir Putin, der mit einem seiner ersten Dekrete nach Amtsantritt im Mai 2000 alle Regierungsausschüsse zum Umweltschutz sowie die Waldschutzbehörde aufgelöst hatte.

«Die Ideologie dahinter ist einfach - Umwelt gibt es nur für reiche Länder», sagt Jablokow der dpa. «Wenn wir reich sind, werden wir uns mit der Umwelt befassen.» Doch bis dahin werde die Umwelt «um jeden Preis» ausgebeutet, um Russland reich zu machen, kritisiert Jablokow die Politik. Und nach den Berechnungen seines Instituts sterben bis dahin jährlich fast 350.000 Menschen in Russland an den Folgen der schwer belasteten Umwelt.

Wie schlimm die Lage ist, zeigt eine Statistik der Internetzeitung «newsru.com». Demnach gelten rund 200 Städte in Russland als «ökologisch gefährlich» für ihre Bewohner. Als Beispiel wird die sibirische Industrieregion Norilsk angeführt, in der die Metall verarbeitenden Fabriken jährlich jeweils 2 Millionen Tonnen Schwefeldioxid und Kupferoxyd, sowie 19 Millionen Tonnen Stickstoffoxyd und 44.000 Tonnen Blei ausstoßen.

Dagegen dürfen sich die Bewohner Moskaus fast schon «glücklich» schätzen, denn auf jeden von ihnen entfallen lediglich 220 Kilogramm Schadstoffe in der Atmosphäre. Dafür dürfen sie sich seit Dezember des Vorjahres an mehreren Monitoren im Stadtgebiet über den neuesten Stand der Luftverschmutzung informieren.

Wegen der Hilflosigkeit der Umweltschutzorganisationen hat sich jetzt der Menschenrechtsbeauftragte der russischen Regierung, Oleg Mironow, des Problems angenommen. Da Russland seiner Meinung nach «kurz vor einer Umweltkatastrophe» steht, müsse unbedingt ein allgemein verbindlicher Öko-Codex erstellt werden. Die gegenwärtigen Gesetze zum Umweltschutz würden ohnehin «nicht im geringsten beachtet». Angesichts der in Russland tief verwurzelten Praxis der Bestechung rechneten Beobachter mit einem Misserfolg des angestrebten Codex', sollte er denn überhaupt angenommen werden.

Zudem müsse die Bevölkerung überhaupt erst einmal über ihre ökologischen Grundrechte aufgeklärt werden, damit sich «in der Gesellschaft erst einmal ein Umweltbewusstsein bildet». Die Worte Mironows verhallten jedoch weitgehend ungehört.

Derweil sorgt der wirtschaftliche Aufschwung in Russland für weitere Verschmutzung und Verseuchung der Umwelt. Die offiziellen Statistiken der Regierung lesen sich allerdings beruhigend, wirken geschönt. «Diese offiziellen Angaben unterscheiden sich um das Acht- bis Zehnfache von der Realität», klagt Jablokow.

Lediglich eine Statistik des Präsidialamtes ließ im vergangenen November durchblicken, wie dramatisch die Umweltsituation in Russland ist. Darin hieß es in verklausuliertem Beamten-Russisch, dass 60 Prozent der Bevölkerung in einer Umwelt lebten, die «nicht den Normen der ökologischen Sicherheit entspricht».

 


© ArtToday

Die Idylle trügt: Rund 200 Städte in Russland gelten als «ökologisch gefährlich» für ihre Bewohner.

 

 Mehr Informationen:

Bellona: All about Nuclear Russia

EU: The Northern Dimension Environmental Partnership (NDEP)

amnesty international:
- Jahresbericht Russische Föderation 2002
- Verfolgte Umweltschützer


 Lesen Sie auch:

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