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- 30.09.2002 -

 

 

 

 

 

 

IWF: Proteste und Elend zwingen Währungs- fonds zur Reform der Kreditvergabe

Der Koloss Währungsfonds (IWF), wegen der Armutsmisere in krisengeplagten Entwicklungs- und Schwellenländern seit Jahren am Pranger, gerät in Bewegung.

Von Christiane Oelrich, dpa

Washington (dpa) - Das soziale Elend in diesen Ländern, oft durch strikte Sparforderungen des IWF verstärkt, und die lautstarken Proteste von Globalisierungsgegnern haben einen Aufbruch erzwungen, der am Wochenende bei der Jahrestagung in Washington an Fahrt gewann.

Die neue Marschrichtung legte IWF-Direktor Horst Köhler den 184 Mitgliedsländern in einem Reformpapier dar. «Der Fonds will die soziale und politische Realität, die die Wirtschaftspolitik beeinflusst, stärker berücksichtigen», heißt es darin. Zwar werde man an den wirtschaftspolitischen Ratschlägen festhalten, doch sollen die Länder auch eigene Rezepte finden dürfen, um die Ziele zu erreichen.

Die Kreditauflagen, die ohne Rücksicht auf soziale Not oft rigorose Einsparungen verlangten, sollen stark gestrafft und vor allem auf Sozialverträglichkeit geprüft werden. Zur Jahrestagung legte der IWF bereits neue Richtlinien zu den Auflagen vor, an die IWF-Kredite gebunden sind - die erste Revision seit 1979. «Wir brauchen einen besseren IWF, und wir arbeiten daran», kündigte Köhler in Washington an.

Jahrelang hat der Fonds Entwicklungsländern die Liberalisierung, vor allem der Kapitalmärkte, als Allheilmittel auf dem Weg zu Wachstum und Wohlstand verkauft. Das ist nach Ansicht vieler Ökonomen schief gegangen, weil Spekulanten die Liberalisierung für fette Gewinne ausnutzten, Ländern in Krisenzeiten aber den Rücken kehrten.

«Nach 15 Jahren, in denen freie Märkte propagiert wurden, ist das Ergebnis niederschmetternd», kritisierte Yilmaz Akyuz, Direktor für Entwicklungsstrategien bei der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD). Vielerorts habe die Armut zu- statt abgenommen. Das Pro-Kopf-Einkommen sei in den Ländern südlich der Sahara Ende des Jahrtausends zehn Prozent niedriger gewesen als 20 Jahre zuvor.

Die Kapitalflucht internationaler Anleger löste in den 90er Jahren in Asien die dramatische Krise aus. Auch Argentinien, damals als Musterschüler der Liberalisierung vom IWF hoch gejubelt, strauchelte. In Brasilien, wo die Währung nach dem Abzug vieler Investoren und der Verweigerung weiterer Kredite ins Bodenlose fällt, ist Not am Mann. Das Land kämpft, um die Zahlungsunfähigkeit zu verhindern. Der IWF hat einen Rekordkredit von 30 Milliarden Dollar bereit gestellt.

Der Standardratschlag des IWF, die Märkte rigoros zu öffnen, ist deshalb jetzt vom Tisch. «Wir sollten von den Ländern nicht zu viel in zu kurzer Zeit verlangen», räumte Köhler jetzt ein. Offene Kapitalmärkte funktionierten nur, wenn die Länder gleichzeitig ein solides Bankwesen und verlässliche Wirtschaftsstrukturen auf- und den Außenhandel ausbauten.

Beim Thema Handel setzen IWF und Weltbank die reichen Länder immer deutlicher auf die Anklagebank. «Es ist scheinheilig, die armen Länder zur Öffnung der Märkte zu ermuntern und gleichzeitig die eigenen Märkte durch Subventionen und Zölle abzuschotten», sagte der Chefökonom der Weltbank, Nicholas Stern.

Der IWF will alles daran setzen, Krisen wie die in Asien und Argentinien in Zukunft zu vermeiden. Und wenn es zum Offenbarungseid kommt, sollen die Länder bald in einem geordneten Insolvenzverfahren ihre Verbindlichkeiten umschulden können. Dagegen stemmen sich die internationalen Banken, die damit erstmals ein finanzielles Risiko mit Staatsanleihen eingehen. Die großen Industrieländer haben dennoch versprochen, die Einrichtung eines staatlichen Insolvenzverfahrens voranzutreiben.

 


© IMF

Weltbankpräsident James Wolfensohn (l.) und IWF-Direktor Horst Köhler bei der Jahrestagung in Washington.

 

 Mehr Informationen:

International Monetary Fund - World Bank Group - Annual Meeting

vista verde: Globalisierung


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