|
Ägypten: «Toschka» soll
in der Wüste den Boden für Millionenstädte bereiten
Das Bewässerungsprojekt
«Toschka» soll die ägyptische Wüste in eine
fruchtbare Ebene verwandeln und Siedlungsfläche für
Millionen schaffen. Kritiker halten den Plan allerdings für
größenwahnsinnig, unbezahlbar und ökologisch unverantwortlich.
Von Ulrike Koltermann, dpa
Kairo (dpa) - Die Wüste
lebt, das Wasser sprudelt, Millionen Ägypter siedeln im ehemals
kargen und trockenen Oberägypten. Das ist der Traum namens
«Toschka», den der ägyptische Präsident
Hosni Mubarak seit Jahren verfolgt. Das nach einer Nilebene benannte
Bewässerungsprojekt soll die Wüste in eine fruchtbare
Ebene verwandeln und die innerägyptische Massenwanderung
Richtung Nildelta stoppen. Kritiker halten Mubaraks Plan allerdings
für größenwahnsinnig, unbezahlbar und ökologisch
unverantwortlich. In Kürze will Mubarak die ersten Pumpen
in Betrieb nehmen, die das Wasser in die Wüste bringen sollen.
Baubeginn für das im Pharaonenstil
errichtete Mubarak-Pumpwerk war am 9. Januar 1997. Die Anlage
ist nach ägyptischen Angaben weltweit die größte
ihrer Art. Sie ist das Herz des «Toschka»-Projekts
zur Fruchtbarmachung der Wüste in Oberägypten. Die 21
Pumpen, die in den kommenden Monaten nach und nach angeworfen
werden sollen, befördern Wasser aus dem Nasser See bis zu
50 Meter hoch in ein Kanalsystem, das sich mehr als 320 Kilometer
durch die Wüste schlängelt. Täglich sollen sich
bis zu 25 Millionen Kubikmeter Wasser in die Kanäle ergießen.
«Wir wollen mit modernen
Bewässerungsmethoden mehr als 200.000 Hektar Land fruchtbar
machen», sagt Hussein El Atfi vom Wasserministerium. Schon
jetzt baut ein vom saudischen Prinzen Al Walid bin Talal finanzierter
Testbetrieb mit Hilfe von Grundwasser Melonen, Trauben und Tomaten
in der Wüste an. «Künftig sollen dort große
Mengen Obst und Gemüse für den arabischen, aber auch
für den europäischen Markt produziert werden»,
sagt El Atfi. Dank des warmen Klimas könne auch in den Wintermonaten
geerntet werden.
«Die Landwirtschaft ist
erst der Anfang», sagt El Atfi. Die ägyptische Regierung
denkt langfristig und will mit «Toschka» das Problem
der Überbevölkerung angehen. Schließlich drängeln
sich die etwa 68 Millionen Ägypter auf nur 5 Prozent der
Fläche ihres Landes. «Wenn das Land in Oberägypten
fruchtbar ist, brauchen die Menschen aus der Region nicht mehr
ins Nildelta zu ziehen», erläutert El Atfi. Bis zu
18 Städte sollen aus dem Boden gestampft werden, in denen
etwa 2 Millionen Menschen wohnen und arbeiten können.
Nach Angaben des Wasserministeriums
liegen die Ausgaben mit bislang 4 Milliarden Ägyptischen
Pfund (800 Millionen Euro) noch im Plan. In den kommenden 20 Jahren
wird mit Kosten in Höhe von etwa 300 Milliarden Ägyptischen
Pfund (62,3 Milliarden Euro) gerechnet. Die Regierung hofft auf
reiche Investoren - unter anderem aus den Golfstaaten - und lockt
mit großzügigen Steuererleichterungen.

© Jacques Descloitres, MODIS Land Rapid Response
Team, NASA/GSFC
Der Nasser-Stausee
(Mitte) und die Bewässerungsflächen des Toschka-Projektes
(Mitte links) aus dem Weltraum. Der sie verbindende Bewässerungskanal
ist auf dieser Satelliten-Aufnahme der NASA vom März
2002 nicht sichtbar. Oben rechts sieht man das Rote Meer.
|
Bodenversalzung befürchtet
Die offiziell angekündigte
Studie über die ökologischen Folgen von «Toschka»
ist bislang nicht veröffentlicht. «Die Regierung informiert
zu wenig über mögliche negative Folgen», sagt
ein Umweltexperte, der seinen Namen nicht nennen möchte.
Das gesamte Ökosystem sei in Gefahr. «Der Boden wird
allmählich versalzen, langfristig hat es auch Auswirkungen
auf den Grundwasserspiegel und das Klima», prognostiziert
er. Die ökologischen Folgen könnten bis ins Nildelta
hinein zu spüren sein.
Kritik an dem Projekt ist in
Kairo nicht sehr willkommen. Anfangs hatte die oppositionelle
Wafd-Partei immer wieder auf die hohen Kosten und die unabsehbaren
Folgen für die Umwelt hingewiesen. Vor zwei Jahren musste
der Chefredakteur der Parteizeitung seinen Posten räumen.
Nach Ansicht politischer Beobachter hatte die Regierung dabei
ihre Finger im Spiel. Seitdem ist es auffallend ruhig geworden
um das Projekt, das die Wüste in eine Stadtlandschaft verwandeln
soll.
|