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Von der Krise zur Katastrophe:
Akute Hungersnot im südlichen Afrika
Anhaltende Trockenheit im Verbund
mit Missmanagement, Aids und politischem Chaos hat im südlichen
Afrika zu einer akuten Hungersnot geführt.
Von Ralf E. Krüger, dpa
Johannesburg (dpa) - Große
Augen, leerer Blick: Wie ein Häufchen Elend aus Haut und
Knochen steht der Junge am Wegesrand und schaut über ein
zerstörtes Maisfeld. Nach langer Hitze und Dürre war
es nun auf einmal der Frost, der über das von Südafrika
umschlossene kleine Gebirgskönigreich Lesotho herzog. Nicht
nur die schwächelnde Saat, sondern auch die Hoffnung auf
einen Ausweg aus der Krise zerstörte er: Lesotho wird auch
2004 noch am Tropf der internationalen Nothilfe hängen. Es
ist eins von sechs Ländern im südlichen Afrika, in denen
zur Zeit das Wetter verrückt spielt und 15 Millionen Menschen
eine immer bedrohlichere Hungersnot beschert.
Klimatologen warnen vor einer
El-Nino-Wetteranomalie, die in der gesamten Region die Niederschlagsmenge
verändern könnte. Schon klagen auch Bauern in Südafrika
über ausbleibenden Regen und die Ärmsten der Armen über
immer weiter steigende Lebensmittelpreise. Eine menschliche Katastrophe
sieht das UN-Kinderhilfswerk Unicef heraufziehen. Berichte über
erste «Hungertote» in der Region mehren sich bereits,
chronische Unterernährung ist allgegenwärtig. Sie macht
die meist schon von der Immunschwächekrankheit Aids geschwächten
Menschen noch anfälliger für Infektionen. Nahrungsmittelreserven
sind fast überall aufgebraucht.
Bereits im Mai war absehbar,
dass es eine Krise im südlichen Afrika geben würde.
«Nun steuern wir direkt auf eine Katastrophe zu»,
sagt Jennifer Abrahamson vom Welternährungsprogramm der Vereinten
Nationen (WFP). Kurz vor Weihnachten soll eine Lageanalyse klären,
ob eine Verdoppelung der Hilfe nötig wird. Klar ist aber
bereits, dass ein Nachlassen der Hilfe zahlreiche Menschen zum
Tode verurteilen würde. Abrahamson: «Dass die Krise
weiter bestehen wird, steht außer Frage. Unklar ist, wie
weit sie sich noch verschlimmern wird.» Die Gründe
sind zum überwiegenden Teil wetterbedingt, werden aber verschärft
durch Missmanagement, Aids oder politisches Chaos.
Es setzt auch die Helfer unter
Druck. Denn die chaotischen Farmbesetzungen in Simbabwe, die die
Hungersnot nicht verursacht, aber verstärkt haben, führten
zu nachlassender Spendenbereitschaft. Vielfach wird zu Recht befürchtet,
dass die Hilfe nur Anhängern von Präsident Robert Mugabe
zugute käme. Der hat nach langem Leugnen der drohenden Hungersnot
vor der Wahl nun den landesweiten «Notstand» ausgerufen,
um den vom Verhungern bedrohten Menschen zu helfen.
Im Wettlauf gegen die Zeit hatten
WFP, Caritas, Welthungerhilfe, Rotes Kreuz, World Vision und andere
in den Ländern Malawi, Simbabwe, Sambia, Mosambik, Lesotho
und Swasiland Depots eingerichtet und Infrastruktur aufgebaut.
Zwischen Cuamba (Mosambik) und Malawis Grenze hat das WFP gerade
eine 77 Kilometer lange Schienenverbindung renoviert, um Nahrungsmittel
über den Hafen Nacala zu transportieren. Die im Krieg zerstörte
Verbindung ermöglicht nun einen schnellen Transport großer
Nahrungsmengen. «Zeit ist in Malawi entscheidend - die Zahl
der Hungernden wird im Dezember von 2,3 Millionen auf 3,3 Millionen
springen», sagt WFP-Malawi-Experte Gerard Van Dijk.
Auch das neue Hilfsbündnis
«Aktion Deutschland Hilft» (ADH) unterstützt
diese Sicht. «Wenn die Menschen bis zur nächsten vollen
Ernte überhaupt eine Chance bekommen sollen, dann müssen
die Organisationen jetzt breite internationale Unterstützung
erhalten», meint ADH-Vorstandssprecher Heribert Röhrig.
Hilfsorganisationen vor Ort seien am Ende ihrer finanziellen und
personellen Kraft. Viele betreuen auch noch andere Brandherde
humanitärer Hilfe in Afrika.
Denn auch in Angola, Äthiopien
und Burundi hungern die Menschen. In dem kleinen Bürgerkriegsland
im Gebiet der großen Seen sind nach WFP-Warnungen schon
in diesem Monat 1,2 Millionen Menschen von einer akuten Hungersnot
bedroht. In Angola, wo es nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg
Hoffnung auf Frieden gibt, stehen die Hilfsorganisationen ebenso
wie in Äthiopien vor enormen Herausforderungen.
Dort warnte Regierungschef Meles
Zenawi vor einer Hungersnot bisher nicht gekannten Ausmaßes,
von der bis zu 15 Millionen Menschen bedroht seien. Mehr als bei
der großen Dürre 1984. Auch das WFP schloss sich dem
Hilfsappell an. «Die bisherigen Spendenzusagen reichen bei
weitem nicht», warnt die Repräsentantin für das
Land am Horn von Afrika, Georgia Shaver. «Wenn die Geber
schnell reagieren, können wir schweres menschliches Leid
verhindern.»
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