GTZ hilft in Afghanistan:
"Frauen ins öffentliche Leben zurückholen"
Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) fördert in Afghanistan Ausbildungsprogramme und andere Projekte und will so die Frauen ins öffentliche Leben zurückholen.
Kabul - Die Ingenieurin Marijam und ihre Freundin Makima, eine Lehrerin, schlendern über eine Marktstraße in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Makima trägt über langer Bluse und Hose einen Umhang aus hellblauem Stoff, der ihren ganzen Körper verhüllt, auch das Gesicht - die afghanische Form des Tschador. Marijam dagegen hat sich in einen knöchellangen Rock und ein Jackett gekleidet, ein leichter Schal liegt auf ihrem Haar, das Gesicht ist frei.
Vor einem Jahr, unter den Taliban, herrschte noch Schleierzwang für Frauen, und offiziell durften sie nur in Begleitung männlicher Verwandter aus dem Haus, auch ein Berufsverbot gehörte zu den Regeln, die die Taliban der Hälfte der Bevölkerung aufgezwungen hatten. Das ist nun vorbei. Längst nicht alle Frauen entscheiden sich in der neuen Freiheit gegen den Schleier, aber jetzt sind sie es und die Tradition ihrer Familie, die entscheiden, nicht das Talibanregime.
Diese Freiheit gilt jedoch fast ausschließlich in Kabul, auf dem Land lebt die Tradition wie ein Gesetz fort. Und auch in Kabul ist die gelockerte Kleiderordnung nur ein Symbol für neue Möglichkeiten. «Ich mag die Schleier-Diskussion nicht. Das allein reicht nicht aus, um über Fortschritt zu sprechen», sagt Susanne Thiel, die bei der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Kabul für Frauenprojekte zuständig ist. «Der wichtige Anteil ist für mich, die Frauen ins öffentliche Leben, in die Arbeitswelt, die Schulen, die Verwaltung, die Universitäten zurückzuholen», sagt Thiel.
Die GTZ fördert deshalb unter anderem Projekte ausländischer und afghanischer Hilfsorganisationen für Frauen. Ausbildungsprogramme gehören dazu, kurze und effektive Kurse, in denen Ingenieurinnen, die für sechs Jahre ins Haus verbannt waren, für das moderne Arbeitsleben fit gemacht werden. Computer, Management und Verwaltung stehen auf den Lehrplänen solcher Programme. Dadurch finden Frauen Jobs bei Hilfsorganisationen, den Vereinten Nationen oder in Ministerien.
Aber auch für weniger gut ausgebildete Frauen gibt es Projekte. Mit Schneidern, Sticken, Stricken oder dem Herstellen von Nudeln und Gebäck sollen sie die Haushaltskasse auffüllen und Selbstvertrauen gewinnen. «Ich bin eine absolute Gegnerin von Heimarbeit», sagt Thiel. Dadurch blieben Frauen weiter isoliert. Gefördert werden deshalb zum Beispiel Handwerkszentren. «Es geht darum, eine sichere Umgebung zu schaffen, um handwerklich tätig sein zu können», sagt Thiel.
In Afghanistan können sich zurzeit ältere Frauen eher mit der neuen Freiheit anfreunden als jüngere. Wer sich an das Leben in Kabul in den 70er Jahren erinnert, akzeptiert die Lockerungen leichter als junge Leute, die unter fundamentalistischen Regimes der Mudschahedin und der Taliban in den 90er Jahren aufwuchsen - junge Frauen aus dem Bildungsbürgertum sind eher traditionell orientiert als ihre Mütter. Vor allem junge Flüchtlingsfrauen, die in Pakistan zur Schule gehen konnten und jetzt zurückkehren, wirken allerdings als Vorbilder.
Damit die Bereitschaft, Gleichberechtigung zu leben, wächst, sind daher Programme für die Jugend nötig, meint Thiel: «Diese Chance müssen wir ergreifen.» Auf die Erinnerungen eines gut ausgebildeten Bürgertums können solche Programme jedoch fast nur in Kabul aufbauen. In den Dörfern ist Grundsatzarbeit gefragt. «Im ländlichen Bereich möchte ich deshalb weg von reinen Frauenprojekten», sagt Thiel. Ausbildungszentren für Männer und Frauen, mit getrennten Klassen zwar, aber mit der Chance zur Begegnung hält Thiel für einen guten Ansatz.