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- 13.12.2002 -

 

 

 

 

 

 

Trittins Überraschungscoup:

Obrigheim geht garantiert vom Netz

Umweltminister Jürgen Trittin ist ein Überraschungscoup gelungen: Nach jahrzehntelangem Streit ist das Ende des ältesten deutschen Atomkraftwerks besiegelt - spätestens am 15. November 2005 geht Obrigheim endgültig vom Netz.

Von Can Merey, dpa

Berlin/Karlsruhe (dpa) - Mit dem Chef des Betreibers EnBW, Gerhard Goll, hat Trittin (Grüne) einen bislang einmaligen Vertrag ausgehandelt. Der darin besiegelte Schlussstrich für Obrigheim garantiert vor allem, dass bei dem Meiler noch in dieser Legislaturperiode endgültig die Lichter ausgehen - allen Unkenrufen zum Trotz.

Erst zwei Monate ist es her, dass der Minister und seine Partei sich im Streit um Obrigheim zähneknirschend Kanzler Gerhard Schröder (SPD) beugten: Sie mussten hinnehmen, dass das von ihnen heftig bekämpfte badische AKW nicht pünktlich abgeschaltet wird. Der nun ausgehandelte Vertrag ist ein geschickter Schachzug von Trittin: Denn nach der geltenden Rechtslage kann es eigentlich überhaupt keine Termine zur Stilllegung von AKW geben.

Das Atomausstiegsgesetz regelt Restlaufzeiten, die aber in Strommengen bemessen werden - und nicht in Jahren. Jeder Meiler darf also bis zu seiner Stilllegung nur noch eine bestimmte Menge Elektrizität produzieren, unabhängig von der dafür benötigten Zeit. Läuft ein AKW mit weniger Leistung, tickt die Uhr langsamer. Wird ein Kraftwerk vorübergehend ganz abgeschaltet, stoppt so lange auch der Countdown. Obrigheim muss seine Reststrommenge nun bis 15. November 2005 produzieren - da es dann auf jeden Fall vom Netz geht.

Obrigheim sollte nach dem Beschluss zum Atomausstieg als erster Meiler abgeschaltet werden. Nach massivem Streit zwischen Schröder und den Grünen hatte die Bundesregierung der Energie Baden- Württemberg (EnBW) aber im Oktober zugesagt, eine bestimmte Reststrommenge vom Konto des jüngeren Reaktors Phillipsburg 1 auf Obrigheim übertragen zu dürfen. Damit hätte der ältere Meiler rund zwei Jahren weiter am Netz bleiben können - bei normalem Betrieb.

Befürchtet wurde, Goll könne sein altes Ziel trickreich doch noch erreichen: Obrigheim über die rot-grüne Legislaturperiode zu retten und unter einer möglichen unionsgeführten Regierung zunächst vielleicht gar nicht abzuschalten. Schließlich müsse er das Kraftwerk einfach nur mit schwächerer Leistung fahren und gelegentlich für ausgiebige Revisionen ganz vom Netz nehmen, hieß es. Eine Handhabe dagegen hätte Trittin nicht gehabt - erst wenn die Reststrommenge wirklich aufgebraucht ist, erlischt die Betriebserlaubnis.

Der neue Vertrag verhindert nun den weiteren Gesichtsverlust, der Grünen und auch Sozialdemokraten dann gewiss gewesen wäre. Denn schon die Vorgänge um die Laufzeitverlängerung hatten Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Bundesregierung aufkommen lassen. Die Weichen für die Laufzeitverlängerung waren nicht erst mit dem EnBW-Antrag, sondern bei Deals hinter verschlossenen Türen schon vor Jahren gestellt worden.

In einer geheimen Absprache hatte Schröder dem EnBW-Chef zugesagt, Obrigheim dürfe länger am Netz bleiben als öffentlich verkündet. Nur wenige Tage nach dem rot-grünen Wahlsieg beantragte Goll, den Meiler rund fünf Jahre länger und damit über die Bundestagswahl 2006 hinaus laufen lassen zu können. Die dafür im Fall des ältesten AKW vorgeschriebenen besonders schwerwiegenden Gründe legte er nicht vor. Stattdessen berief er sich auf das mysteriöse Kanzlerwort - zu dem sich Schröder bis heute nicht öffentlich geäußert hat.

 


© dpa

Das Kernkraftwerk Obrigheim im Neckar-Odenwald-Kreis.

 

 Mehr Informationen:

BMU: Aktuelle Restrommengen der ältesten deutschen Atomkraftwerke

Energie Baden-Württemberg

vista verde: Atomkraft


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