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Russland und seine Umweltprobleme:
«Schlimm, schlimm, schlimm»
Atommüll, Abholzung, Abgase
- «normaler Alltag» in Russland. Das Riesenreich wird
von riesigen Umweltproblemen geplagt, nimmt diese jedoch offiziell
nicht zur Kenntnis.
Von Günther Chalupa, dpa
Moskau (dpa) - Seien es die offenen
atomaren Müll-Deponien auf der Halbinsel Kola, sei es die
konstante Abholzung der Wälder, sei es die zunehmende Luftverschmutzung
in den Städten durch Fabriken und stinkende Autos oder die
Verseuchung der größten Flüsse und Ströme
des Landes durch regelmäßige Einleitung von städtischen
und industriellen Abwässern - all dies gehört in Russland
zum «normalen Alltag». Proteste dagegen gibt es nicht,
und die wenigen Umweltschützer werden entweder als Spione
behandelt oder kämpfen gegen die Windmühlenflügel
der russischen Bürokratie an.
«Aus allen Ecken des Landes
hören wir nur eines: schlimm, schlimm, schlimm», beschreibt
Alexej Jablokow die Lage der Umwelt seines Landes. Der frühere
Umweltschutz-Berater von Ex-Präsident Boris Jelzin und heutige
Leiter des Zentrums für Umweltpolitik in Russland sieht seine
Heimat auf dem Weg in eine ökologische Katastrophe. Eine
Mitschuld daran trage Präsident Wladimir Putin, der mit einem
seiner ersten Dekrete nach Amtsantritt im Mai 2000 alle Regierungsausschüsse
zum Umweltschutz sowie die Waldschutzbehörde aufgelöst
hatte.
«Die Ideologie dahinter
ist einfach - Umwelt gibt es nur für reiche Länder»,
sagt Jablokow der dpa. «Wenn wir reich sind, werden wir
uns mit der Umwelt befassen.» Doch bis dahin werde die Umwelt
«um jeden Preis» ausgebeutet, um Russland reich zu
machen, kritisiert Jablokow die Politik. Und nach den Berechnungen
seines Instituts sterben bis dahin jährlich fast 350.000
Menschen in Russland an den Folgen der schwer belasteten Umwelt.
Wie schlimm die Lage ist, zeigt
eine Statistik der Internetzeitung «newsru.com». Demnach
gelten rund 200 Städte in Russland als «ökologisch
gefährlich» für ihre Bewohner. Als Beispiel wird
die sibirische Industrieregion Norilsk angeführt, in der
die Metall verarbeitenden Fabriken jährlich jeweils 2 Millionen
Tonnen Schwefeldioxid und Kupferoxyd, sowie 19 Millionen Tonnen
Stickstoffoxyd und 44.000 Tonnen Blei ausstoßen.
Dagegen dürfen sich die Bewohner
Moskaus fast schon «glücklich» schätzen,
denn auf jeden von ihnen entfallen lediglich 220 Kilogramm Schadstoffe
in der Atmosphäre. Dafür dürfen sie sich seit Dezember
des Vorjahres an mehreren Monitoren im Stadtgebiet über den
neuesten Stand der Luftverschmutzung informieren.
Wegen der Hilflosigkeit der Umweltschutzorganisationen
hat sich jetzt der Menschenrechtsbeauftragte der russischen Regierung,
Oleg Mironow, des Problems angenommen. Da Russland seiner Meinung
nach «kurz vor einer Umweltkatastrophe» steht, müsse
unbedingt ein allgemein verbindlicher Öko-Codex erstellt
werden. Die gegenwärtigen Gesetze zum Umweltschutz würden
ohnehin «nicht im geringsten beachtet». Angesichts
der in Russland tief verwurzelten Praxis der Bestechung rechneten
Beobachter mit einem Misserfolg des angestrebten Codex', sollte
er denn überhaupt angenommen werden.
Zudem müsse die Bevölkerung
überhaupt erst einmal über ihre ökologischen Grundrechte
aufgeklärt werden, damit sich «in der Gesellschaft
erst einmal ein Umweltbewusstsein bildet». Die Worte Mironows
verhallten jedoch weitgehend ungehört.
Derweil sorgt der wirtschaftliche
Aufschwung in Russland für weitere Verschmutzung und Verseuchung
der Umwelt. Die offiziellen Statistiken der Regierung lesen sich
allerdings beruhigend, wirken geschönt. «Diese offiziellen
Angaben unterscheiden sich um das Acht- bis Zehnfache von der
Realität», klagt Jablokow.
Lediglich eine Statistik des Präsidialamtes
ließ im vergangenen November durchblicken, wie dramatisch
die Umweltsituation in Russland ist. Darin hieß es in verklausuliertem
Beamten-Russisch, dass 60 Prozent der Bevölkerung in einer
Umwelt lebten, die «nicht den Normen der ökologischen
Sicherheit entspricht».
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