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- 23.09.2002 -

 

 

 

 

 

 

IWF-Tagung: Globalisierungsgegner suchen erstmals wieder die Weltbühne

Die Globalisierungsgegner wollen sich in dieser Woche lautstark auf der Weltbühne zurückmelden. Anlass ist die Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank am kommenden Wochenende.

Von Christiane Oelrich, dpa

Washington (dpa) - Die Organisatoren wollen Zehntausende mobilisieren, um gegen unfairen Handel mit Entwicklungsländern und für mehr Schuldenerlass, gegen Raffgier in westlichen Firmenetagen und für mehr Geld für Erziehung und Gesundheit zu protestieren.

Im vergangenen Jahr hatte sich die Washingtoner Polizei zur Jahrestagung schon für 100.000 Demonstranten gewappnet, ehe das Treffen und die Proteste wegen der Terroranschläge kurzfristig abgesagt wurden. Seitdem fanden Konferenzen wie der G-7-Gipfel in Kanada in abgelegenen Winkeln hermetisch abgeriegelt statt. Das IWF- und Weltbanktreffen am kommenden Wochenende (27./28.9.) ist für die Globalisierungsgegner die erste Gelegenheit seit einem Jahr, wieder ins Rampenlicht zu treten.

«Gerüchte, die Bewegung sei am Ende, sind absolut falsch», sagt ein Organisator der Proteste, David Levy von der Washingtoner Aktionsgruppe «Mobilization for Global Justice». Im vergangenen Jahr wurde spekuliert, dass lautstarke Protestaktionen nach den verheerenden Terroranschlägen aus der Globalisierungsdebatte verschwinden würden. «Nein, viele Leute sind noch entschlossener als vorher, etwas gegen eine Politik zu unternehmen, die so viele Menschen in der Welt ins Elend stürzt», sagt Marie Clarke von der Aktionsgruppe «Jubilee USA», die sich für Schuldenerlass einsetzt.

«Unsere Gegner haben uns die besten Waffen gegeben, um für eine Beschneidung ihrer Macht zu kämpfen - ihre eigene Gier», sagt Levy und verweist auf die Bilanzschwindel- und Bereicherungsskandale in US-Firmen. Die Gruppe will unter anderem einen Menschenring um die IWF- und Weltbankgebäude in der Innenstadt schließen. Eine andere Gruppe, Anti-Capitalist Convergence (ACC), will schon am Freitag, bevor die Tagung offiziell beginnt, das öffentliche Leben in Washington mit Straßenblockaden lahm legen.

Längst werden die Globalisierungsgegner nicht mehr als weltfremde Spinner und gewaltbereite Chaoten abgetan. «Wir sind ihnen dankbar, dass sie Entwicklungsthemen in die Schlagzeilen gebracht haben», sagt Weltbank-Sprecherin Caroline Anstey. Für ihre Argumente haben die Kritiker inzwischen auch einen prominenten Fürsprecher gefunden: «Die Kritiker der Globalisierung werfen westlichen Ländern Heuchelei vor, und sie haben Recht», meint Joseph Stiglitz, bis Januar 2000 Chefökonom der Weltbank und im vergangenen Jahr Nobelpreis-Gewinner.

In seinem Bestseller «Die Schatten der Globalisierung» wirft Stiglitz dem IWF naives Vertrauen in die Märkte vor. «Entscheidungen wurden im IWF oft auf Grund einer merkwürdigen Mischung aus Ideologie und schlechter Volkswirtschaftslehre, Dogma und manchmal kaum verschleierten Sonder-Interessen gefällt», schrieb Stiglitz. «Die Politik der Finanzinstitutionen gehen zu oft mit den kommerziellen und finanziellen Interessen der reichen Länder Hand in Hand.»

Der IWF hat auf das Buch von Stiglitz in unerwartet scharfer Form reagiert. Die Ideen des Wirtschaftsprofessors seien «im günstigsten Fall höchst kontrovers, im schlimmsten Fall Allheilmittel auf Medizinmann-Niveau», sagte IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff im Juli bei einer Weltbank-Gala zur Vorstellung des Buchs im Beisein von Stiglitz. «Ihre Alternativmedizin, mit immer stärkeren Interventionen der Regierungen, ist in vielen Realwelt-Situationen äußerst zweifelhaft.»

Washingtons Polizeichef Charles Ramsey hat sich mit 1600 eigenen und 1700 zusätzlichen Beamten aus umliegenden Bundesstaaten für die geplanten Proteste gewappnet. Ramsey war auch schon im Frühjahr 2000 dabei, als IWF-Gegner die Tagung störten und Teilnehmer am Zutritt hinderten. «Ramsey macht einen exzellenten Job, und davon gehen wir in diesem Jahr auch aus», sagte Weltbank-Sprecherin Anstey.

 


© dpa

Joseph Stiglitz, Professor an der New Yorker Columbia Universität, war bis Januar 2000 Chefökonom der Weltbank und gewann im vergangenen Jahr den Nobelpreis.

 

 Mehr Informationen:

International Monetary Fund - World Bank Group - Annual Meeting

Mobilization for Global Justice

Anti-Capitalist Convergence

DIE ZEIT: "Und das nennt ihr einen Erfolg?"

Enquete-Kommission "Globalisierung der Weltwirtschaft"

vista verde: Globalisierung

 

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