|
Johannesburg: Stress, Papierberge und
schwindender Überblick
Die am kommenden Montag beginnende
größte UN-Konferenz der Geschichte drückt Südafrika
bereits spürbar den Stempel auf. Schon jetzt fällt es
den Teilnehmern schwer, noch alles zu überblicken.
Von Ralf E. Krüger, dpa
Johannesburg (dpa) - Seit Wochenbeginn
haben Tausende von Pressesprechern, Hilfswerk-Managern Umweltaktivisten
und Diplomaten die Metropole Johannesburg in einen einzigartigen
Marktplatz der Ideen und Konzepte verwandelt. Rund 7000 Organisationen
- vom Blinden-Hilfswerk bis zu den «Freunden der Erde»
- erörtern auf dem Treffen der regierungsunab- hängigen
Hilfswerke Themen wie Umwelthaftung, Rechte der Urvölker
oder Bio-Piratentum.
Richter, Bürgermeister,
Häuptlinge und Naturheiler arbeiten an einem Programm, das
dem UN-Weltgipfel als Aktionsplan vorgelegt werden soll. Die zentralen
Veranstaltungen finden auf dem bei Soweto gelegenen NASREC-Konferenzgelände
statt, aber auch in anderen Städten. Allein auf dem weitläufigen
NASREC-Gelände sind es täglich 90 Konferenzen und Symposien,
die durch Info-Aktionen an mehreren 100 Ständen ergänzt
werden. Kein Wunder, dass selbst den Organisatoren in Johannesburg
- zum Gipfel eigens zum Markenzeichen «Jo'burg» umbenannt
- längst die Übersicht abhanden zu kommen droht.
Es ist die Masse, die erschlägt.
«Ich finde es jetzt schon schwer, noch alles zu überblicken»,
klagt Greenpeace-Sprecher Björn Jettka, der jeden Morgen
erst einmal meterlange Mails und Erklärungen lesen muss.
Die für Greenpeace so wichtige Umwelthaftung wurde auf einer
Sonderkonferenz debattiert - wo, wusste niemand so recht zu sagen.
Organisationen wie die Heinrich-Böll-Stiftung bemühen
sich redlich, angesichts der anschwellenden Papierberge Hilfestellung
zu geben. «Es ist schade, denn auf den Neben-Veranstaltungen
passieren oft weitaus interessantere Dinge als auf Diskussionsforen»,
klagt Jettka.
Eine dieser Veranstaltungen fand
am Freitag fast 100 Kilometer außerhalb Johannesburgs in
einer Lodge bei dem Ort Kameeldrift (Kamelweide) statt. Die von
der Deutschen Bundesstiftung Umwelt unterstützte 7. Internationale
Seen-Konferenz (Living Lake Conference) mit 120 Wasserexperten
tagte dort - Klaus Töpfer, Chef des UN-Umweltprogramms (UNEP),
war einer der Redner. Er zeigte sich als Befürworter des
Mega-Treffens. «Sehr wahrscheinlich wird es nach dem Gipfel
Enttäuschung und Kritik geben, ähnlich wie damals in
Rio. Aber es wäre unverantwortlich, deswegen zu resignieren.»
Ihm sei ein Gipfelende mit realistischen
Zielen lieber als eins mit sehr hohen, aber unerreichbaren Zielen.
«Es geht nicht darum, hochfliegende Visionen zu kultivieren,
sondern um das Gipfel-Motto: «Make it happen» (Lass
es geschehen). Ziel der Konferenz ist es, Beschlüsse vorangegangener
internationaler Treffen umzusetzen. Der Menschheit sollen konkrete
Lösungsmodelle für ihre grundlegenden Probleme sowie
eine bessere Bewirtschaftung der Erde geboten werden, Armut und
Wassermangel sollen bekämpft, der Welthandel fairer gestaltet
werden. Ob das Ziel erreicht wird, ist angesichts noch vieler
offener Streitpunkte nach wie vor fraglich.
Sicher ist bereits die Produktion
tonnenschwerer, wortgewaltiger Erklärungen und Manifeste.
Allein für den UN-Gipfel schätzt der Leiter des Dokumentationszentrums
den Papier-Ausstoß während der zehntägigen Veranstaltung
auf 10 Millionen Seiten.
|